Ein Cluster gewinnt Gestalt, der Campus Gesichter

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
6286318.jpg
Eine Idee nimmt Gestalt an: Das erste Gebäude des Cluster Logistik auf dem RWTH Campus Melaten wird bald bezogen werden können. 42 Partner wollen mitmischen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Auf dem Campus Melaten findet Tim Hammer das Wissen, das ihn und seine Lastwagen weiterbringt. Hammer ist der geschäftsführende Gesellschafter des gleichnamigen Aachener Unternehmens. Früher hätte ihn Professor Volker Stich, Leiter des Clusters Logistik an der RWTH Aachen, recht schlicht einen Spediteur genannt.

Doch die internationale Spedition Hammer steht wie die gesamte Branche vor weit größeren Anforderungen, als ein paar Lastwagen auf die Straße zu schicken. Transport ist Logistik und Hammer ein Logistiker.

Keine Frage also, dass sich das Unternehmen für das Cluster Logistik auf dem RWTH Campus immatrikuliert hat. Im Norden der Stadt entsteht auf rund 2,5 Quadratkilometern Fläche (davon 200.000 Quadratmeter auf Melaten) einer der größten Forschungsstandorte Europas – unter großer Beteiligung der Industrie. „Wir müssen nicht dabei sein, um des Dabeiseins wegen. Wir wollen mitmischen, weil wir über großes Know-how verfügen müssen, um mit den ganz großen Logistikern zu konkurrieren“, erklärt er. Hammer zählt 500 Mitarbeiter und 200 eigene Fahrzeuge.

Lange waren diese Cluster, die da auf dem Campus entstehen, eine abstrakte Idee. Jetzt stehen erste Gebäude, laufen spannende Projekte. Die ersten 15 000 Quadratmeter des Clusters Logistik werden Ende Oktober bezogen – es ist Platz für 350 bis 400 Mitarbeiter, jede dritte Stelle wird wohl neu eingerichtet. 27 Millionen Euro werden investiert.

Die Idee wird jetzt mit Leben gefüllt, der Campus mit Menschen, dieses zwei Milliarden Euro schwere Projekt gewinnt Gesicht. Oder besser Gesichter – es sind Menschen wie Tim Hammer und ihre Unternehmen, die Seite an Seite mit den Wissenschaftlern der RWTH auf dem Campus die Zukunft gestalten. Und hinter Tim Hammer und so vielen Anderen stehen hunderte Mitarbeiter – und damit noch mehr Campus-Gesichter.

Und wie Jens Uwe Tonne. Der Wirtschaftsingenieur ist Vorstand der Couplink Group AG aus Aldenhoven – 20 Mitarbeiter, rund 800 Kunden. Couplink schickt keine Lastwagen auf die Reise. Es ist ein Softwareunternehmen, das Standardlösungen (Programme) für Logistikfirmen anbietet, zählt zu den Marktführern der Telematiksoftwareanbieter. Couplink bietet beispielsweise ein Programm, mit dem Firmen die Fahrstile ihrer Mitarbeiter analysieren und ihren Fuhrpark anhand dieser Daten optimieren können. „Wir arbeiten für die Leute, die unterwegs sind“, sagt er. Das Cluster Logistik nennt Tonne eine Modellfabrik. Produziert werden gute Ideen für die Praxis. Für Unternehmen wie seines. Beim Dienstleistungsforum des FIR – dem leitenden Institut des Clusters Logistik – ist er auf den Campus aufmerksam geworden. In Aachen trifft er nicht nur auf Spitzenforschung sondern auch auf ein Netzwerk Gleichgesinnter.

42 Partner sind am Start

42 immatrikulierte Partner zählt das Cluster Logistik bislang. Weitere werden folgen – ganz sicher. „Anfangs war es nicht leicht, jetzt können wir selektieren“, berichtet Stich, der auch Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Rationalisierung an der RWTH Aachen (FIR) ist. „Kooperationen sind ein wichtiger Faktor, um sich erfolgreich im globalen Markt zu positionieren. Eine effektive Vernetzung aller relevanten Akteure einer Wertschöpfungskette fördert und sichert die Wettbewerbsfähigkeit.“ Und das werde nun erkannt.

Ein Unternehmen wie die Bosch Rexroth AG – 5,1 Milliarden Euro Umsatz 2010 mit 34 896 Mitarbeitern, davon 18 226 in Deutschland – habe sich von sich aus gemeldet. Die Spanne der Partner reicht bislang von Lufthansa Technik Logistic Services – 1300 Mitarbeiter, 200 Millionen Umsatz (2011) – bis zur Lebenshilfe Aachen Werkstätten & Service GmbH, einem Sozialunternehmen für Menschen mit Behinderung.

Sie werden natürlich nicht alle in den Neubau auf Melaten einziehen. Das ginge gar nicht. „Wenn wir alle 42 Partner unterbringen wollten, müssten sie sich jetzt schon Büros teilen“, erläutert Ralf Vinzenz Bigge, Geschäftsführer des Enterprise Integration Center Aachen GmbH (EICe), dem „Herzen“ des Clusters im Atrium des Hauses, in dem auch die Innovationslabore und eine Demonstrationsfabrik, in der marktfähige Produkte in Vorserie hergestellt werden, angesiedelt sind.

Stattdessen gibt es drei Formen der Beteiligung am Cluster. Da sind Firmen wie PSI die Mietflächen nehmen und ständige Präsenz zeigen – in diesem Fall auf 600 Quadratmetern. Es gibt 20 Partnerbüros, in die sich Firmen, die in Hamburg, München oder anderswo sitzen, für bestimmte Zeiträume einmieten können. Und es gibt eben Unternehmen, die in der Region beheimatet sind und keine ständige Repräsentanz vor Ort benötigen – wie Hammer oder Tonnes Couplink.

