Aachen - Der AachenMünchener-Chef sieht kein Erdbeben

Der AachenMünchener-Chef sieht kein Erdbeben

Von: Anja Clemens-Smicek und Peter Pappert
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Die AM-Zentrale in Aachen: Wie es hier und an den zehn anderen Generali-Standorten weitergeht, darüber verhandeln ab nächste Woche unter anderem AM-Vorstandschef Christoph Schmallenbach (links) und AM-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Karl-Rupert Hasenkopf. Foto: Michael Jaspers
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Die AM-Zentrale in Aachen: Wie es hier und an den zehn anderen Generali-Standorten weitergeht, darüber verhandeln ab nächste Woche unter anderem AM-Vorstandschef Christoph Schmallenbach (Foto) und AM-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Karl-Rupert Hasenkopf. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Unruhe in der Branche der Lebensversicherer ist groß. Alte Verträge mit aus heutiger Sicht hohen garantierten Zinsen belasten die Unternehmen, weil sie wegen der Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank eben diese Garantieversprechen der Vergangenheit heute am Kapitalmarkt kaum noch erwirtschaften können.

Selbst große Konzerne wie die Generali-Gruppe, zu der die AachenMünchener Lebensversicherung (AM-Leben) seit 1998 gehört, überlegen, alte Lebensversicherungsverträge zu verkaufen.

Generali steht zudem eine umfangreiche Umstrukturierung bevor, die mit Arbeitsplatzverlusten verbunden ist. Während die Versicherten also um die Erträge ihrer Lebensversicherungen und um ihre Altersversorgung bangen, wissen die Generali-Mitarbeiter noch nicht, wie sie vom bevorstehenden Stellenabbau betroffen sind. Ungewissheit auch in Aachen, wo die Generali immerhin mehr als 1700 Mitarbeiter beschäftigt.

„Die Stimmung in den Betrieben des Konzerns ist schlecht“, sagt Karl-Rupert Hasenkopf unserer Zeitung. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der AM und Konzernbetriebsratsvorsitzende für die deutsche Generali arbeitet seit 31 Jahren bei der AM in Aachen. „Der Druck aus Italien ist enorm.“ Und das gelte eben auch für die gesamte Versicherungsbranche.

Was haben Kunden zu befürchten?

Zunächst einmal, dass sich am sinkenden Trend in den alljährlichen Standmitteilungen auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Das heißt: Der Garantiezins bleibt mit derzeit 0,9 Prozent äußerst mickrig. Altkunden, denen zwar ein höherer Garantiezins zusteht, müssen weiterhin damit rechnen, dass die bei Abschluss prognostizierte Überschussbeteiligung auf niedrigem Niveau bleibt. Über deren Höhe entscheiden die Versicherer mit Blick auf die Wirtschaftslage und ihre Anlagestrategie jedes Jahr neu.

Was passiert, wenn die Generali-Lebensversicherung ihre alten Verträge verkauft?

Was garantiert ist, gilt. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) und die Finanzaufsicht Bafin, die den Verkauf von alten Policen genehmigen muss, betonen, dass ein Käufer die Verpflichtungen aus den Versicherungen dauerhaft erfüllen müsse; die Bafin prüfe zudem die finanzielle Solidität und Zuverlässigkeit des Erwerbers. Hasenkopf geht allerdings davon aus, dass die Generali-Lebensversicherung ihre Altbestände nicht verkauft.

Welchen Sinn hat ein solcher Verkauf, wenn der Käufer genau das gewährleisten muss, was der vorherige Eigentümer als untragbar empfindet?

Abwickler haben weniger Kosten als klassische Versicherungsunternehmen, weil sie keinen Vertrieb finanzieren und keine neuen Produkte entwickeln müssen. Der VZBV geht sogar davon aus, dass Käufer Synergien schaffen könnten, die den Kunden zugute kommen, wenn sie größere Bestände zusammenfassen.

„Wenn Sie den Bestand verkaufen, geben Sie dem Käufer auch die aufgebaute Kapitalanlage mit. Das kann eine zweistellige Milliardensumme sein“, sagt AM-Vorstandschef Christoph Schmallenbach unserer Zeitung. „Wenn der Käufer glaubt, er könne das besser anlegen, könnte das ein Motiv sein.“

Müssen sich die Kunden also doch keine Sorgen machen?

