Dolmetscherservice Manos: Die mit den Händen sprechen

Von: Angela Delonge
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Ausgezeichnete Unternehmerinnen: Simone (l.) und Gisela Binczyk aus Düren. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die Sprache der Hände ist für Gisela und Simone Binczyk eine Herzensangelegenheit. Von Kindesbeinen an benutzen die Schwestern aus Düren ihre Hände, um zu kommunizieren, denn die Eltern sind gehörlos.

Die deutsche Gebärdensprache ist – neben der Lautsprache – die Muttersprache der beiden Frauen. Dass Gisela und Simone mit ihrer Hände Arbeit eines Tages ihren Lebensunterhalt verdienen würden, lag nahe. Dass sie gar einen Preis damit gewinnen würden, damit hätte wohl keine von beiden gerechnet.

Nun ist genau das passiert: Gisela und Simone Binczyk haben den 8. Unternehmerinnenpreis Visionplus der Gründerregion Aachen gewonnen. Neben der Ehre erhalten die Binczyk-Schwestern als Gesellschafterinnen von Manos, ihrem seit 2006 in Düren und Köln ansässigen Dolmetscherservice für Gebärdensprache, 3000 Euro Preisgeld. So könne der jährliche Betriebsausflug eben etwas größer ausfallen, da sind sich die Schwestern einig.

Einigkeit herrschte natürlich auch bei der Namenssuche für die gemeinsame Firma vor acht Jahren: Der Name sollte kurz und prägnant sein, die Hände sollten darin vorkommen, geschriebenes und gesprochenes Wort sollten übereinstimmen, damit Gehörlose keine Probleme mit der Aussprache haben. Was lag da näher als das spanische Wort für Hände: Manos? Ein einprägsames zweisilbiges Wort, identisch in Schreibung und Aussprache. Ein schöner Klang.

Gisela und Simone, die früher beide als Gebärdensprachdolmetscherinnen bei einer Kölner Firma angestellt waren, hatten erkannt, dass der Bedarf an Gebärdendolmetschern in Deutschland ständig wächst. Seit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes im Jahr 2002 haben Gehörlose gesetzlichen Anspruch auf einen Gebärdensprachdolmetscher, der sie bei Behörden, Polizei und Gericht, aber auch am Arbeitsplatz, bei Kongressen oder beim Arztbesuch begleitet.

Rund 80.000 Gehörlose und Hörgeschädigte gibt es in Deutschland; sie sind, sobald sie sich in der Welt der Hörenden bewegen, auf eine perfekte Verdolmetschung angewiesen. Was in anderen Ländern längst Standard ist, nimmt hierzulande erst jetzt richtig Fahrt auf. „Je mehr die Inklusion voranschreitet, desto mehr haben wir zu tun“, sagt Simone Binczyk.

Bezahlt werden die Dienste der Gebärdensprachdolmetscher vom Landschaftsverband Rheinland und den Integrationsämtern. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten bei Arztbesuch oder Klinikaufenthalt. Mit 75 Euro pro Stunde wird die Arbeit eines Gebärdensprachdolmetschers vergütet, zuzüglich Fahrtkosten.

In Deutschland bislang einzigartig ist der „Dolmetscherausweis“ – ein neues Projekt der Städteregion Aachen mit den Kreisen Düren und Heinsberg: Für neun Stunden pro Quartal steht jedem Gehörlosen ein Gebärdensprachdolmetscher für den privaten Bereich zur Verfügung. Simone Binczyk: „Da können Gehörlose auch mal zu ihrem Bankberater gehen oder zum Autokauf. Oder Eltern können mal zur Infoveranstaltung in die Schule.“

Es tut sich einiges auf diesem Gebiet, sagen die Schwestern, Gehörlose seien selbstbewusster geworden. Soweit wie in Australien, wo sogar die Fernsehwerbung gedolmetscht werde, sei man in Deutschland zwar noch lange nicht, aber immerhin: Etwas über 100 Gebärdensprachdolmetscher und elf Dolmetschdienste gibt es mittlerweile in Nordrhein-Westfalen, und der Bedarf ist weiter groß. „Wer in den nächsten zwei Wochen einen Gebärdensprachdolmetscher seiner Wahl engagieren will oder muss, wird mit Sicherheit scheitern“, versichern die Binczyk-Schwestern.

Das Wahl- und Wunschrecht garantiert einem Gehörlosen einen Dolmetscher seiner Wahl, woraus naturgemäß persönliche „Lieblingsdolmetscher“ erwachsen. Schließlich ist die Übersetzung von Gebärdensprache eine ganz individuelle, sensible Angelegenheit, getragen von Vertrauen und subjektivem Empfinden. Verständlich, dass die Firma Manos kontinuierlich wächst. 14 Leute sind dort schon beschäftigt, davon acht Gebärdensprachdolmetscher. Die Umsätze haben sich in den ersten Jahren seit der Firmengründung jährlich verdoppelt, auch jetzt legt die Firma noch 40 bis 50 Prozent pro Jahr zu. Viel mehr geht an den jetzigen Standorten aber nicht, das Team sollte nicht mehr als zehn Dolmetscher haben. Langfristig haben die Schwestern deshalb die Expansion im Blick – mit Niederlassungen in ganz Deutschland.

„Gebärdensprachdolmetscher ist ein Beruf mit Zukunft“, sagen Gisela und Simone Binzcyk. Professionell und konzeptionell mit den Mitarbeitern im Team zu arbeiten, so lautet das Erfolgsrezept der Firma Manos. Absolventen nach dem Studium in der Praxis zu begleiten ist nach Binzcyk‘scher Überzeugung die Voraussetzung dafür, am Ende einen guten Gebärdensprachdolmetscher zu bekommen. Höchste Qualifikation ist demnach das A und O der Firma Manos. Die Binczyk-Schwestern sagen dazu: „Ein guter Dolmetscher übersetzt von der Lautsprache in die Gebärdensprache und umgekehrt und berücksichtigt stets die kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Gesprächspartner.“

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