David Hansemann: Unternehmer, Sozialreformer, Visionär

Von: Ulrich Kölsch
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Immer aufrecht: das von Bildhauer Heinz Hoffmeister geschaffene Standbild David Hansemanns in Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Bei Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf.“ Dieses Zitat ist für viele Zeitgenossen das einzige, was sie mit David Hansemann verbinden. Zu Unrecht ist der Unternehmer, Politiker und Bankier fast in Vergessenheit geraten. Hansemann, der vor genau 150 Jahren, am 4. August 1864, in Schlangenbad im Taunus während eines Kuraufenthalts starb, war ein Multitalent und seiner Zeit weit voraus.

Bei genauerem Hinsehen sind manche seiner Aktivitäten und Ideen noch in der Gegenwart spürbar. Dazu gehört nicht nur die Versicherungsgruppe AachenMünchener, deren Vorgängerin, die 1825 entstandene Aachener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft, von Hansemann gegründet wurde. Auch die Tatsache, dass die Bahnlinie Köln – Antwerpen über Aachen läuft, ist ihm zu verdanken.

Als jüngstes von elf Kindern am 12. Juli 1790 in Finkenwerder bei Hamburg geboren, musste Hansemann mit 14 Jahren das Elternhaus verlassen und begann eine kaufmännische Lehre in Rheda. Dort erfuhr der junge Mann einen ersten Einblick in Politik und Verwaltung, da sein Mentor zugleich Bürgermeister war. Fünf Jahre später zog Hansemann weiter und arbeitete als Vertreter für Tuchfabrikanten in Monschau und Elberfeld (Wuppertal). Sieben Jahre lang reiste er nun mit der „Normalpost“ quer durch Europa. Damals musste man für eine Reise von Aachen nach Berlin sieben Tage und sechs Stunden einplanen. Hansemann späteres „Lieblingskind“, die Eisenbahn, gab es noch nicht.

Bei seinen Reisen konnte er ein enges Netz von Geschäftskontakten knüpfen, die ihm ab 1817, als er sich als Wollhändler in Aachen selbstständig machte, nützlich waren. Die Geschäfte liefen gut; 1822 konnte Hansemann bereits ein Vermögen von 100.000 französischen Franc ausweisen. Auch im privaten Bereich lief alles bestens: 1821 heiratete er Fanny Fremerey. Sie stammte aus einer in Eupen ansässigen, wohlhabenden französischen Hugenottenfamilie, die auch im Wollhandel tätig war.

Hansemanns Aufstieg in Aachen vollzog sich in einer Zeit des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs. Das Rheinland war unter Napoleon ab 1794 rund zwei Jahrzehnte französisch geworden. Das hatte im politischen Denken der Rheinländer nachhaltige Spuren hinterlassen. Die Idee der Gewerbefreiheit, der kommunalen Selbstverwaltung und eines konstitutionellen Regierungssystems fanden im Bürgertum ein deutliches Echo. Damit standen die rheinischen Liberalen, zu denen auch Hansemann zählte, in deutlichem Gegensatz zum feudalen Ständestaat Preußen, zu dem das Rheinland nach dem Wiener Kongresse 1815 gehörte.

In dieser ersten Phase der Industrialisierung herrschten Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not in weiten Teilen der Bevölkerung. Hansemanns Wollhandel dagegen prosperierte und verschaffte ihm auf Dauer eine finanzielle Unabhängigkeit, die es ihm erlaubte, sich auch im öffentlichen Bereich zu engagieren. Er sah die zunehmende Verarmung und beschloss, dagegen anzugehen, aber nicht durch eine christliche Almosen-Caritas, sondern mit den Mitteln des Unternehmers. „Der Sozialreformer Hansemann wollte keine sozialen Pflaster verteilen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe geben und dafür praktikable Modelle anbieten“, schreibt sein Biograf Heinz Malangré, der Generationen später ebenso wie Hansemann Präsident der Industrie- und Handelskammer Aachen war.

Ein „praktikables Modell“ war 1824 die Gründung der Aachener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft und des Vereins zur Beförderung der Arbeitsamkeit, dem satzungsgemäß die Hälfte der Rendite der Versicherung zufließen sollte. Hansemanns Sozialphilosophie ging davon aus, dass erst einmal Geld verdient werden muss, um anderen helfen zu können. Diese Form von sozialen Kapitalismus war im frühen 19. Jahrhundert einzigartig und zeigt die Weitsicht Hansemanns.

