Die entscheidenden Nanometer voraus

Von: Thorsten Karbach
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Er hat ein spannendes Thema in die Hand genommen: Während seiner Promotion hat sich Frank Depiereux erstmals mit faseroptischen Messsystemen auseinander gesetzt. Anschließend hat er seine Firma mit eben diesem Angebot gegründet. Einfach war das nicht. Foto: Andreas Steindl
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TH-Professor Brettel Starthilfe für jungeUnternehmensgründer Wirtschaft

Aachen/Düren. Frank Depiereux ist der Konkurrenz die entscheidenden Nanometer voraus. Der Aachener, aufgewachsen in Düren, ist ein Pionier auf dem Gebiet der faseroptischen Messung. Mit seinem Unternehmen Fionec GmbH hat er sich zu einem Marktführer aufgeschwungen, wenn es darum geht, optisch, also absolut berührungslos mittels Licht, technische Bauteile zu messen.

 Er entwickelt – zunächst als Ein-Mann-Firma, mittlerweile mit acht Mitarbeitern – miniaturisierte Sonden, dünner als ein Haar, die der Industrie riesige Vorteile bescheren: Präziser lassen sich Mängel an Produkten nicht messen, die Qualitätssicherung bekommt so eine ganz neue – genau – Qualität.

Depiereux war von Anfang an von dieser Idee überzeugt. 2002 machte er an der RWTH Aachen sein Maschinenbau-Diplom, 2007 promovierte er am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie. Er nennt es heute Glück, dass er dort mit optischen Messsystemen betraut wurde. Es gab eine Forschungsanschlussförderung: Interesse eines Partners aus der Industrie an einem neuen Produkt. Alles lief bestens und der Wille, sich selbstständig zu machen, war bei Depiereux ohnehin immer da: Schon sein Vater und sein Großvater hatten an der RWTH studiert und sich anschließend auf eigenen Beinen behauptet. „Die Selbstständigkeit war immer mein Wunsch“, sagt er heute.

Ohne fremdes Geld

Die Geschichte von Frank Depiereux liefert bis hierhin den Stoff für so eine typische Gründerstory, wie sie die Aachener Hochschulen immer wieder liefer. Doch dann wurde alles anders: Die Wirtschaftskrise ließ den Partner abspringen, der Marktzugriff war weg, und der Bankberater wollte nicht auf die Idee des jungen Ingenieurs anspringen. „Vielleicht war ich dann doch etwas blauäugig“, erinnert sich Depiereux. Gegründet hat er dennoch. Ohne Industriekapital, ohne fremdes Geld – 500.000 Euro sind bei solchen Gründungen sonst keine ungewöhnliche Starthilfe – und ohne Beteiligung eines Forschungsinstituts. Die Kontakte waren zwar bestens, aber der junge Wissenschaftler wollte sein eigener Herr sein. Stattdessen begann Depiereux ganz langsam, in kleinen Schritten. Er verzichtete auf Altersvorsorge, hatte keine Sozialleistungen, dafür ein mulmiges Gefühl und den ganz normalen Gründerzuschuss der Arbeitsagentur. Er hätte jederzeit einen gut dotierten Job in der Industrie annehmen können und gab sich doch mit einem lange überschaubaren Salär als Selbstständiger zufrieden. Er hat Forschungsanträge selbst gestellt, freute sich tatsächlich, als er den Zuschlag für zwei Projekte des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung erhielt.

Nein, viele Gründungen laufen definitiv anders ab. Aber gibt es sie überhaupt noch, die stereotypischen, sozusagen typischen Gründergeschichten? „Strukturell mögen sich Gründungen gleichen, es müssen ähnliche Meilensteine erreicht werden. Aber es sind immer individuelle, spannende Geschichten“, sagt Professor Malte Brettel. Der Prorektor kümmert sich um das Gründerkolleg der RWTH Aachen, er weiß, was Gründer mitbringen müssen: Passion. Und er weiß, warum die Zeiten gerade gut und gleichzeitig auch schlecht für Gründer sind. Denn einerseits –anders als während der Wirtschaftskrise vor fünf Jahren – ist wieder Geld etwa in High-Tech-Gründerfonds auf dem Markt, und es gibt beispielsweise über Crowd-Finanzierung oder sogenannte Business Angels neue Wege, um an Startkapital zu kommen. Andererseits bewirkt die gute gesamtwirtschaftliche Lage auch, dass die Unternehmen viel Geld in die Hand nehmen, um potenzielle Gründer als Mitarbeiter noch während des Studiums oder der Promotion abzuwerben.

