Eine Art individuelles Facebook fürs Unternehmen

Von: Thorsten Karbach
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Sieht die Vorteile einer Unternehmenscommunity: Experte Jan Siegers vom Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) an der RWTH Aachen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Wenn erfahrene Mitarbeiter in den Ruhestand gehen, verliert jedes Unternehmen irgendwie auch Know-how. Wenn junge Mitarbeiter neu in ein Unternehmen kommen, dann müssen sie sich zunächst einmal einleben.

Wissen im Unternehmen zu halten und gleichermaßen neuen Mitarbeitern eine Einstiegshilfe an die Hand zu geben, das sind zwei Aufgaben, die ein soziales Netzwerk in einem Unternehmen leisten kann. Ganz plakativ ausgedrückt: Es geht um eine Art individuelles Facebook für Unternehmen. Das steht hinter dem Projekt „iNec“, in dem das Forschungsinstitut für Rationalisierung FIR an der RWTH Aachen seit Januar 2012 die Chancen eines solchen sozialen Unternehmensnetzwerks untersucht. Drei Jahre nach dem Start des Projektes, das vom Bundesministerium für Bildung und Wirtschaft gefördert wird, ist klar: Die Chancen sind groß. Wenn nicht gar riesig.

Was bedeutet dieses iNec?

Das Akronym iNec steht für „Innovation durch Experten-Communitys im demografischen Wandel“. Denn vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Befürchtung, dass die deutschen Unternehmen in kurzer Zeit viele gestandene Arbeitskräfte in den Ruhestand verabschieden und damit wichtiges Expertenwissen und gleichermaßen Innovationskraft verloren geht, hat die Bundesregierung eine Initiative. Das Projekt ist letztlich ein Teil davon. „Das Problem ist, dass Mitarbeiter in den Ruhestand gehen und ihr großes Wissen mitnehmen. Die Frage ist: Wie kann dieses Wissen an die nächste Generation weitergegeben werden?“, erläutert FIR-Projektkoordinator Jan Siegers. Durch Vernetzung von Alt und Jung mittels einer firmeninternen Community soll dies möglich sein.

Ist das denn so neu?

Dass ein Unternehmen eine interne Plattform zum Austausch oder zur Information der Mitarbeiter schafft, ist grundsätzlich nicht neu. Sogenannte Intranets gibt es seit zig Jahren. Doch der iNec-Ansatz geht deutlich weiter, ist mehr ein Intranet 2.0, um die digitale Ausdrucksweise aufzugreifen. Die große Herausforderung einer solchen internen Plattform zum Austausch ist einerseits, die Mitarbeiter, gerade die älteren, zum Mitmachen zu bewegen und gleichzeitig die Relevanz der Beiträge sicher zu stellen. „Die Erfahrung lehrte uns bislang: Bei solchen internen Communitys wurde meistens der Speiseplan der Kantine diskutiert“, erklärt Siegers. Ist die Currywurst lecker? Schmeckt das Gulasch? Auch das mag wertvolles Wissen für den Mitarbeiter sein, für die Zukunft des Unternehmens ist eine solche Diskussion unerheblich. Um den Mehrwert der Community für das Unternehmen zu gewinnen, müssen die Beiträge sub-stanziell sein. Was das sein könnte, wurde direkt in einem Unternehmen erforscht: Die GEA Farm Technologies GmbH war als Partner aus der Industrie Teil des Projektes. Abteilungen sollten oder durften die Community nutzen, sich über die Arbeit austauschen.

Was hat das Projekt bei GEA gezeigt?

Zunächst einmal galt es, eine Benutzeroberfläche zu gestalten, die für die Mitarbeiter einfach zu händeln ist und sich automatisch öffnet. Bedienprobleme sind und bleiben ein Hindernis – gerade für die, die nicht mit Computern und Internet groß geworden sind. Dafür sorgte das Aachener Human Computers Interaction Center (HCIC), ein Nachbar des FIR im Cluster Logistik auf dem Campus der RWTH. Die Technologie stammt vom Münchener Unternehmen Intraworlds, das mit Software für Communitys Bosch, BMW und andere ausrüstet und gerade in die USA expandiert. So-cial-Software-Lösungen für solche Communitys sind nicht nur in Deutschland auf dem Vormarsch.

