Aachen - Bitcoins: Ein neues Geld für eine neue Zeitrechnung

Bitcoins: Ein neues Geld für eine neue Zeitrechnung

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
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Was Sie hier sehen, gibt es tatsächlich gar nicht. Bitcoins sind nämlich eine digitale Währung. Der Hype darum ist aber real. Foto: Imago/Zuma Press
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Trommeln für den Bitcoin: Yan Schreier (rechts) und Eugen Salkutzan. Foto: Michael Jaspers

Aachen. An dieser Stelle wollen wir James Howells viel Glück und noch mehr Gelassenheit wünschen. Der 32-jährige Informatiker hatte vor mehreren Jahren 7500 Bitcoin-Einheiten auf seinem Computer generiert. Später schlachtete er das Gerät aus und verkaufte Teile davon auf Ebay.

Die Festplatte, auf der die Bitcoins gespeichert waren, landete versehentlich im Müll, auf der Deponie seines Heimatortes Newport in Wales. Das war 2013, damals schien das nicht weiter schlimm zu sein. Heute wären seine Bitcoins – je nach Tageskurs – über 120 Millionen Dollar wert. Man kann sich leicht vorstellen, in welcher psychischen Verfassung Howells sich derzeit befindet. Sein Antrag, die Deponie nach der Festplatte durchsuchen zu lassen, wurde von der Gemeindeverwaltung von Newport abschlägig beschieden. Keine große Überraschung eingedenk der Tatsache, dass man sich durch 200.000 Tonnen Abfall wühlen müsste.

Das ist nur eine von vielen Geschichten, die sich um den Bitcoin-Hype ranken, der seit ein paar Wochen tobt. Es ist ein verrückter Hype, der größte in der Finanzwelt seit Jahren. Letztlich ist er von Gier getrieben. Um die Relationen zu verdeutlichen: Zu Jahresbeginn kostete ein Bitcoin knapp 1000 Dollar, derzeit liegt der Kurs bei rund 16.900 Dollar.

Das weckt Fantasien und Begehrlichkeiten – vor allem, seitdem auch offiziell mit der digitalen Währung gezockt werden darf. Seit gut einer Woche gibt es Bitcoin-Terminkontrakte, sogenannte Futures. Investoren können damit an zwei amerikanischen Börsen auf steigende und fallende Kurse wetten. Ein Traum für Spekulanten. Willkommen im globalen Bitcoin-Casino!

„Völlig irrational“

Wie es soweit kommen konnte? Auch Yan Schreier und Eugen Salkutzan haben dafür keine Erklärung. „Die Kursentwicklung ist völlig irrational“, sagen sie. Beide beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit der Kryptowährung; 2014 haben sie aus der RWTH heraus den Verein Bitcoin Aachen mit gegründet. Dass jetzt alle Welt von Bitcoins spricht, empfinden sie als Bestätigung. „Endlich bekommt das Thema die Aufmerksamkeit, die es verdient.“

Schreier und Salkutzan kennen sich aus mit der Computertechnik, die dahintersteckt, vor allem aber interessieren sie die Möglichkeiten, die sich damit bieten. Mit den Anarcho-Cyberpunks, die Anfang des Jahrzehnts das Bitcoin-Universum programmierten und erschufen, um ein unabhängiges Geldsystem zu etablieren, haben sie eher nicht viel gemein. Wenn der Blogger Sascha Lobo davon spricht, dass „Bitcoins das jüngste, digitale Gesicht des Kapitalismus“ seien, kommt von ihnen kein großer Widerspruch. Schreier und Salkutzan formulieren es mit dem Selbstbewusstsein von Menschen, die sich ihrer Sache ziemlich sicher sind, aber lieber so: „Bitcoins sind keine Alternative zum Kapitalismus, sondern zu einem Kapitalismus, der von anderen beherrscht wird. Sie werden die Welt verändern.“

Vergleich zur Dotcom-Blase

Das klingt reichlich hoch gegriffen. Denn Bitcoins werden zwar Währung genannt, an realem Wert steht dahinter aber: nichts. Letztlich ist ihr Kurs ist nur deshalb so gestiegen, weil viele Menschen glauben, dass Bitcoins viel wert sein könnten. Kritiker ziehen deshalb bereits den Vergleich zur Dotcom-Blase Anfang des Jahrtausends oder zum Tulpenfieber, das in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Holland grassierte. Die Zwiebel der damals noch recht neuen Blume wurde wie verrückt gekauft, sie war zeitweise so viel wert wie ein Grachtenhaus in Amsterdam. Sie wurde gekauft, weil alle daran glaubten, dass sie wertvoll war. Als die Blase platzte, weil sich kein Käufer mehr fand, kam das einem Erdbeben gleich.

Droht dem Bitcoin ein ähnliches Schicksal? Nicht nur die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel sieht bereits Risiken für das gesamte Finanzsystem. Das scheint noch übertrieben angesichts des zwar globalen, aber überschaubaren Markts. Als älteste und wichtigste Kryptowährung weist der Bitcoin mittlerweile eine Marktkapitalisierung von mehr als 290 Milliarden Dollar auf, alle digitalen Währungen zusammen verkörpern einen Wert von gut 500 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der Goldmarkt stellt einen Wert von 8200 Milliarden Dollar dar.