So oder so gewinnt Jens Uwe Tonne ganz neue Möglichkeiten. „Es ist für mich sehr interessant, an diesem Cluster mitzuwirken“, sagt er und hofft auf Antworten. Denn Fragen, wie er mittels Software die Abläufe bei Speditionen noch besser steuern kann, treiben ihn um – und den ehemaligen Studenten aus Paderborn, der mit seiner 2000 gegründeten Firma von Freiburg nach Aldenhoven zog – nach Aachen. Ist es möglich, dass Logistiker, wenn der Wetterbericht für Freitag Glatteis vorhersagt, schon am Donnerstag automatisch darauf reagieren – etwa beim Lagerpersonal? Auf dem Campus ist alles denkbar. „Hier kann jeder seine Stärken ausspielen, und in Zukunft können wir bestimmt gemeinschaftliche Lösungen anbieten.

Themenbasiert, anfassbar – so beschreibt Stich die Forschung, die im Cluster Logistik vorangetrieben wird. „Das ist einzigartig, was hier passieren wird“, sagt er. Und Ralf Vinzenz Bigge fügt hinzu: „Und das Konzept ist absolut marktfähig.“ Daran glaubt Tim Hammer. „Ich gewinne hier einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Und das ist für jeden Unternehmer denkbar attraktiv. Warum soll ein großer Baumarkt mit mir zusammenarbeiten, wenn andere mehr Kapazitäten haben? Wir Kleinen müssen dafür das nötige Know-how vorweisen.“ Seine Beteiligung auf dem Campus soll sich auszahlen. 2012 machte sein Unternehmen 73 Millionen Euro Umsatz.

Flügel für das Laster

Es ist fast 30 Jahre her, dass Tim Hammer seine ersten Erfahrungen mit dem Forschungsinstitut für Rationalisierung gesammelt hat. Die Zusammenarbeit mit dem FIR hat ihn gelehrt, dass sein Unternehmen von der Forschung auf dem kurzem (Dienst-)Weg profitieren kann. Beispielsweise wenn die Idee entwickelt wird, dass mittels Flügeln am Heck seiner Lastwagen Sprit gespart werden kann. Letztlich geht es im Cluster Logistik aber um viel mehr als Transport- und Palettenkosten. „Wir wollen alle Abläufe vom Kunden des Kunden bis zum Lieferanten des Lieferanten verbessern“, beschreibt Bigge. Dafür wurden sieben Roadmaps formuliert – mit den Partnern. Das sind Fahrpläne für die Forscher. Alles ist auf Jahre vorbestimmt, baut systematisch aufeinander auf, erklärt Stich, seit 1997 Geschäftsführer des FIR. „Wir wollen in fünf Jahren nicht sagen: Ups, hier stehen wir also, sondern wir wollen zielstrebig dort angekommen, wie wir es in den Roadmaps avisiert haben.“

Es ist ein ganz großes Rad, was am Cluster Logistik letztlich gedreht wird. Allein in einer Roadmap – dem „High-Resolution-Supply-Chain-Management“ stehen 51 Millionen Euro für Forschungsprojekte zur Verfügung, es sind 29,6 Millionen Euro Fördermittel, 65 industrielle Partner sind in sieben aufeinander aufbauenden Forschungsprojekten beteiligt.

„Wir erhalten Zugang zu Wissen, das uns sonst teuer zu stehen kommen würde“, sagt Tim Hammer. „Dafür lasse ich mich gerne als trial-field, also Testpartner, missbrauchen“, fügt er hinzu und lacht. „Wir forschen an den Problemen der Praxis“, erklärt Stich. „Entwicklungsabteilungen, die diese Arbeit leisten, könnten wir uns doch gar nicht leisten. Das ist schon eine super Geschichte, dieser Campus“, betont Hammer.

Hammer und Tonne mögen zu den kleineren Partnern im Cluster-Logistik-Netzwerk gehören. Sie sind aber nicht zwei unter vielen. „Es wird für Große wie Kleine interessant sein. Gute Ideen entstehen oftmals bei den jungen Wilden. Die müssen unbedingt dabei sein. Der richtige Mix ist das Erfolgsgeheimnis“, meint Bigge. Und der wurde beim ersten Immatrikulanten-Event deutlich, bei dem alle Partner des Clusters Logistik im FIR zusammenkamen.

Gründer erwünscht

Es ist alles etwas später geworden. Eigentlich hätte das Gebäude des Clusters Logistik – die Pläne kommen von Meyer en van Schoten aus Amsterdam, Investor ist die „ante4c“ GmbH – schon im Frühjahr bezogen werden sollen. Andere Universitäten mögen die Verzögerung genossen haben. Doch nun nimmt das Projekt Fahrt auf. Neben dem Cluster Logistik entsteht das für Schwerlastantriebstechnik, ein paar Meter weiter das für Optische Technologien und für Integrative Produktionstechnik. Im Cluster Bio-Medizintechnik und Häusern wie der „Carpus + Partner Werkstatt“ wird längst gearbeitet. Hammer sagt: „Wenn das hier eine helle Lampe ist, kommen die Motten von selber.“

Doch dafür muss erst einmal die Beleuchtung im neuen Gebäude angehen, damit die gemeinsame Forschung ins rechte Licht gerückt wird. Hammer: „Es werden sich hier gewiss auch viele Spin-Offs ergeben.“ Und die Gründer werden dem Campus weitere Gesichter geben.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert