Bitstars: In Kalifornien finden sie das Träumer-Gen

Von: Thorsten Karbach
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Keine Spielerei: Das Aachener Start-up Bitstars ist mit 3D-Welten auf den US-Markt vorgedrungen. Die Baubranche ist begeistert. Bitstars, 2012 von Kristina Tenhaft (rechts), Simon Heinen (links) und Mostafa Akbari (nicht im Bild) gegründet, hat deswegen ein Büro im berühmten Silicon Valley eröffnet. Die Datenbrille (vorne links) deutet an, um was es genau geht. Foto: Harald Krömer

Aachen/San Francisco. Rund um das alte Ledersofa ist viel Platz für neue Ideen. Wenn Kristina Tenhaft, 26, und Simon Heinen, 29, durch die Glasscheiben schauen, die die umliegenden Büros einfassen, dann sehen sie 20 junge Leute, das Durchschnittsalter liegt etwa bei Mitte 20, die mitten in dieser 80er-Jahre-Architektur digitale Welten entwickeln.

Auf die Scheiben wurde Symbole gekritzelt und Wörter geschrieben, die es so längst noch nicht gab, als diese Räume ursprünglich eingerichtet wurden. Entstanden ist eine Welt der Datenbrillen (VR-Brillen) und dreidimensionalen Innovationen. Sie ist die Heimat des Aachener Start-up Bitstars, dass insbesondere mit seiner Webplattform holobuilder.com für Aufsehen sorgt.

Bitstars ist ein sogenanntes Spin-off, also eine Ausgründung der RWTH Aachen, das ein Büro im kalifornischen Silicon Valley beziehungsweise an dessen Rand, in San Francisco, eröffnet hat. Nach Informationen des Dachverbandes der regionalen IT-Firmen, „Regina“, ist es die erste junge Firma der Region, der dieser Schritt geglückt ist. Doch der Reihe nach:

Nachdem der Informatikstudent Simon Heinen 2009 seine Bachelorarbeit zum Thema Augmented Reality (erweiterte Realität) bei seinem Dozenten Mostafa Akbari geschrieben hatte, ließ die beiden die Idee nicht mehr los. Akbari beschäftigte sich schon mit dieser Augmented Reality, da war das Thema selbst unter Informatikern nur eine Randerscheinung. Sein Schwerpunkt: Augmented Reality für Mobile Geräte, also Smartphones und Tablet-PC.

Es begann als Hobby und wurde ein Geschäftsmodell. 2012 gründeten Akbari, Heinen und Tenhaft Bitstars, es gab Fördermittel des Bundes, als erstes Anwendungsfeld wurden digitale Bedienungsanleitungen für die Industrie ausgemacht. Das Resultat war eine Art dreidimensionales Power-Point. So nennt es jedenfalls Simon Heinen.

Es folgten ganze 3D-Welten, die zu virtuellen Rundgängen wurden, eine neuartige 360-Grad-Kamera beschleunigte die Entwicklung, neue Kunden wurden gewonnen: Baufirmen, die ihre Arbeiter die Baupläne abhängen und die neuen dreidimensionalen digitalen Pläne einsehen ließen – jedenfalls in den USA. Es hatte Sinn gemacht, dass es Bitstars in die USA zog. Und es machte genauso Sinn, dass die Firma mit Sitz in der Hanbrucher Straße in Aachen nicht irgendwo in die USA ging, sondern genau dorthin, wo Innovation betrieben wird wie wohl an keinem zweiten Ort der Welt: Mit Hilfe des Förderprogramms German Accelerator wurde ein Büro in Palo Alto, mitten im Silicon Valley, bezogen. Und als das Förderprogramm Monate später auslief, entschloss sich Gründer Akbari, mit einem Team zu bleiben: zunächst in 720 University Avenue, Palo Alto, nun unter dem Namen Holobuilder Inc. in 1355 Market Street, San Francisco. „In Kalifornien ist das Verständnis für unsere Entwicklung größer als im traditionsbewussten Deutschland. Dort gibt es das notwendige Träumer-Gen für so eine Geschichte“, sagt Heinen.

Ein Sehnsuchtsort

Das Silicon Valley ist so etwas wie ein Sehnsuchtsort für IT- und Hightech-Gründer aus aller Welt. Hier residieren die, die die (digitale) Welt bestimmen: Google, Facebook, Apple, Youtube, Ebay und all die anderen. Hier schlägt er, der Puls der Zeit. Hier wird sie gemacht: die Zukunft. Die deutschen Großkonzerne haben dies erkannt. Die Telekom, Bayer, Eon, SAP, RWE, Siemens – sie alle leisten sich Büros im Valley beziehungsweise im nahen San Francisco. „Wenn sich ein Geschäftsmodell radikal ändert, sollte man von denen lernen, die dies am stärksten vorantreiben“, sagte Telekom-Chef Tim Höttges nach einem Besuch der Stanford University, aus deren Umfeld die meisten bekannten Firmen hervorgingen.

Ständig wachsen aus dem Valley neue Geschäftsmodelle, die sich anschicken, alte abzulösen: Die Bettenvermietung Airbnb macht der klassischen Hotellerie zu schaffen, der Mitfahrdienst Uber erzürnt weltweit die Taxifahrer. Geld für solche Ideen ist reichlich vorhanden: Im Jahr 2014 steckten Investoren rund 30 Milliarden Dollar sogenanntes Venture Capital (Risikokapital) in Start-ups der Region (inklusive San Francisco). Das ist zehnmal mehr, als in ganz Deutschland investiert wurde.

Im Silicon Valley haben die Bit-stars-Verantwortlichen die großen kalifornischen Baufirmen getroffen, die sich für neue Ideen begeistern. Hier finden sie auch Makler, die mit der Bitstars-Entwicklung für ihre Kunden leere Häuser mit virtuellen Möbeln füllen können. Oder Architekten, die ganze Villen wachsen lassen können. Vor Ort gibt es auch den Kontakt zu denen, die für die entsprechende Hardware sorgen: die Kameras und VR-Brillen. Und die Investitionsbereitschaft ist gut für die Geschäfte.

Das Team in Kalifornien wird entsprechend verstärkt, die Entwicklung – alle Mitarbeiter haben in Aachen studiert – bleibt aber im Dreiländereck. Rückenwind kam zuletzt aus Japan: Bitstars hat in Tokio den Entwicklerwettbewerb des Unternehmens Ricoh gewonnen, das mit 360-Grad-Panoramakameras für Furore sorgt. Holobuilder.com setzte sich unter 173 Projekten aus 15 Ländern durch – auch solchen aus dem Valley.

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