Der Ex-Investmentbanker: „So nimmt das Unheil seinen Lauf“

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Bericht aus einer Parallelwelt: der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss. Foto: Arsenal Film

Aachen. Er war ein erfolgreicher Investmentbanker, bis er 2008 ausstieg. Rainer Voss hatte genug seinem Super-Job, von den Milliarden-Geschäften, von den durchgearbeiteten Nächten. Als der deutsche Dokumentarfilmer Marc Bauder Jahre später einen Film über die Praktiken in den gläsernen Machtzentralen der Finanzindustrie plante, traf er auf Voss. Das Ergebnis: der mehrfach preisgekrönte (Europäischer Filmpreis 2014, Locarno 2013) Dokumentarfilm „Master of the Universe“. Er zeigt Voss, der in einem ausrangierten Frankfurter Bankenturm steht und erzählt, wie diese Parallelwelt funktioniert und was falsch läuft. Am kommenden Mittwoch ist der Film in Aachen zu sehen. Voss wird dabei sein und danach mit den Zuschauern diskutieren. Unser Redakteur Hermann-Josef Delonge sprach mit ihm.

Herr Voss, in Martin Scorseses Film „Wolf of Wall Street“ wird die Finanzindustrie als eine Ansammlung von hysterischen, dekadenten, gierigen Menschen beschrieben. Haben Sie sich in diesem Bild wiedergefunden?

Voss: Nein, überhaupt nicht. Das ist Operette. Der einzig vernünftige Spielfilm über die Finanzkrise ist „Der große Crash – Margin Call“ mit Kevin Spacey.

Weil er detailliert auch die technischen Abläufe bei großen Deals beschreibt?

Voss: Genau. Anders als in Scorseses Film. Der beruht auf einer wahren Geschichte, der von Jordan Belfort. Der hat den Leuten wertlose Aktien angedreht, die er zuvor selbst gekauft hatte. Als das den Kurs nach oben trieb, hat er die Papiere mit enormen Gewinnen verkauft. Allerdings: Mit solchen Geschäften kann man nicht die Welt in den Abgrund reißen. Die wirklich großen Deals geschehen in einem anderen Kontext. Auch das zeigt „Margin Call“.

Und diese Geschäfte können die Welt in den Abgrund reißen?

Voss: Das ist jedenfalls die Sorge, die uns jetzt seit Jahren umtreibt.

In Scorseses Film verdienen die Spekulanten so viel Geld, dass sie irgendwann jede reale Beziehung dazu verlieren. Geld wird zu einer quasi religiösen Instanz. Deckt sich wenigstens das mit Ihren Erfahrungen?

Voss: Es geht auf einem bestimmten Level irgendwann tatsächlich nicht mehr um Geld. Und: Es gibt keine Guten und keine Bösen in diesem Spiel. Mich stört das moralinsaure Gerede davon, dass die Finanzwirtschaft die Zivilgesellschaft als Geisel genommen haben soll. So einfach ist die Welt nicht. Ich sehe das so: Wir sind in einem griechischen Drama verstrickt, in dem jeder seine Rolle spielt. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

Wenn es den Investmentbankern nicht um Geld geht: worum dann?

Voss: Man kann das psychoanalytisch oder religiös deuten. Es geht ihnen um Anerkennung und darum, dass sie geliebt werden wollen. Man kann es aber auch einfacher sehen: Sie handeln so, wie sie handeln, weil sie es können.

Wie muss man sich den gemeinen Investmentbankern vorstellen?

Voss: Diese Menschen sind – und ich schließe mich da ganz ausdrücklich ein – letztlich schwache Persönlichkeiten, die sehr stark auf Bestätigung von außen angewiesen sind. Die ziehen irgendwann ihren Investmentbanker-Anzug an und werden in die Gemeinschaft der Investmentbanker aufgenommen. Aus der Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft – man kann auch Kirche oder Sekte sagen – beziehen sie ihr Selbstbewusstsein.

Verstehen diese Banker noch, was sie tun – nicht nur die technischen Aspekte eines Geschäfts, sondern auch die Konsequenzen, die sich daraus ergeben können?

Voss: Damit kommen wir zu einem entscheidenden Punkt: Verantwortung. Wir haben es mit einem System zu tun, das sich zu einer unglaublichen Komplexität entwickelt hat und das bis in die letzten Verästelungen niemand mehr durchdringt. Können wir also Verantwortung verlangen, wenn niemand mehr versteht, wie die Kette von Ursache und Wirkung verläuft? Um es mit einem Beispiel zu überspitzen: Ist der Arbeiter, der die Schrauben gedrechselt hat, die die Teile der Atombombe verbunden haben, dafür verantwortlich, dass Hiroshima zerstört wurde?

Das bedeutet: Verantwortung kann nicht mehr zugewiesen werden? Machen Sie es sich damit nicht zu einfach?

Voss: Wir müssen unterscheiden zwischen Kriminalität und dem „normalen“ Geschäft. Kriminelle Fälle können juristisch verfolgt werden. Mich interessiert viel mehr die Grauzone, wenn Geschäftsmodelle von Banken in Richtung von Kriminalität gehen, weil sich die Renditeerwartungen erhöhen. Also: Der Banker bekommt eine Zielvorgabe, und die muss er erfüllen. Auf normalem Wege ist ihm das nicht möglich, und schon beginnt er zu überlegen, wie weit er gehen kann. Er reflektiert dann nicht mehr darüber, ob das, was er tut, moralisch vertretbar ist. Sondern er macht es, weil es rechtens ist – und weil er es kann. Für mich ist das ein gesellschaftliches Phänomen. Wir haben uns von einer Gesellschaft des Rechttuns zu einer des Rechthabens entwickelt. Für Verantwortungsbewusstsein ist da nicht mehr viel Platz.

Das muss aber nicht auf jede Art von Investmentbanking zutreffen.

Voss: Natürlich nicht. Ich finde, ein funktionierendes Geld- und Bankenwesen ist eine Voraussetzung für ein Gemeinwesen – wenn man denn akzeptiert, dass man im Kapitalismus lebt. Ich ärgere mich maßlos darüber, dass wir uns von ganz wenigen Leuten diese Sache kaputtmachen lassen.

Von den kriminell handelnden Elementen?

Voss: Ja. Und von denen, die in dieser Grauzone unterwegs sind.

Kann man in diese Grauzone überhaupt eingreifen?

Voss: Das ist notwendig und möglich. Aber es ist unwahrscheinlich, dass es passiert. Denn wir reden hier über unterschiedliche Wertvorstellungen. Dabei ist es ganz einfach: Wenn ich einer 88-Jährigen einen auf 30 Jahre geschlossenen Immobilienfonds verkaufe, dann ist das falsch. Das macht man einfach nicht, auch wenn es rein rechtlich erlaubt ist. Diese Banker machen es trotzdem.

Ist dann eine Bankenregulierung, wie sie nach den großen Krisen auf den Weg gebracht wurde, der richtige Weg? Man müsste doch eigentlich an die moralische Verantwortung appellieren – und kann sich ausrechnen, wohin das führt.

Voss: Eine defätistische Sicht, der ich mich nicht verschließen kann. Aber die regulatorischen Maßnahmen sind als taktische Maßnahmen unverzichtbar. Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass wir so weit kommen. Ich bin sehr beeindruckt davon, wie die Regulierer sich gegen die Lobby durchgesetzt haben. Das ändert allerdings nichts an dem moralischen Dilemma. Regulierung kommt immer erst dann, wenn das Kind schon im Brunnen liegt. Wir brauchen aber ein System, dass schon vorher die Notbremse zieht. Modelle gibt es dafür. Ein britischer Ökonom hat ein System vorgeschlagen, dass Banken, die eine gute Unternehmenskultur haben, belohnt werden, indem sie weniger Eigenkapital vorhalten müssen. Der Sparkassen- und Giroverband argumentiert ähnlich. Es ist ja auch albern, wenn eine Sparkasse in Dinkelsbühl so behandelt wird wie die Deutsche Bank.

Warum sind Sie aus diesem System ausgestiegen? Weil Sie eine moralische Erleuchtung hatten?

Voss: Nein. Ich bin ein großer Spießer. Und ich hatte schon immer eine klare Vorstellung davon, was richtig oder falsch ist. Ich bin in meinem beruflichen Leben nie in Konflikte damit geraten. Doch kurz vor der Jahrtausendwende veränderte sich etwas. Damals hatte ich das Gefühl, dass sich das Subsystem, in dem ich arbeitete, mehr und mehr von diesen Werten entfernte. Irgendwann war es dann an der Zeit, die Konsequenzen zu ziehen.

Haben Sie heute noch Kontakt zu Kollegen? Oder werden Sie – vor allem nach Ihrer Mitarbeit an „Master of the Universe“ – gemieden?

Voss: Ich hatte immer nur einen begrenzten Banker-Freundeskreis. Der ist geblieben. Tatsächlich hat mich niemand aus dem Banken-Umfeld versucht zu erreichen, nachdem „Master of the Universe“ hier in Frankfurt gelaufen war. Es kam gar keine Reaktion, weder Zustimmung noch Widerspruch.

Wie erklären Sie sich das?

Voss: Diese Menschen arbeiten in einem derart abgeschlossenen System, dass sie die Fragen, die der Film stellt, nicht verstehen. Weil sie sonst ihre existenzielle Basis infrage stellen würden.

Also verdrängen durch ignorieren.

Voss: Genau.

Wenn dieses System so abgeschlossen ist und so hochkomplex, dass es niemand mehr versteht: Wo ist da der Ansatz für die Regulierung?

Voss: Ein großes Problem. Wir haben ein überkomplexes System, auf das wir mit einer überkomplexen Regulierung antworten, die allerdings nur an Teile des Systems adressiert ist. Dieses System wird nun mit überkomplexen Maßnahmen reagieren, um der Regulierung auszuweichen. Und so weiter. Ich finde, man müsste alle Bankprodukte auf ihre Risiko-Ertrags-Relation hin überprüfen. Nicht die betriebswirtschaftliche, sondern die soziale. Der Hochfrequenzhandel zum Beispiel hat die Risiko-Ertrags-Relation von Chemiewaffen oder Atomkraftwerken. Großer Ertrag für wenige, riesiges Risiko für die Gesellschaft. Gleiches gilt für andere Produkte. Also: weg damit, verbieten!

Sie leben heute als Privatier. Sind Sie glücklicher als früher, als Sie erfolgreich waren und viel Geld verdienten?

Voss: Glücklicher auf jeden Fall.

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