In der Anwendung bei der GEA ging es dann unter anderem um Mentoring, bei dem ältere Mitarbeiter neuen Kollegen als Unterstützer zugewiesen wurden, die dann vor allem über die Community miteinander kommunizierten. Ebenso rege genutzt werden konnte das interne Netzwerk von den Servicetechnikern im Außendienst. Die konnten Fragestellungen direkt ins Forum setzen oder gezielt Kollegen anfragen – mit Fotos und Videos. Jeder Mitarbeiter hat ein Profil, Fragen können nach Parametern automatisch sortiert und vermeintlichen Experten zugestellt werden.

Aber warum spreche ich nicht persönlich mit den Kollegen, und nutzen Mitarbeiter nicht auch WhatsApp und andere Nachrichtendienste, wenn sie unterwegs sind?

Den persönlichen Kontakt kann und soll eine solche Unternehmenscommunity nicht ersetzen. Die Kommunikation in dem Netzwerk hat neben der Schnelligkeit aber den Vorteil, dass das dort diskutierte Wissen gesammelt wird, gestellte Fragen samt Antworten in einer Datenbank gebündelt werden können und nebenbei Fähigkeiten von Mitarbeitern deutlich werden können, die am Ende auch die Innovationskraft eines Unternehmens stärken – wenn eben nicht nur die Entwicklungsabteilung ihre Ideen einbringt.

Die Vernetzung mittels Whats-App und anderen mag es unter Mitarbeitern von Firmen in kleineren Kreisen schon geben. Gewünscht kann sie von Unternehmen nicht sein: Denn hier ist immer die Furcht um die Datensicherheit da, erst recht, wenn es um Innovationen geht. Bei iNec geht es dagegen um eine Softwarelösung – ausschließlich innerhalb des Unternehmens eingesetzt. „Das schafft Sicherheit und freut jede IT-Abteilung“, sagt Siegers.

Wie kann so eine Community in einem Unternehmen denn organisiert werden?

Dafür braucht es einen Experten im Unternehmen, und heimlich, still und leise hat sich ein neues Berufsbild entwickelt: der Community-Manager. Bei Bosch und anderen großen Konzernen wird bereits gezielt in diese Richtung ausgebildet. Schließlich müssen auch die täglich wachsenden Wissensdatenbanken für jeden Mitarbeiter praktisch nutzbar werden.

Wird sich diese Vernetzung der Mitarbeiter durchsetzen?

Natürlich hängt dies in jedem Unternehmen von der Bereitschaft der Belegschaft ab, sich aktiv zu beteiligen. Die Einführung einer solchen Unternehmenscommunity dürfe nicht zu einem kurzen Hype führen, bei dem nach anfänglicher Begeisterung die Teilnehmer wieder abspringen. „Es muss ganz natürlich sein, in der Community zu agieren“, sagt Siegers. Erzwingbar ist das nicht. Belohnung für rege Teilnahme in Aussicht zu stellen – im Sinne von Prämien für von Kollegen als besonders hilfreich empfundene Tipps – können auch nicht wünschenswert sein. Denkbar wäre dann, dass einzelne Mitarbeiter nur noch ihre Communitybeiträge pflegen.

Für wen ist eine Unternehmenscommunity interessant?

iNec-Projektkoordinator Siegers sagt, es lohne sich schon für das Zwei-Mann-Start-up. Er steht mit dieser Meinung nicht alleine da. Branchenriesen wie Microsoft und IBM entwickeln fleißig in diesem Metier. „Spätestens in zehn Jahren wird es vollkommen normal sein, wenn Firmen mit einer solchen eigenen Community arbeiten“, sagt der FIR-Mann. „Es wird sich durchsetzen. Zwangsläufig durch die neuen Mitarbeiter.“ Doch das Ziel ist ein anderes: Es muss sich früher durchsetzen, damit das Wissen derer noch gespeichert werden kann, die in den Ruhestand gehen.

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