Die Landwirtschaft in der Region: Eine Bestandsaufnahme

Von: Hermann-Josef Delonge und Thorsten Karbach
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Unterschiedliche Problemlage: Die Milchbauern in der Region kämpfen mit einem massiven Preisdruck, bei den Ackerbauern stehen die Zeichen auf Wachstum. Allerdings: Neues Land ist extrem teuer. Foto: dpa
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Unterschiedliche Problemlage: Die Milchbauern in der Region kämpfen mit einem massiven Preisdruck, bei den Ackerbauern stehen die Zeichen auf Wachstum. Allerdings: Neues Land ist extrem teuer. Foto: dpa
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„Wir brauchen Transparenz“: Ewald Adams, Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer in Düren. Foto: Jörg Abels

Düren. Milchbauern befinden sich in einer Durststrecke, Ackerbauern haben dagegen gerade sehr gute Zeiten erleben können. So lassen sich die zwei Seiten der Landwirtschaft auch in unserer Region zusammenfassen. So tut es auch Ewald Adams, Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer in Düren. Zum Abschluss unserer Serie „Landwirtschaft heute“ ein Gespräch über...

... die Lage der Ackerbauern:

„Nach wirklich erfolgreichen Jahren mit hohen Getreidepreisen stehen die Zeichen bei vielen Ackerbaubetrieben auf Wachstum. 80 Hektar sind die Betriebe in der Region durchschnittlich groß, aber nur fünf Prozent der Betriebe bewirtschaften bereits mehr als 200 Hektar. Der technische Fortschritt ist enorm. Wo einst der Einreiher die Rüben erntete, sind nun Sechsreiher unterwegs, große Mähdrescher ernten mehr als drei Hektar pro Stunde. Das beschleunigt die Arbeit immens und macht es möglich, in weniger Zeit mehr Land zu bewirtschaften.

Das einzige Problem: Neues Land, das zum Verkauf oder zur Pacht steht, ist rar und deshalb extrem teuer. Aber nicht alle wollen oder können wachsen. Sie verfolgen andere Ziele. Intensiver wirtschaften oder Nebenerwerb sind hier gute Möglichkeiten. Momentan gehen die Preise etwas zurück. Trotzdem: Den Ackerbauern ging es in den letzten Jahren gut. Das ist auch sichtbar. Sie haben ihren Maschinenpark erneuert und in Maschinen- und Getreideläger investiert.

. . . die Lage der Milchbauern:

„Die Milchbauern in der Region halten im Schnitt 60 Milchkühe. Auch hier ist die Tendenz steigend – notwendigerweise. Bei geringeren Gewinnen je Kuh müssen mehr Kühe gehalten werden. Milchvieh bedeutet Arbeit an 365 Tagen im Jahr, die Gewinnchancen haben sich dagegen nicht gut entwickelt. Das Problem ist, dass Investitionen in Milchvieh sehr kapitalintensiv sind. Und weil der Milchpreis seit Jahren weit hinter den Wünschen der Bauern zurückgeblieben ist, konnten die wenigsten Landwirte genügend Eigenkapital zurücklegen, um zu investieren. Kredite müssen abbezahlt werden, die Belastung einiger Betriebe ist hoch.

Wer sich aber nicht weiterentwickelt oder andere Standbeine aufbaut, ist beim Generationenwechsel nicht mehr da. Bei stagnierendem heimischen Markt liegt die Chance auch im Export: Wachsender Wohlstand in der Welt führt zu verstärkter Nachfrage. Dabei konkurrieren wir weltweit, die Kosten dürfen nicht zu hoch werden. Im Inland kämpfen die Bauern mit dem Preisdruck. Butter und Milch werden teilweise verramscht. Im Moment geht es unseren Betrieben nicht gut. Sie haben auch nichts davon, wenn sich der Preis in drei Jahren wieder erholt haben könnte.“

. . . die Nachfolgersuche:

