Der gelbe Paketkopter ist reif für die Insel

Von: Ralf E. Krüger und Thorsten Karbach
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Auf dem Sprung: Eine Paketdrohne von der Deutschen Post fliegt bei Norddeich. Im Liniendienst beliefert die Drohne nun mehrere Monate lang eine Apotheke auf Juist mit Medikamenten. Foto: Nikolai Wolff/Fotoetage/dpa

Juist/Aachen. Ende vergangenen Jahres hatte Amazon noch die Nase vorne. Als der weltgrößte Post- und Logistikkonzern Deutsche Post DHL erstmals eine Paketdrohne über den Rhein schickte, stand der deutsche Jungfernflug im Schatten von Amazon.

Denn der Gründer und Chef des weltgrößten Onlinehändlers, Jeff Bezos, hatte nur wenige Tage zuvor bereits seine eigene Paket-Drohne aufsteigen und vor einem Haus landen lassen. Weltweite Aufmerksamkeit war ihm gewiss. Diesmal beansprucht DHL eine Weltpremiere beim Wettrennen der Logistikkonzerne um die einsatzbereiten Boten-Drohnen der Zukunft.

„Weltweit einzigartig“ sei das Pilotprojekt, bei dem der Konzern im Linienbetrieb nun mehrere Monate lang die „Seehund“-Apotheke der Nordsee-Insel Juist vom Festland aus mit Medikamenten beliefern will. Der Clou der Luftnummer: Anders als von den Behörden bisher verlangt, fliegt der Roboter-Bote nicht in Sichtweite eines Piloten, der den Flug per Fernsteuerung kontrolliert. Ein Autopilot steuert die Drohne – auch wenn aus Sicherheitsgründen eine mobile Station bei Notfällen die Kontrolle übernehmen könnte. Damit hat DHL eine der bisher größten Hürde überhaupt genommen: die Bedenken der Behörden mit ihren strengen Vorschriften gegenüber der Zukunftstechnik.

Gemeinsam mit den beiden Forschungs- und Entwicklungspartnern, dem Institut für Flugsystemdynamik der RWTH Aachen und der Microdrones GmbH, durchlief DHL Paket bereits erste Testflüge – erfolgreich. Für die Aachener Wissenschaftler um Professor Dieter Moormann ist das Projekt eine Herausforderung, auch wenn sie mit dem Juist-Projekt der DHL kein Neuland betreten. Es gibt einen großen Erfahrungsschatz in Sachen unbemannter Flugsysteme – etwa im Katastrophenschutz. So wurden beispielsweise spezielle Flugsysteme entwickelt, die nach der Havarie eines Kernkraftwerks die Strahlenintensität vor Ort messen und die Unfallstelle erfassen; ohne dass sich dabei Menschen in Gefahr begeben.

Das Inselprojekt mit dem Paketkopter wirft aber ganz neue Fragen auf, betont Moormann. Noch vor dem ersten Flug im September mussten Behörden und das Verkehrsministerium von Niedersachsen überzeugt werden, dass ein Flug über die Nordsee sicher ist und auch technisch machbar. Denn immerhin muss eine Strecke von rund zwölf Kilometern überwunden werden – bei oft wechselnden Winden und sogar bei Nebel. „Die Verantwortlichen in den Behörden und vor allem das Land Niedersachsen haben das Projekt nach anfänglicher Skepsis mit großem Sachverstand begleitet und unterstützt“, sagt Moormann.

Sicher ans Ziel kommen

Weitere Fragen drehten sich um die Auswahl der Start- und Landepunkte auf dem Festland und der Insel Juist, den Flugkorridor, Sicherheits- und Notfallsysteme und die Funkverbindung, über die der DHL Paketkopter gesteuert wird. Gleichzeitig mussten sich die Aachener Wissenschaftler gemeinsam mit dem Projektteam um technische Details kümmern. Bei den Analysen im Vorfeld wurde unter anderem untersucht, wie man möglichst energiesparend fliegen kann oder wie der Kopter auf Turbulenzen reagiert und trotzdem sicher ans Ziel kommt.

Zwölf Kilometer muss der Paketkopter unbemannt und autark zurücklegen und schließlich auch noch landen. Da es keine Kamera in dem Kopter gibt, überträgt er permanent seine Flugdaten. Diese werden von einer Bodenstation – in diesem Fall einem speziell für unbemanntes Fliegen ausgestatteten Fahrzeug der RWTH – empfangen. Der verantwortliche Luftfahrzeugführer kann dann bei unvorhergesehenen Ereignissen eingreifen und entscheiden, ob beispielsweise der Kopter umkehren oder einen Notlandeplatz anfliegen muss.

Technisch – das zeigt das Militär bereits seit Jahren – sind Drohnen heute längst beherrschbar. Kein Wunder, dass Logistikdienste und Internet-Riesen wie Google nun weltweit prüfen, wie sie solche Geräte für ihre Zwecke nutzen können. Amazon kündigte bereits an, Pakete per Drohne ausliefern zu wollen und hatte deswegen Anfang Juli bei der US-Luftfahrtbehörde FAA eine Erlaubnis zum Test von Drohnen an seinen Standorten beantragt. Doch die US-Behörden zögern noch.

Die Post DHL schließt Paketkopter-Belieferung nicht aus, wenn es ökonomisch sinnvoll und technisch machbar ist – etwa in dünn besiedelten oder schwer zugänglichen Regionen. Doch man stehe noch ganz am Anfang, sagt Vorstandsmitglied Jürgen Gerdes – bisher handele es sich lediglich um ein Forschungsprojekt und Zukunftsszenarien. Da ist Amazon mit seiner Zukunftsperspektive weiter: Der Anblick von Paket-Drohnen werde eines Tages so normal sein wie Postlaster auf den Straßen, heißt es bei Amazon.

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