Das „Kombinationsmodell“ Versicherung und Verein wurde ergänzt durch „Prämienkassen“, Vorläufer der späteren Sparkassen, in denen Arbeiter zinsgünstig Ersparnisse anlegen können. Der Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit unterstützte Kindergärten, Selbsthilfeorganisationen für Bedürftige und in der Folgezeit auch die Errichtung einer technischen Hochschule – der späteren RWTH Aachen.

Gleich zwei Mal stand Hansemann als Präsident an der Spitze der „Handelskammer für die Städte Aachen und Burtscheid“ – von 1836 bis 1839 und von 1843 bis 1848. Dabei verstand er seinen Vorsitz durchaus als politisches Amt. Weil er mit seiner liberalen Gesinnung nicht hinter dem Berg hielt, eckte er auch kräftig bei den Behörden an.

In seiner Zeit als Kammerpräsident hat Hansemann Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Eine der Grundlagen für die Industrialisierung in Mitteleuropa war die Entwicklung des Eisenbahnwesens. Das hatte Hansemann frühzeitig erkannt und setzte sich leidenschaftlichen dafür ein, dass die Trassierung der neuen Linie Köln – Antwerpen über Aachen führte und nicht, was billiger gewesen wäre, über Kornelimünster und Raeren nach Herbesthal. In den Diskussionen um die Trasse zeigten sich wieder einige der Qualitäten Hansemanns, die ihn so erfolgreich machten: Zielstrebigkeit und Zähigkeit.

Im Streit mit den Kölner Kaufleuten, die die Haltepunkte Düren und Aachen aus Kostengründen umgehen wollten, setzte er sich schließlich durch. Am 1. September 1841 wurde die Strecke in Betrieb genommen. Die Fahrtzeit betrug drei Stunden. Wenn vom Eisenbahnpionier Hansemann die Rede ist, bezieht sich das aber auch auf sein Engagement bei anderen Linien, etwa bei der Köln – Mindener Bahn, der Aachen – Düsseldorfer Strecke oder der Bahn Aachen – Maastricht.

Verantwortung im politischen Bereich hat Hansemann, der 1828 Mitglied des Aachener Stadtrats wurde, mit den Jahren immer stärker angestrebt. Das führte ihn schon bald über die engere Region hinaus, und schließlich zog er ganz nach Berlin. 1847 wurde er Abgeordneter Aachens im Vereinigten Landtag in Berlin und setzte sich dort für die lange versprochene Preußische Verfassung, für Verkehrsfragen und für die Steuerreform ein. Dabei fiel auch der inzwischen klassische Ausspruch: „Bei Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf, da muss bloß der Verstand uns leiten.“

In Berlin begraben

Höhepunkt seines politischen Wirkens war im März 1848 die Ernennung zum preußischen Finanzminister durch Friedrich Wilhelm IV. Mit Vorschlägen zur Aufhebung der Grundsteuerbefreiung und für eine Einkommensteuer machte er sich allerdings beim preußischen Adel keine Freunde. Schon im September wurde er wieder aus dem Amt gedrängt. Sein Sachverstand als Finanzfachmann blieb allerdings gefragt. Noch 1848 wurde er zum Chef der Preußischen Bank ernannt, die als Notenbank fungierte.

1851 gründete er in Berlin seine eigene Bank, die Discont-Gesellschaft, und krönte so sein Lebenswerk. Nach seinem Tod führte sein Sohn Adolph die Geschäfte weiter. Er machte sie zur größten Privatbank des Deutschen Kaiserreiches und zu einer der renommiertesten in ganz Europa. Um die Jahrhundertwende war die Discont-Gesellschaft die führende Geldadresse in Berlin und fusionierte 1929 mit der Deutschen Bank.

David Hansemann wurde in der Familiengrabstätte auf dem alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg begraben. Sein politisches Credo hatte er bereits 1839 gegenüber einem Freund so formuliert: „Dass ich nicht bezahlter Beamter, sondern Kaufmann bin und in öffentlichen Angelegenheiten nie meinen Vorteil suche – dies ist‘s ja, was jene Stellung mir verschafft und mein Wirken adelt.“

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