Brückenbauer für angehende Azubis

Von: Nina Leßenich
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Erklärt, warum man ausgerechnet jetzt zusätzliche Ausbildungsplatzakquisiteure braucht: Doris Schillings, Geschäftsführerin Operativ der Arbeitsagentur Aachen-Düren. Foto: Harald Krömer
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Findet, dass viele Jugendliche nicht mehr engagiert genug sind: der Aachener Bäcker Johannes Schumacher. Foto: Nina Leßenich

Aachen. Wenn man von Problemen auf dem Ausbildungsmarkt spricht, muss man zwei Seiten beachten: Auf der einen stehen Jugendliche mit mittelmäßigen bis schlechten Abschlüssen, die keine Ausbildungsstellen finden. Auf der anderen Seite stehen die Betriebe, die immer häufiger beklagen, keine geeigneten Azubis zu finden.

Dieser Konflikt zeigt sich auch anhand aktueller Zahlen: Auf noch 1828 freie Ausbildungsplätze im Zuständigkeitsbereich der Agentur für Arbeit Aachen-Düren kommen im Juli noch 2300 unversorgte Bewerber. „Rein theoretisch könnten wir alle Ausbildungsplätze besetzen“, sagt Klaus Jeske, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Aachen-Düren. Aber eben nur rein theoretisch.

Die Realität ist komplizierter: Nicht für jeden Jugendlichen gibt es einen Ausbildungsplatz, oft schon gar nicht im gewünschten Traumberuf. Im Juli beispielsweise wollten noch 219 Jugendliche Kaufmann oder -frau im Einzelhandel werden. Freie Stellen gab es nur noch 126. „Die Zahlen zeigen die Notwendigkeit, mit den Jugendlichen Alternativpläne zu erarbeiten“, sagt Jeske.

Auch für Betriebe ist die Realität eine andere: Der Fachkräftemangel ist schon jetzt ein Problem, „dennoch scheuen sich die meisten Betriebe, ‚schwächeren‘ Jugendlichen eine Chance zu geben“, weiß Doris Schillings, Geschäftsführerin Operativ der Arbeitsagentur Aachen-Düren.

Dieses Spannungsfeld ist der Arbeitsbereich von Ausbildungsplatzakquisiteuren. In 16 Arbeitsagenturen in NRW helfen die Fachleute, Betriebe und schwer vermittelbare Jugendliche zusammenzubringen. Seit Mai gibt es auch in der Agentur für Arbeit Aachen-Düren vier dieser Berater.

„Die Idee ist es zu versuchen, an mehr Ausbildungsstellen zu kommen“, erklärt Schillings. Für Schüler, die nicht die besten Noten haben, sollten bis zu 360 zusätzliche Ausbildungsstellen vermittelt werden. Seit Mai hätten bereits rund 120 junge Leute einen Vertrag unterschreiben können, viele weitere seien in abschließenden Gesprächen mit Unternehmen.

Die Ausbildungsplatzakquisiteure stehen in Kontakt zu Bewerbern und Ausbildungsbetrieben, schlagen denen geeignete Bewerber vor und vermitteln erste Kontakte. „Die Akquisiteure wollen Brücken bauen“, sagt Schillings. „Manche Jugendliche brauchen einfach noch ein wenig Unterstützung, müssen sich noch entwickeln.“ „Aber nur wenig Betriebe schauen genauer hin. Viele besetzen ihre Stellen im Zweifel lieber nicht, als auf vermeintlich komplizierte Bewerber zurückzugreifen“, ergänzt Jeske.

Dem soll auch die „Assistierte Ausbildung“ entgegenwirken, die von der Agentur für Arbeit angeboten wird. Dabei betreut die Agentur die Jugendlichen auch nach der Vermittlung an einen Betrieb weiter. In regelmäßigen Gesprächen mit den Auszubildenden und dem Betrieb sollen Probleme frühzeitig aufgedeckt werden – auf beiden Seiten.

„Wir klopfen alle Unwägbarkeiten frühzeitig ab, die im schlimmsten Fall zu einem Abbruch der Ausbildung führen könnten“, erklärt Schillings. Viele Auszubildende seien sich nicht im klaren darüber, welche Pflichten sie gemäß ihres Vertrages erfüllen müssten, oft sei Unpünktlichkeit ein Problem. Die Betriebe seien damit häufig überfordert. „In solchen Fällen können wir im Rahmen der ‚Assistierten Ausbildung‘ zu Lösungen beitragen, bevor ein Ausbildungsbetrieb seinen Azubi verliert.“

Wie schwierig es sein kann, einen geeigneten Auszubildenden zu finden – und diesen dann auch zu halten – weiß auch Johannes Schumacher, Geschäftsführer der Aachener Bäckerei-Kette Leo‘s Bäcker. „Wir haben derzeit noch drei freie Bäcker-Lehrstellen, eine Konditorstelle sowie fünf freie Ausbildungsplätze für angehende Verkäuferinnen.“

„Unsere Produkte sind überall beliebt“ sagt Schumacher. „Das Image des Bäckerberufs ist es aber leider nicht.“ Viele angehende Auszubildende würden sich daher erst gar nicht für das Gewerbe interessieren. Eine Schande, wie Schumacher findet: „Unser Beruf ist sehr vielfältig. Einige unserer ehemaligen Auszubildenden wurden später Berufsschullehrer oder Ökotrophologe. Man hat hier viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln.“

Auch für den Unternehmer ein großes Problem: abgebrochene Ausbildungen. „Wir haben viele Auszubildende, die ihre Verträge noch vor Ablauf der Probezeit abbrechen“, sagt er. „Und das erzähle ich Ihnen mit deutlichem Frust!“ Grund für die hohe Zahl sei vor allem die Tatsache, dass „die jungen Leute sich keine Gedanken über die Ernsthaftigkeit der Arbeitswelt machen“. Viele kämen mit falschen Vorstellungen, beklagten sich über die Arbeitszeiten, in der Folge sei kein vernünftiges Miteinander möglich. „Und das sollte die Basis jeder Ausbildung sein.“

Schumacher bemängelt auch, dass Ausbildungsbetriebe zunehmend zweckentfremdet würden. „Die schulische Bildung wird immer mehr in die Betriebe verlagert“, meint er. Bei vielen Bewerbern mangele es an der Grundqualifikation, Rechtschreibung und Grundrechenarten würden oft nicht beherrscht. „Junge Leute sollen sich natürlich auch während ihrer Ausbildung noch entwickeln“, sagt Schumacher. „Wir machen und tun da viel, aber wir können die grundlegende Bildung nicht mehr nachholen.“

Dass Programme wie die „Assistierte Ausbildung“ helfen könnten, Probleme zwischen Arbeitgebern und Auszubildenden rechtzeitig zu lösen, kann sich Schumacher vorstellen. Skeptisch bleibe er trotzdem: „Das ist natürlich besser als gar nichts, aber es muss vor allem Initiative in die Elternhäuser gebracht werden“, findet er. „Lernschwache Jugendliche gab es auch früher schon, aber damals waren sie wenigstens noch motiviert und haben ihr bestes gegeben, wenn man ihnen eine Chance gegeben hat. Das ist heute anders und da ist die Erziehung gefragt.“

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