„Das Bild des Agrarindustriellen, der in Florida sitzt und das Geld zählt, das er mit Grünland und Äckern in Deutschland verdient, ist für unsere Region absolut unzutreffend. Wir haben hier nur Familienbetriebe. Es ist auch ausgesprochen schwierig, da von außen reinzukommen. Das ist sehr teuer. Ich formuliere es mal so: Landwirte müssen nicht nur viel im Kopf haben, sie benötigen auch richtig viel Kapital. Wobei: Der Nachwuchs übernimmt einen Hof nicht mehr, weil er dies muss oder die Familie es von ihm erwartet. Er macht es, weil er es ausdrücklich will. Die jungen Leute sind sehr gut ausgebildet und haben Lust, diesen Job zu machen. Wobei es bei Milchbauern schwieriger ist, den Nachwuchs zu begeistern. Milchviehhaltung braucht Leidenschaft und eine bereits bestehende, gute Basis.“

. . . Ökologie und Bio:

„Nur eine bestimmte Gruppe ist in der Lage und bereit, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben. Für mehr als 90 Prozent der Verbraucher steht der Preis an oberster Stelle. Aber natürlich ist das ein großer Trend. Selbst die Discounter haben das erkannt und schreiben sich mittlerweile Nachhaltigkeit, Regionalität und Bio auf die Fahnen. Gleichzeitig haben sie aber kein Problem damit, die Milchpreise so zu drücken. Das ist widersprüchlich.

Das Grundproblem bleibt trotzdem bestehen: Bio oder andere extensivere Produktionsformen haben ihren Preis. Diese Konsequenz muss der Verbraucher, der diese Lebensmittel will, bereit sein zu tragen. Und das kann nicht jeder. Ein weiteres Problem: Im globalen Markt spielt diese Diskussion nicht die gleiche Rolle wie bei uns. Dem muss eine Landwirtschaft, die ihre Produkte weltweit absetzt, Rechnung tragen. Landwirtschaft ist ein Wirtschaftszweig, der den Gesetzen des Marktes gehorcht.“

. . . Landwirte und Umweltschützer:

„Das Verhältnis untereinander hängt sehr von den handelnden Personen ab. Da gibt es auch in der Region große Unterschiede. Umweltfragen sind und bleiben sehr wichtig für die gesamte Landwirtschaft. Landwirte mussten aber schon immer nachhaltig wirtschaften. Sie wollen ja einen intakten Betrieb an den Sohn oder die Tochter weitergeben. Das bedeutet aber nicht, dass sie immer alles richtig gemacht haben.

Neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen darf sich die Landwirtschaft nicht verschließen. Und manchmal braucht es dann auch gesetzliche Vorgaben, um das durchzusetzen. Ich nenne hier als Beispiel nur die Düngeverordnung. Zielführend sind aber auch freiwillige Ansätze wie im kooperativen Gewässerschutz. Andererseits verfolgt die EU-Agrarpolitik seit Jahren das Ziel, die Landwirtschaft für den Weltmarkt fit zu machen. Deshalb ist eine Umweltpolitik mit Augenmaß erforderlich, die die Landwirte finanziell nicht überfordert und nicht mit zu viel Bürokratie gängelt.“

. . . Image und Außendarstellung:

„Es geht darum, ein realistisches Bild abzugeben. Das haben die jungen Landwirte längst erkannt. Die wollen weder beschönigen noch dramatisieren. Konkret bedeutet das: Wenn in der Geflügelhaltung Antibiotika eingesetzt werden, müssen Notwendigkeit und Folgen erklärt werden. Oder Wege gesucht werden, um den Einsatz zu reduzieren. Wir brauchen also Transparenz. Landwirte sind deshalb bereit, ihre Höfe zu öffnen und die Arbeitsweise zu erklären. So können sie mehr Akzeptanz in der Gesellschaft erfahren. Allerdings: Museumslandwirtschaft kann kein Ziel sein. Niemand würde ja auch eine medizinische Versorgung wie vor 100 Jahren haben wollen.“

. . . Forderungen an die Politik:

„Landwirtschaft braucht verlässliche Rahmenbedingungen, die über einen längeren Zeitraum Bestand haben. Das gilt für die Umweltgesetzgebung, aber auch für ein Thema wie die Energiewende. Fachliche Aspekte müssen die Agrarpolitik bestimmen, Ideologen haben in dieser sehr komplexen Branche eigentlich nichts verloren.“

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