Nicht ganz – so schätzt es jedenfalls der Bund der Versicherten (BdV) ein. Er spricht von einem Erdbeben in der Versicherungslandschaft und warnt: Ein Investor kaufe alte Lebensversicherungsbestände, „um möglichst viel Rendite zu erwirtschaften. Das geht aber nur, wenn er den Versicherten möglichst viele Überschüsse vorenthält und in die eigene Tasche steckt.“

Schmallenbach widerspricht: „Wir sind ein Leistungsversprechen eingegangen. Und die Garantien, die die Verträge enthalten, werden erfüllt, auch wenn es ein Zins von vier Prozent ist. Das würden wir auch bei einem Verkauf sicherstellen. Ich kann da kein Erdbeben erkennen. Davon zu reden, ist übertrieben und verunsichert die Menschen.“

Was bedeutet die Umstrukturierung bei der Generali-Gruppe?

Der international tätige italienische Konzern will die hierzulande renommierte Marke AachenMünchener aufgeben und deren Geschäfte unter dem Namen des italienischen Mutterkonzerns weiterführen. Ob diese Marketing-Maßnahme 2018 oder später umgesetzt wird, ist offen. So oder so – „wir werden das Lebensversicherungsgeschäft selbstverständlich weiter betreiben und wollen auch künftig erfolgreich wachsen“, sagt Schmallenbach.

Der deutsche Markt sei zwar wettbewerbsintensiv, aber auch ertragreich. „Das Geschäftsmodell der AM-Leben bleibt, nur der Markenname ändert sich.“ Gleichzeitig will aber die Generali-Lebensversicherung, die derzeit im selben Konzern parallel zur AM-Leben agiert, ab Frühjahr 2018 keine neuen Lebensversicherungsverträge mehr abschließen.

Warum soll das Neugeschäft bei der Generali-Lebensversicherung aufgegeben und bei der AM-Leben – wenn auch in Zukunft unter dem Namen Generali – weitergeführt werden?

Man verspricht sich von der Aufgabe eines Zweiges sinkende Kosten; so sollen zum Beispiel die Versicherungsvertreter beider Gesellschaften in einer Organisation zusammengefasst werden. Zudem sind die Verträge der Generali-Lebensversicherung nach Aussage von Schmallenbach zu knapp 70 Prozent kapitalgedeckt, während dieser Anteil bei der AM Leben nur 35 Prozent beträgt. „Deshalb sind wir von der Nullzinspolitik der EZB nicht so stark betroffen“, sagt Hasenkopf. Die AachenMünchener erwirtschafte ihre Erträge wesentlich stärker über verschiedene Fonds.

Welche Konsequenzen haben diese Pläne für die Generali-Mitarbeiter?

Zwar sprechen die Verantwortlichen an der Konzernspitze lieber von einem „Turnaround“ als von einem Sanierungsprogramm, aber im Grunde läuft es auf letzteres hinaus. Hasenkopf kennt die Zahlen der Konzernführung zum Stellenabbau noch nicht. Der Betriebsratschef kann bisher nur spekulieren, geht aber davon aus, dass deutschlandweit mehr als tausend Arbeitsplätze wegfallen werden. Dennoch sei er zuversichtlich, dass mit Hilfe eines Sozialplans betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden sind. „Bisher haben wir das im Konzern immer geschafft.“

Bis 2023 werden nach Hasenkopfs Aussage deutschlandweit fast 800 Mitarbeiter nur aus Altersgründen das Unternehmen verlassen. „Unser Altersschnitt ist relativ hoch. Der Arbeitgeber muss aufpassen, dass er jetzt nicht kopflos reduziert.“ Sonst bestehe die Gefahr, dass man später nicht mehr genügend Personal bekommt.

Wie ist die Situation in Aachen?

„Die Veränderungen werden sich auf die jeweiligen Standorte der Generali in Deutschland unterschiedlich auswirken“, sagt Schmallenbach. „Das besprechen wir in der kommenden Woche mit dem Betriebsrat. Unser Geschäftsmodell ist erfolgreich und wird vom Konzern als solches bestätigt. Außerdem haben wir in Aachen auf dem früheren Gelände des Klinikums eines der weltweit zwei Rechenzentren der Generali-Gruppe.

Das ganze Rechnungswesen und die Steuerabteilung der deutschen Gruppe sitzen hier. Außerdem machen wir in Aachen den gesamten Druck und Versand für die deutsche Generali.“ Für Hasenkopf steht der Aachener Standort denn auch „überhaupt nicht infrage. Er ist einer der wichtigsten und größten der elf deutschen Standorte.“

Wie geht es nun weiter?

Schmallenbach und Hasenkopf verweisen auf die Gespräche von Konzernleitung und Betriebsräten, die kommenden Freitag beginnen und an denen beide beteiligt sein werden. Wann erste Entscheidungen fallen, sei nicht absehbar. „Es soll so schnell wie möglich gehen; alle Mitarbeiter wollen rasch Klarheit haben“, sagt Schmallenbach. Er setzt auf einen „bewährten vertrauensvollen Umgang mit den Arbeitnehmervertretern“.

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