„Den Apothekern geht es nur darum, ihren Markt zu verteidigen“

Von: Christina Merkelbach
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Seit 2009 an der Spitze bei Doc Morris: Olaf Heinrich. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Seit dem EuGH-Urteil im Oktober vergangenen Jahres darf Doc Morris mit Sitz in Heerlen den Kunden wieder Preisnachlass auf rezeptpflichtige Medikamente geben. Setzt sich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mit seinem Verbot durch, könnte damit noch in diesem Jahr aber schon wieder Schluss sein.

„Der Minister bietet eine Lösung für ein Problem an, das nicht existiert“, sagt Doc-Morris-Chef Olaf Heinrich im Gespräch mit unserer Redakteurin Christina Merkelbach.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) plant, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten zu verbieten. Wie weit ist er damit?

Heinrich: Es gibt einen Referentenentwurf, den wir auch schon eingesehen haben. Im Gesetzgebungsverfahren wurden gerade die Stellungnahmen der verschiedenen Verbände eingeholt. Unter anderem sprechen sich die Verbraucherzentrale, der Sachverständigenrat und Verbände der Krankenkassen gegen das Verbot aus.

Auch die Bundes-SPD lehnt das geplante Verbot ab. Ist das Thema wahlkampftauglich?

Heinrich: Horst Seehofer, der selbst Bundesgesundheitsminister war, hat einmal gesagt: „Mit Gesundheit kann man keine Wahl gewinnen, aber Wahlen verlieren.“ Wir sind ja auch nur Zuschauer. Es ist aber sicherlich dem Wahlkampf geschuldet, dass der Eindruck entsteht, aus dem EuGH-Urteil ergebe sich ein großes gesellschaftliches Problem. Das stimmt nicht. Der Minister bietet eine Lösung für ein Problem an, das nicht existiert.

Deutsche Apotheker sehen das aber anders. Sie sagen, dass die flächendeckende Versorgung mit Medikamenten gefährdet sei.

Heinrich: Diese Argumente hören wir seit 2004, als in Deutschland der Versandhandel mit Arzneimitteln von der damaligen Bundesregierung eingeführt wurde. Ich kann nur wiederholen, dass wir uns als Ergänzung zum stationären Handel sehen. Eine Alternative sind wir dort, wo es keine Apotheken gibt.

Das ist auf dem Land häufig der Fall und hängt direkt mit dem Landarztmangel zusammen. Ohne Ärzte gibt es auch keine Rezepte. Auch den Nacht- und Notdienst als Grund anzuführen, den Versandhandel zu verbieten, erschließt sich uns nicht. Bedingt durch das nationale Fremdbesitzverbot dürfen wir nicht daran teilnehmen. Wir zahlen aber jedes Jahr mehr als eine halbe Million Euro in den Nacht- und Notdienst Fonds ein.

Dass wir also die Ursache für das angebliche Apothekensterben sein sollen, ist Unsinn. Der Anteil von EU-ausländischen Versandapotheken am Handel mit rezeptpflichtigen Medikamenten beträgt nach 13 Jahren auf dem Markt gerade einmal ein Prozent. Und das, obwohl von 2004 bis 2012 Rabatte, um die es bei dem jüngsten EuGH-Urteil ging, gewährt wurden. 2012 hat die Bundesregierung diese dann verboten.

Woran liegt dieser nach wie vor geringe Anteil Ihrer Meinung nach?

Heinrich: In diesem Bereich gibt es ein tief verankertes Verbraucherverhalten, das wir bislang nicht durchbrochen haben: Ein Patient bekommt vom Arzt ein Rezept und geht damit direkt in die nächste Apotheke. Dies ist das Verhalten seit vielen Jahrzehnten, das ändert sich weder über Nacht noch in wenigen Monaten. Hinzu kommt, dass man rezeptpflichtige Medikamente bei uns ja nicht per Mausklick kaufen kann, sondern erst noch das Rezept per Post verschicken muss. Vielen ist das zu aufwendig.

