Der Funke springt bei der Ausbildung nicht immer über

Von: Thorsten Karbach
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Feuer und Flamme für den neuen Beruf: Betriebe suchen Auszubildende, obwohl es eigentlich ausreichend Bewerber geben müsste. Doch oft passen Bewerber und Ausbildungsplatz nicht zueinander. Foto: obs/u-form Testsysteme GmbH & Co KG/Steinbach Fotografie, Silvia Kro
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Geschäftsführer der IHK Aachen Michael Bayer.

Aachen. Peter Deckers sieht, wie die Betriebe neuen Auszubildenden den roten Teppich ausrollen. Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Aachen weiß, dass die Fäden längst in den Händen der besten Bewerber liegen: Sie können sich ihren Ausbildungsplatz meist aussuchen.

„Die Betriebe können nicht mehr warten, dass die Auszubildenden von sich aus kommen“, sagt Deckers. Sie müssen in die Schulen, um frühzeitig geeignete Bewerber zu gewinnen. Denn genau das ist das Problem auf dem Ausbildungsmarkt: Bewerber und Stellen finden nicht zusammen – oder passen nicht zu einander.

Wie ist die Situation in der Region?

Zur Halbzeit des Ausbildungsjahres 2013/2014 sind 6496 Bewerber (darunter 15 Prozent Abiturienten) bei der Agentur für Arbeit Aachen gemeldet. Das sind 63 mehr als 2012/2013. Davor waren es 5211. Die Zahl der Ausbildungsstellen ist dagegen deutlich angestiegen: von 4323 auf 5041. Das ist ein Zuwachs um 16,6 Prozent. Und das ist auch gut so, findet Jürgen Koch, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Aachen-Düren. „Es ist eine erfreuliche Botschaft, der Ausbildungsmarkt zieht an.“

Wird denn ausreichend ausgebildet?

Jeder vierte Betrieb in der Region bildet aus. Das ist gut, aber längst nicht gut genug. „Die Zahl muss weiter steigen“, fordert Jürgen Koch. Während IHK-Aachen-Hauptgeschäftsführer Michael F. Bayer versichert, die Wirtschaft erfülle ihre Aufgabe und die Zahlen in der Region seien besser als der landesweite Trend, muss Peter Deckers feststellen, dass die Ausbildungsquote im Handwerk nur bei 17 Prozent liegt. Sprich: 83 Prozent der Betriebe bilden nicht aus.

Und das trotz steigender Zahl an Betrieben insgesamt im Kammerbezirk. Die steigt allerdings, weil vor allem zulassungsfreie Betriebe (ohne Meisterpflicht) wie Pilze aus dem Boden schießen. Das ist so gar nicht nach dem Geschmack der Kammer: denn wo kein Meister, da keine Ausbildung. Von den meistergeführten Betrieben sind es 28 Prozent, die ausbilden.

Fündig werden sie längst nicht alle: Zwar wurden mit 337 Lehrverträgen bis jetzt 11,6 Prozent mehr unterschrieben, als im Vorjahr. Doch waren im März immer noch 352 freie Ausbildungsplätze gemeldet. Auch die IHK Aachen zählt rund 400 freie Stellen. „Es gibt bei vielen Bewerbern große Defizite, die aufgearbeitet werden müssten“, sagt Deckers. Die Betriebe müssten lernen, auch schwächeren Bewerbern eine Chance zu geben.

Unterm Strich stehen 3899 unversorgte Bewerber 3270 unbesetzten Stellen gegenüber. Das sind 574 mehr als vor einem Jahr. Ein Beispiel: Es gibt 33 Ausbildungsplätze im Gartenbau, von denen 25 unbesetzt sind, obwohl 35 Bewerber in diesem Bereich bislang unversorgt sind.

Welche Branchen haben besonders große Probleme, Ausbildungsplätze zu besetzen?

Bäcker, Konditoren, Fleischer –die Nahrungsmittelhandwerke haben seit Jahren große Probleme, Bewerber zu finden. Das ist nichts Neues. Aktuell zählt die Handwerkskammer hier dementsprechend 112 freie Stellen. Es mangelt nicht an der nötigen Qualifikation von Bewerbern, viel mehr an der Bereitschaft, früh aufzustehen oder sich die Hände schmutzig zu machen, berichtet Peter Deckers.

Die spannenden Seiten dieser Berufsbilder bleiben unerkannt. Der Funke springt nicht über. Auch im Elektro- und Metallhandwerk werden im Moment mehr als 100 freie Ausbildungsplätze gemeldet. Die IHK Aachen berichtet von Nachwuchssorgen in Gastgewerbe und Einzelhandel. In der Gastronomie sind von 127 zum Ausbildungsjahr gemeldeten Stellen 92 unbesetzt.

Und Bewerber gab es bislang nur 35, von denen 19 noch immer nicht fündig wurden. Auch hier sind es die Arbeitszeiten, die junge Menschen offensichtlich davon abhalten, eine Ausbildung in diesen Berufen zu beginnen. Auch im Metallbereich bleiben hier Stellen unbesetzt. Ein ganz anderes Problem hat die IT-Branche: Hier gibt es zig Bewerber, und dennoch bleiben die meisten Stellen unbesetzt.

„Es sind keine überzogenen Anforderungen, aber die Voraussetzungen sind hoch, und die Bewerber werden diesen oftmals nicht gerecht“, erklärt Gisbert Kurlfinke von der IHK Aachen. Insbesondere für die duale Ausbildung (es ist tatsächlich ein duales Studium) zum mathematisch-technischen Softwareentwickler mangele es an geeigneten Bewerbern – nicht an Bewerbern grundsätzlich.

Welche Perspektiven haben schwächere Jugendliche?

Ein Schulabschluss ist zunächst das A und O. Stefan Graaf, Geschäftsführer des Jobcenters der Städteregion Aachen, weiß das. 90 Prozent der vom Jobcenter betreuten Jugendlichen haben keinen Schulabschluss. Und das ist ein gewaltiger Nachteil auf dem Ausbildungsmarkt. Unter den 6496 Bewerbern des laufenden Ausbildungsjahres sind 36 ohne Schulabschluss, 17 haben noch keine Stelle gefunden.

Grundsätzlich gilt: Je größer ein Betrieb ist, desto leichter ist es, auch schwächere Jugendliche aufzufangen. Denn dort besteht die Möglichkeit, sich mittels Personalabteilungen intensiver um diese Jugendlichen zu kümmern. Aber es gibt auch Branchen, die besser oder schlechter für einen weniger qualifizierten Schulabgänger geeignet sind.

Laut Koch sei beispielsweise die Sicherheitsbranche aufnahmefähiger als andere – insbesondere für junge Männer. Doch der Geschäftsführer der Arbeitsagentur sagt auch: „Wir müssen noch mehr die Talente der Jugendlichen in den Vordergrund stellen. Es gibt keinen Jugendlichen, der gar kein Talent hat.“

Wie kann die Situation auf dem Ausbildungsmarkt verbessert werden?

Die Betriebe müssen sich schwächere Auszubildende leisten können. Deswegen formuliert Jürgen Koch eine Forderung an die Politik: „Wir brauchen überall einen Kümmerer in den Betrieben. Gerade in kleinen und mittelständischen Betrieben muss eine sozialpädagogische Betreuung der Auszubildenden eingerichtet werden können.“

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