Das hat Folgen: Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung erwartet 2013 und 2014 abermals weniger Unternehmensgründungen in Deutschland. 2012 gründeten nach früheren Angaben des ZEW und der Förderbank KfW nur 75.000 Menschen – so wenige wie nie seit Beginn der Erhebungen 2000. In der Gründerregion Aachen waren es 2012 9000 Neugründungen (ohne Zuzüge und Übernahmen), 2009 noch 10.600.

Fast fünf Jahre musste Depiereux durchhalten, um nun eine Erfolgsgeschichte erzählen zu können. Er hat es geschafft, viele andere bleiben trotz finanzieller Unterstützung auf der Strecke. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn hat herausgefunden, dass jedes zweite neu gegründete Unternehmen nach vier bis fünf Jahren wieder aus dem Markt ausscheidet oder unter die Umsatzschwelle von 17 500 Euro pro Jahr rutscht. Besser sind die Erfolgsaussichten im wissensintensiven Bereich, das hat die Untersuchung auf Basis von Umsatzsteuern ergeben. Dafür sind hier die Anfangsinvestitionen und Vorleistungen auch doppelt so hoch wie in anderen Wirtschaftszweigen. „Wer kein Kapital gewinnen kann, muss in kleinen Schritten zeigen, dass seine Idee Zukunft hat. Mit Förderstipendien lässt sich diese Zeit überbrücken. Es braucht kreative Wege, um zu zeigen, wie gut eine Idee ist“, erklärt Brettel.

Für Frank Depiereux und seine Fionec GmbH hat sich der Umsatz seit dem ersten vollen Geschäftsjahr 2008 bis 2012 mehr als versechsfacht, allein von 2011 auf 2012 fast verdreifacht. Als Anfang 2012 der erste richtig große Kundenauftrag von einem Zulieferer der Automobilindustrie einging, war der Geschäftsführer endlich sicher, alles richtig gemacht zu haben. Die Nachfrage wird groß und größer, der Kundenstamm umfasst Unternehmen wie Zeiss und Daimler. „Im Maschinenbau wird man eben erst wahrgenommen, wenn man ein paar Jahre auf dem Markt ist. Und Messtechnik ist immer ein schweres Geschäft. Sie ist qualitätssichernd, aber eben nicht wertschöpfend“, sagt der 40-Jährige und meint: Bei einer neuen Werkzeugmaschine lässt sich berechnen, wann sich die Investition amortisiert. Bei einem Messsystem eben nicht, denn grundsätzlich geht jeder Produzent zunächst einmal davon aus, fehlerfreie Produkte herzustellen. Die Fionec-Sensoren zeigen das Gegenteil.

Software nach Maß

„Wir können 100-Prozent-Prüfungen garantieren“, erklärt Depiereux – mehr Präzision gibt es nicht. „Optische und taktile Messungen sind zwei Welten. Natürlich erscheint die optische Messtechnik zunächst teuer, wenn eine Firma 100 Jahre taktil gemessen hat. Aber die Technik ist nicht mehr aufzuhalten – und wir wollen dabei mitspielen.“ Messen müssen sie sich dabei mit Firmen, die weltweit operieren.

Es sind die der Regel individuelle Maßanfertigungen, die bei Fionec entstehen – samt Software. Etwa für die Qualitätskontrolle von Einspritzdüsen. Es wird aber auch mit einem Mittelständler (Werth Messtechnik GmbH) zusammengearbeitet, der die Aachener Sensoren verwendet. Zudem hat sich die Firma weitere Standbeine aufgebaut: Sie bearbeitet Glasfasern und vertreibt – für den US-Marktriesen Corning Inc. – über einen Webshop Spezialfasern auf dem Glasfasermarkt.

Die Zukunft sieht gut aus – und sie liegt zunächst einmal auf dem Campus der RWTH Aachen, wo die Fionec GmbH Teil des Clusters Photonics wird. Die Nähe zu den Forschungsinstituten ist es, die Aachen für Depiereux zum idealen Standort macht, um auch weiter die entscheidenden Nanometer voraus zu sein.

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