Die Wahrheit steckt oft hinter den Worten

Von: Thorsten Karbach
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Ihre Sprachanalyse klingt nach einem erfolgreichen Geschäftsmodell: die Psyware-Gründer (von links) Mario Reis, Christian Greb und Dirk Gratzel vor dem Aachener Firmensitz. Foto: Psyware

Aachen. Nach acht Minuten ist klar, was für ein Charaktertyp der Befragte ist. Ob er zu den Leistungsfähigen, den Ausgeglichenen, den Verausgabten oder schlimmstenfalls zu den Belasteten zählt, bei denen die Gefahr eines Burn-outs durchaus alarmierend ist. Acht Minuten lang werden bei einem Telefonat Alltagsfragen gestellt und die Antworten analysiert. Entscheidend ist nicht, was geantwortet wird, sondern wie.

Die Analysesoftware versteht nicht, ob über die Familie oder Fußball, über Job oder das Wetter gesprochen wird. Und es wäre zu einfach, nur negative Vokabeln als Indikator herauszugreifen. Es gibt viel mehr zu hören.

Die Aachener Firma Psyware, ein Unternehmen für psychologische Anwendung und Beratung, hat eine Sprachschema-Erkennung (Voice-Check) entwickelt, die an Hand der Sprache sehr viel über einen Menschen aussagt. Precire, so heißt die Entwicklung, ist ein bislang einzigartiger Ansatz. Mit der Aachener Krankenkasse Actimonda gibt es einen Kunden, der die Möglichkeiten, die die psycholinguistische Software bietet, nun aktiv nutzen will: In dem mittels eines Telefonats das Befinden eines Menschen untersucht wird – und unterm Strich einer der vier Charaktertypen steht. Das Angebot richtet sich speziell an die Versicherten, es ist absolut anonym, nicht einmal Actimonda-Mitarbeiter können die Ergebnisse eines Versicherten einsehen.

Voll im Trend

Es geht darum, Sprache zu verstehen. Nicht die Worte, sondern die Emotionen, die dahinter stecken. Es läuft über einen formalen, quantitativen Ansatz, der auf ganz viel psychologisches Wissen zurückgreift. Es geht nicht nur darum, ob jemand „nicht schlecht“ oder eben „gut“ sagt, sondern um sehr viel mehr.

Es gibt rund 150 Kategorien, in denen gemessen wird. 50 beschäftigen sich mit rein akustischen Parametern. Wie schnell wird gesprochen? Wie modelliert ist die Aussprache? Wie viel Vibration ist in der Stimme? Die übrigen Kategorien untersuchen die Auswahl, Häufigkeit, Sortierung und Struktur von Worten und Sätzen. Gesucht wird nach Auffälligkeiten. Das ermöglicht am Ende genannte Einstufung zwischen – in der Krankenkassen-Anwendung – leitungsfähig und belastet. Wer sich hier mittels des kostenlosen Telefonats hat einstufen lassen, der findet dann auch unverbindliche Ansätze, wie er sein Befinden verbessern kann. „Der Versicherte hat stets das Zepter in der Hand“, betont Psywares Mario Reis.

Mit der Anwendung im Kontext der Krankenkasse trifft Precire einen gewaltigen Trend. „Stress, Ängste und Belastungsphänomene nehmen zu. Wir brauchen für die psychologische Beratung neue Technologien“, ist Geschäftsführer Dirk Gratzel überzeugt. Letztlich soll der Test eine vorbeugende Funktion haben. „Ähnlich wie eine Impfung“, erläutert Reis.

Gratzel, Reis und Christian Greb haben Psyware 2012 gegründet. Ihr Ansatz ist einmalig. Kein Wunder: Lange war es gar nicht möglich, derart umfangreich zu analysieren, weil bis in die 1990er dazu die Rechnerkapazitäten fehlten. Im Vorfeld wurde die gesamte deutsche Sprache inventarisiert. Schließlich gab es fünf Studien, mehr als 1000 Teilnehmer wurden „vermessen“. „Wir wissen, wie sich Ausgeglichenheit, Wut, Fürsorglichkeit oder Traurigkeit in der Sprache verstecken“, sagt Gratzel.

Bei Psyware arbeiten Psychologen, Mathematiker, IT-Spezialisten und Wirtschaftswissenschaftler zusammen. Unterstützung fanden die Gründer – auch finanziell – durch den „Seed Fonds Aachen II“ und die DAS Invest. Kooperiert wird mit der RWTH Aachen, der Universität Trier und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken. Know-how ist also reichlich vorhanden, um Precire weiterzuentwickeln. 2014 will Psyware Gewinne machen, die erste Umsatzmillion wird angepeilt. Das ambitionierte Ziel ist die Marktführerschaft im Bereich der automatisierten Sprachanalyse.

Geschäftsführer Dirk Gratzel – promovierter Jurist und Wirtschaftswissenschaftler mit psychologischer Zusatzausbildung – war Werbetexter und hat sich sein Studium als Journalist finanziert. 2007 begann der Psyware-Hauptgesellschafter als Berater mit dem Schwerpunkt Leistungspsychologie, coachte Trainer und Ausbilder – etwa der Polizei – und arbeitete mit Fachkräften. Immer ging es (auch) um deren Sprache. Er hätte kein Unternehmen gründen müssen. Es lief gut. Aber die Psyware-Idee änderte alles.

„Es ist schon auffällig, wie viel Sprache über einen Menschen erkennen lässt und welche Feinheiten die Wirkung von Sprache beeinflussen“, sagt er. Er setzte sich mit Trainern auseinander, die die Sprache ihrer Spieler sprechen wollten und sollten. Davon erzählen die Trikots im Flur des Aachener Sitzes der Psyware GmbH an der Goethestraße: Hertha BSC Berlin (Fußball), Alba Berlin (Basketball), Füchse Berlin (Handball). Seine Faszination für Sprache und ihre Wirkung hat er von Berlin mit nach Aachen mitgenommen.

Die visionäre Idee, an Hand der Sprache eines Menschen ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen, ist für viele Branchen attraktiv. Insbesondere für Personalabteilungen oder auch für Berater. Und das Interesse wächst, die Aachener sind bundesweit ins Blickfeld geraten. Die Anwendung auf der Homepage der Actimonda, einer Art Online-Geschäftsstelle, ist erst der Anfang.

Ein Ampelsystem verdeutlicht dem Versicherten sein Befinden. „Verständlichkeit ist immer der entscheidende Schritt zu Akzeptanz. Und gleichzeitig darf es nicht banal klingen“, erläutert Reis. Die Ampel ist ein deutliches Signal. Rot sollte sie besser nicht stehen. Dann ist es an der Zeit, therapeutisch einzugreifen. „Wir wissen, dass jeder von uns mit einer Depression konfrontiert sein kann. Und wir wissen, dass wir gerade bei Stresserkrankungen frühzeitig einwirken können“, erläutert Psyware-Psychologe Fabian Arimond. Die durchschnittliche Ausfallzeit bei einer Depression liegt bei sechs bis acht Monaten. Stresspräventionstrainings – auch damit setzt sich Psyware auseinander - können genau die verhindern. Der Betroffene muss eben nur erkennen beziehungsweise wissen, dass er gestresst ist.

Gratzel sagt: „Das Interesse, Sprache zu psychologischen Zwecken zu analysieren, ist riesig.“

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