Digitalisierung: Keine Angst vor dem Unvermeidlichen

Von: Alexander Barth
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Vielseitiger Macher: August-Wilhelm Scheer gründete 1984 aus seinem Universitätsinstitut heraus die IDS Scheer AG. Von 2007 bis 2011 war er Vorsitzender des digitalen Branchenverbandes Bitkom. Foto: dpa

Aachen. Universitätsprofessor, Software-Unternehmer und Musiker: „Ich habe drei Leben parallel gelebt“, sagt August-Wilhelm Scheer selbst. Am Mittwoch spricht der 75-Jährige im Super-C-Gebäude der RWTH Aachen über die Geheimnisse der Digitalisierung und darüber, wie die Wirtschaft ihnen künftig begegnen sollte, um den Wandel erfolgreich zu meistern.

 Im Interview zeichnet Scheer den Weg zur Industrie 4.0 vor und wirbt für einen furchtlosen Umgang mit den Chancen.

Herr Scheer, ist die deutsche Wirtschaft den Anforderungen des digitalen Wandels hin zur Industrie 4.0 gewachsen?

August-Wilhelm Scheer: In einigen Bereichen ist man gut aufgestellt, so dass international bemerkenswerte Ergebnisse zu verzeichnen sind. Das gilt etwa für die Automobilindustrie, den Maschinenbau oder auch für die Medienbranche. Wir haben aber auch Probleme. Es ist bekannt, dass der Mittelstand noch nicht besonders aufgeschlossen ist, die Digitalisierung voranzutreiben.

Das liegt sicher auch daran, dass andere Fähigkeiten als bisher gefragt sind, um erfolgreich zu sein. So sind etwa heute Ingenieure mit IT-Kompetenzen gefragt. Vielen Unternehmen fällt das Umdenken auf neue Anforderungen noch schwer. Dabei gibt es in Deutschland einen wichtigen Vorteil. Wir haben die Industrie hier behalten, während andere Länder wie Großbritannien, Frankreich oder die USA ihre Produktionskompetenzen in ganz entscheidendem Maße verloren haben. Jetzt müssen wir zusehen, wie wir unsere hiesigen Kompetenzen in die digitalisierte Arbeitswelt mit der Industrie 4.0 hinüberretten.

Sie sprechen den Mittelstand an. Wie werden Unternehmer abgeholt, die der Digitalisierung mit Respekt oder Unsicherheit begegnen?

Scheer: Man muss immer die Chancen betonen, um die Furcht vor starken Veränderungen abzumildern. Die Chancen sind tatsächlich da, wenn bestehende Kompetenzen mit den Möglichkeiten der Digitalisierung verbunden werden. Dafür muss der Unternehmer natürlich aufgeschlossen sein für neue Geschäftsmodelle. Unternehmen müssen sich verändern wollen, nicht nur von den Produkten her. Es genügt nicht, reine IT-Funktionalität herzustellen. Beim kompletten Geschäftsmodell mit seinen Abläufen muss ein Umdenken stattfinden. Um das zu schaffen, gibt es Hilfen. Die Industrie- und Handelskammern bieten Informations- und Kommunikationsplattformen für direkten Austausch an. Der digitale Branchenverband Bitkom tut ebenfalls einiges, etwa mit einer Informationstournee. Darin liegt auch ihre Aufgabe – die Mitglieder motivieren, optimistisch neuen Möglichkeiten zu begegnen. Wenn das nicht passiert, werden in Deutschland Chancen verpasst.

Nicht nur Unternehmen, auch Berufsfelder verändern sich. Haben Sie Beispiele parat?

Scheer: Viele aktuelle Geschäftsmodelle werden auf der Grundlage von Datenanalyse aufgebaut. Dabei müssen Muster und Effekte erkannt werden, der Datenanalyst ist konkret ein neuer Beruf. Neue Berufsfelder entstehen mittlerweile aber auch losgelöst von der eigentlichen Fachkompetenz. Zum Beispiel können Informatiker bei der Analyse von medizinischen Datenbanken auf Zusammenhänge stoßen, die von einem ausgebildeten Mediziner nicht erkannt werden. Beispielhaft für Wandel ist auch die Automobilindustrie. Dort werden massenhaft Ingenieure mit IT-Kompetenzen benötigt, um etwa führerlose Fahrsysteme zu entwickeln. Hinzu kommt, dass diese Firmen sich längst nicht mehr nur über ihre Autos definieren, sondern sie präsentieren sich als Mobilitätsunternehmen. Das öffnet sie für neue Berufsfelder.

Eine von Ihnen vertretene Formel lautet in etwa so: Starke Persönlichkeit, starker Unternehmer. Gilt das auch für die digitale Wirtschaft?

Scheer: Im Grunde ja, nur dass sich die Profile von heute erfolgreichen Unternehmern massiv von denen früherer Generationen unterscheiden. Das sind dann etwa die vielzitierten Garagenfirmen, die zu Weltunternehmen werden. Oft kommen die Gründer auch nicht mehr aus der eigenen Branche. Nehmen sie die Gründer der Internetplattform Airbnb.