Und wie sieht es im Vergleich dazu bei den rezeptfreien Medikamenten aus?

Heinrich: Dort verläuft die Marktentwicklung ganz anders: Etwa 15 Prozent des gesamten Handels erfolgt schon über Online-Apotheken. Übrigens sowohl von mehr als 150 deutschen Versandapotheken als auch aus dem EU-Ausland.

In Deutschland gibt es keine reinen Versandapotheken, die rezeptpflichtige Medikamente verkaufen. Warum ist das so?

Heinrich: In Deutschland haben wir das Fremdbesitzverbot, jede Versandapotheke wird von Apothekern betrieben, die auch eine Präsenzapotheke betreiben. Auch diese werden von Minister Gröhe mit seinem Entwurf bedroht. Dazu kommt: Im Vergleich zu den stationären Apotheken fehlt ihnen der Vorteil der Lage, etwa an einem belebten Marktplatz oder neben einem Ärztezentrum.

Und im Gegensatz zu uns ausländischen Versandhändlern dürfen sie zurzeit keine Rabatte gewähren. Dadurch, dass es uns gesetzlich verboten ist, in Deutschland eine Apotheke zu betreiben, haben wir aus dem Ausland einen Nachteil auf dem deutschen Markt. Den dürfen wir nach europäischem Recht durch Rabatte ausgleichen.

Wie finanziert Doc Morris diese Rabatte? Tatsächlich aus der Marge, wie es immer wieder etwas nebulös heißt?

Heinrich: Ja, wir finanzieren das tatsächlich aus der eigenen Marge.

Haben Sie als Großunternehmen denn beim Einkauf Vorteile?

Heinrich: Für uns gilt dieselbe Situation wie für die Apotheken. Das funktioniert nicht wie im Lebensmitteleinzelhandel, wo man über Größe Verhandlungsmacht aufbaut. Die Pharmabranche tickt anders. Wir sind vom Gesetzgeber dazu verpflichtet, in Deutschland nur deutsche Produkte abzugeben. Deswegen kaufen wir bei denselben Herstellern wie die stationären Apotheken, zu den gleichen Bedingungen. Und warum sollte uns ein Hersteller einen Vorteil gewähren?

Ein weiterer Vorwurf lautet, die deutsche Konzernmutter „Zur Rose“ stärke Ihnen den Rücken, sodass sie Rote Zahlen besser abfedern können als die kleinen Apotheken.

Heinrich: Weder ein Apotheker noch ein Wirtschaftsunternehmen kann dauerhaft Rote Zahlen schreiben. Jede Gründung, jeder Aufbau kostet Geld, das nicht vom Himmel fällt.

Schreiben Sie Schwarze Zahlen?

Heinrich: Unsere Umsatzrendite liegt bei zwei Prozent. Unter dem Strich kommen wir auf eine Schwarze Null. In den vergangenen Jahren haben wir ein kleines bisschen Plus gemacht. Für 2017 planen wir Verluste ein, weil wir nach dem EuGH-Urteil massiv für unsere Marke und den Handel mit rezeptpflichtigen Medikamenten werben wollen.

Sie investieren also in etwas, ohne zu wissen, ob es nicht doch wieder gesetzlich verboten wird.

Heinrich: Das ist unternehmerisches Risiko.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oder die Zuversicht, dass der Bundesgesundheitsminister mit seinem Gesetz nicht durchkommt?

Heinrich: Wir warten jetzt erst mal ab, wie das Gesetzgebungsverfahren läuft. Der Minister kann nicht beweisen, dass der Versandhandel die Versorgung in der Fläche gefährdet. Vielmehr geht es doch darum, ob die wirtschaftliche Situation der Apotheker bedingt durch den Versandhandel gefährdet ist, was der EuGH bereits im letzten Jahr verneint hat, basierend auf Fakten. Aus meiner Sicht geht es den Apothekern nur darum, ihren Markt mit aller Macht zu verteidigen und abzuschotten.

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