Aachen - Die Chronik eines angekündigten Todes

Die Chronik eines angekündigten Todes

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
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Feingefühl und Präzision: Das braucht es, um eine Nadel herzustellen. Die Aachener Region war einmal Marktführer. Die Zeiten sind lange vorbei. Foto: Stock/Imagebroker

Aachen. Wer ermessen will, welche Bedeutung die Nadelindustrie für die Wirtschaftsregion Aachen hatte, dem seien zwei Dinge angeraten: ein Rundgang durch das Industriemuseum Zinkhütter Hof in Stolberg, wo man beim Betrachten der alten Produktionsmaschinen eine Ahnung vom Handwerk der Nadler erhält.

Und ein Besuch bei Horst Lange, der im Keller seines Hauses nicht nur ein einzigartiges Archiv aufgebaut hat (mit Dutzenden Karteikästen, meterweise Literatur, alten Stichen, Nadelmustern), sondern der auch aus so einem beeindruckenden Fundus an Wissen, Erinnerungen und Dokumenten schöpfen kann, dass seine Erzählungen sich zu einem wahren Wirtschaftskrimi zusammenfügen und weit über Folklore wie die unvermeidliche Geschichte vom Klenkes hinausgehen.

Ein einst so stolzes Gewerbe

Museum, Archiv, Erinnerungen: Vergangenheit. Von einer Zukunft wagt der Nadelindustrie wagt derzeit niemand mehr offensiv zu reden. Von dem einst so stolzen Gewerbe ist nicht mehr viel übrig; mit der Herzogenrather Produktionsgesellschaft für metallische Erzeugnisse mbH (PME), einer Tochter des altehrwürdigen, 1851 gegründeten Nadelherstellers Ferd. Schmetz GmbH, kämpft der letzte produzierende Betrieb ums Überleben. 258 Arbeitsplätze sind gefährdet. Für knapp ein Drittel gibt es derzeit noch Arbeit. Laut Insolvenzverwalter Martin Dreschers stehen die Verhandlungen über eine Transfergesellschaft für die Beschäftigten noch am Anfang. Bis Ende des Jahres muss ein tragfähiges Konzept her, sonst gehen die Lichter endgültig aus.

Wenn man mit Franz-Peter Beckers, dem Ersten Bevollmächtigten der IG Metall in Aachen, über die Nadelindustrie spricht, landet man schnell und fast zwangsläufig bei Garcia Márquez, dem kolumbianischen Literaturnobelpreisträger, und dem schon fast sprichwörtlichen Titel eines seiner Romans: „Der Niedergang der Nadelindustrie liest sich wie die Chronik eines angekündigten Todes”, sagt Beckers. Und noch eine Nummer schärfer: „Die Nadelbarone sind sehenden Auges auf den Abgrund zugegangen.” Wollte man Beckers Böses tun, könnte man das als Gewerkschaftsparolen abtun. Tatsächlich jedoch liegt diese Aussage ganz nahe bei der von Klaus Pavel, selbst einer dieser Nadelbarone und des linken Klassenkampfs völlig unverdächtig. Pavel, dessen Familie 1955 die Rheinischen Nadelfabriken (spätere Rheinnadel) gekauft hatte und der selbst 1971 in das Unternehmen eingestiegen war, spricht von „unverantwortlicher Unternehmer-Arroganz”, von „fehlender Weitsicht” und „blindem Stolz”.

Wenn zwei Männer mit so unterschiedlichem Hintergrund die gleiche Meinung formulieren, sollte was dran sein. Tatsächlich gab es bereits in der 70er Jahren Bemühungen, Allianzen zu schmieden, ein gemeinsames Dach zu entwerfen, unter dem eigenständige Unternehmen mit eigenen Marken und unabhängigen Vertriebsgesellschaften gemeinsam hätten fortbestehen sollen. Treibende Kraft war schon damals Pavel, auch die Gewerkschaft forderte den Zusammenschluss. Pavel schwebte, wie er sich heute erinnert, ein Konstrukt unter einem „neutralen” Management vor. Es ging dabei vor allem um die Steigerung des Produktionsvolumens, um so der Konkurrenz aus Asien (Japan, China, Indien) Paroli bieten zu können.

Doch es kam nicht dazu. Sturheit, Misstrauen, verletzte Eitelkeiten: Viele Faktoren spielten damals mit, sagen Pavel und Beckers. Das Konzepte schaffte es noch nicht einmal auf den Prüfstand, sondern landete im Papierkorb. Pavel selbst musste seiner Belegschaft im Jahr 2003 mitteilen, dass die Nadelherstellung bei Rheinadel keine Zukunft mehr haben sollte - die letzte Bastion in der Stadt Aachen brach zusammen. Rheinnadel lebt als Maschinenbauer weiter.

Andere Nadler haben das nicht geschafft und sind komplett verschwunden. Was den Gewerkschafter Beckers besonders ärgert. „Ich habe nie verstanden, warum nicht viel mehr Unternehmen frühzeitig überlegt haben, was man sonst noch tun kann außer Nadeln herzustellen. Rheinnadel oder auch die Schumag haben es vorgemacht. Maschinenbau - das wäre eine hervorragende Alternative gewesen.”

„Diversifikation” nennt das der Fachmann und meint damit die Ausweitung des Sortiments, neue Produkte für neue Märkte. „So, also betriebswirtschaftlich modern, zu agieren, das war bei den Nadlern absolut die Ausnahme. Die Mehrheit hat nicht investiert, über Bedarf produziert, nie Innovationen ins Auge gefasst, geschweige denn eine Kooperation mit einer Forschungseinrichtung etwa an der RWTH”, sagt Beckers. „Selbst wir als Gewerkschaft haben vor 30 Jahren gefordert, über Rationalisierungen und den immens hohen Lohnkostenanteil wenigstens nachzudenken.

Nichts ist geschehen. Lieber hat man sich gegenseitig kaputt gemacht. Die Unternehmen waren sich spinnefeind.” Als etwa die Firma Leo Lammertz Aachen auf einem Plakat damit warb, die „besten Nadeln der Welt” herzustellen, gab es einen langen Gerichtsstreit mit Schmetz, erinnert sich der Gewerkschafter. „Denn die nahmen auch für sich in Anspruch, die Besten der Welt zu sein.”

Lammertz: gibt es nicht mehr, Schmetz: letzter Ausweg Insolvenz.
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