Das waren keine Tourismusfachleute, sondern Studenten, die eine Mieterhöhung bekamen und dann ihren vorhandenen Platz als Übernachtungsmöglichkeiten angeboten haben. Ein anderes Beispiel für erfolgreiche Quereinsteiger ist Elon Musk, Gründer des Bezahldienstes Paypal und prägende Figur beim Elektroautobauer Tesla. Der Mann kam weder aus dem Bankenwesen noch aus der Automobilindustrie. Erfolgreiche Unternehmer sind heute solche Menschen, die sich einer Branche annehmen, für die sie sich interessieren, zu der sie aber nicht unbedingt fachlichen Bezug haben. Im Idealfall sind sie so hartnäckig und zielstrebig, dass sich die Idee durchsetzt.

Seit Jahren fordern Sie mehr Unternehmergeist in Deutschland, um international eine größere Rolle zu spielen. Ist von diesem Geist mittlerweile mehr zu spüren als in früheren Jahren?

Scheer: Es gibt in jedem Fall viele gute Ansatzpunkte. Berlin ist ein Zentrum der Start-up-Szene, ebenso interessant sind München oder Karlsruhe. Aachen ist ebenfalls ein spannender Standort, besonders durch das Umfeld der Hochschulen. Das veranlasst mich zu sagen: Es geht aufwärts mit dem modernen Unternehmergeist. Ich wage allerdings nach wie vor zu bezweifeln, dass wir in Deutschland in absehbarer Zeit auf ein Niveau wie im Silicon Valley kommen.

Das dort vorhandene Kapital und die Netzwerke sind eine andere Kategorie, die Nähe zu Eliteuniversitäten spielt ebenfalls eine Rolle. Außerdem sind die ganz realen erfolgreichen Vorbilder buchstäblich greifbar. Wenn jemand vor Jahren in der Uni neben Steve Jobs gesessen hat und sich später sagt: du warst nicht schlechter als er, dann ist er einfach näher dran als jemand, der aus Deutschland kommt. Das gilt natürlich auch für junge Unternehmer, die einem Mark Zuckerberg auch mal begegnen können. Wir brauchen mehr positive Beispiele in Deutschland, die man auch vorführen kann.

Welche positiven Beispiele gibt es aus Ihrer Sicht vorzuführen?

Scheer: Das Bundesforschungsministerium unterhält das Programm Software Campus, mit dem IT-Führungskräfte von morgen gefördert werden. Herausragende Studenten und Doktoranden werden mit Mentoren zusammengebracht, die sowohl aus der Forschung als auch aus der Wirtschaft kommen. So sehen sie auch zeitig, dass es mehr als die Universitätswelt gibt, sondern auch interessante Lebens- und Arbeitswege in der Industrie. Generell ist in Deutschland die akademische Welt noch zu stark von der praktischen Welt getrennt. Das muss sich ändern. Dazu tragen auch Universitätsprofessoren bei, die beide Welten kennen. Sie sind wichtige Figuren in diesem Spiel, wenn es um die Aufhebung der Trennung geht.

Sie sind leidenschaftlicher Musiker und haben immer wieder die Vergleichbarkeit des Jazz mit der Wirtschaft betont, was Zusammenspiel oder Improvisation angeht. Wie ist der digitale Unternehmer erfolgreich? Als Solist, in der Formation – oder funktioniert beides?

Scheer: Beides muss möglich sein. Wir haben schon über Persönlichkeiten gesprochen. Die gab es früher, wie es sie heute gibt. Es gab Gottlieb Daimler oder Robert Bosch, heute sind es Mark Zuckerberg und andere. Auch in der digitalen Welt werden starke Charaktere besonders wahrgenommen, weil sie die Welt verändern können. Aber allein hätte jeder von ihnen sicher nicht so weit kommen können. Unternehmer müssen wie Jazz-Musiker auch Teamplayer sein und andere für Ideen begeistern können, um erfolgreich zu sein.

Auch bei Ihrem Vortrag in Aachen spielt der Jazz eine Rolle.

Scheer: Ja, ich werde auf Bitten des Organisators im Anschluss ein Stück spielen. Dabei stehe ich vor der Herausforderung, jungen Menschen, die hoffentlich da sein werden, eine womöglich für sie altertümliche Musik nahe zu bringen. Daher werde ich die Musik mit einer Story verbinden, die zeigen soll, wie vielfältig man ein Menschenleben gestalten kann. Wenn man so will, habe ich bislang drei Leben parallel geführt: Das eines Wissenschaftlers, eines Unternehmers und das eines Künstlers. Letzteres bei aller Bescheidenheit ausgedrückt. Ich sehe mich da gar nicht als Vorbild, sondern vielmehr als Beispielgeber.

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