Die Nervosität in der etablierten Finanzszene ist auffallend groß. Frankreich dringt auf eine stärkere Regulierung der Internet-Währung, spätestens beim G20-Gipfel im April soll das Thema auf die Tagesordnung kommen. Zuletzt hat auch die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, ihre Stimme erhoben. Der Bitcoin sei eine „hoch spekulative Anlageform“, sagte sie. Ähnlich das Bundesfinanzministerium. Bitcoins seien kein gesetzliches Zahlungsmittel und unterlägen auch keiner Einlagensicherung. Mit anderen Worten: Bei einem Crash springt niemand ein, dem Anleger würde der Totalverlust drohen.

Turbokapitalisten wie JP Morgan-Chef Jamie Dimon, Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein oder Starinvestor Warren Buffet wettern, und auch von der anderen Seite kommt Kritik: Der linksliberale Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz fordert ein Verbot, da die Digitalwährung „keinerlei sinnvolle soziale Funktion erfüllt“. Und reichlich moralinsauer warnte Südkoreas Ministerpräsident Lee Nak Yeon sogar, die virtuelle Währung könne die „Jugend des Landes verderben“.

Es wird also mit großen Kanonen geschossen. Warum?

Schreier und Salkutzan sagen: „Das ist der Aufschrei der alten Garde.“ Einer alten Garde, die für ein System steht, das fundamental in Frage gestellt wird. Denn die Grundidee, die hinter Bitcoin steckt, ist die einer Währung, die unabhängig von Instanzen, unabhängig von Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik, unabhängig vom Staat, seinem Geldmonopol und seinen Institutionen funktioniert. Die keine übergeordnete Kontrollinstanz braucht, was dazu führt, dass Geldtransfers direkt von Nutzer zu Nutzer und ohne zwischengeschaltete Stellen funktionieren. Ein System, das sich selbst reguliert.

Wenn also selbst ein nüchterner Ökonom wie Thomas Mayer, lange Jahre Chefvolkswirt der Deutschen Bank, in der „Zeit“ davon spricht, digitale Währungen wie Bitcoin könnten „unser Geldsystem revolutionieren, wie es vordem nur die Einführung von Papiergeld als Ersatz für Münzen konnte“, dann erklärt das vielleicht, warum die „alte Garde“ so alarmiert und nervös reagiert.

Wobei: Risiken und Nebenwirkungen gibt es unbestreitbar. Als Zahlungsmittel sind Bitcoins – zumindest in Deutschland und ganz anders als vor allem in Asien – kaum zu gebrauchen. Nach Bitcoin-Geldautomaten, wie es sie in anderen schon Ländern gibt, sucht man vergebens. Es existiert hier nur ein digitaler Marktplatz, auf dem man Bitcoins kaufen kann. Aber wer sich mit Bitcoins beschäftigt, der denkt sowieso global, und im Moment zahlt eh niemand mit dem „Pseudo-Geld“, wie Kritiker lange Zeit spöttelten. Das liegt in erster Linie an der absurden Wertsteigerung, aber auch daran, dass die Transaktionen teuer geworden sind und wegen des komplizierten Bitcoin-Algorithmus immer länger dauern.

Die ökologische Bilanz ist mies

Auch ökologisch ist die Bilanz mies: Der Kryptowährungs-Experte Alex de Vries hat ausgerechnet, dass das ganze System derzeit 32,5 Terawattstunden Strom im Jahr verbraucht– ungefähr so viel wie Dänemark. Und damit sich das immer kompliziertere und aufwendigere „Schürfen“ der Währung noch lohnt, weichen die großen Player der Szene auf Länder aus, in den Strom nicht viel kostet. Island zum Beispiel, wo Ökostrom relativ günstig ist, aber vor allem China, wo Mining-Fabriken vor allem mit Strom aus fossilen Brennstoffen betrieben werden – und im Zweifel direkt neben Kohlekraftwerken errichtet werden. Auch die Sorgen der Behörden, dass Kriminelle Bitcoin nutzen, um Geld zu waschen und dabei unerkannt zu bleiben, sind berechtigt. Und natürlich haben Hacker bereits versucht, Bitcoin-Börsen zu knacken.

All das mag gegen Bitcoins sprechen, nicht aber gegen die Technologie, die dahintersteckt. Sie weist über Bitcoins, sie weist über alle Kryptowährungen hinaus. Der Name „Blockchain“ gibt einen Hinweis, wie sie funktioniert – als Informationskette, als Liste, als Buchführung, die dezentral, also auf vielen miteinander verbundenen Rechnern, geführt wird.

Einzelne Transaktionen, also etwa Überweisungen von einem Bitcoinkonto auf ein anderes, werden dabei mit Verschlüsselungsverfahren zu Blöcken zusammengefasst. Diese Blöcke werden aneinandergereiht (Chain = Kette) und manipulationssicher gespeichert, indem die Kette laufend aktualisiert und bestätigt wird. Versucht man einen Block zu manipulieren, bricht die Kette auseinander. Damit können Daten, Informationen und auch Geld von denjenigen selbst verwaltet werden, denen sie gehören: den Nutzern selbst. Die Transaktionen sind transparent, die Identitäten der Nutzer bleiben vorderhand unkenntlich – keine absolute Anonymität, denn mit großem Rechneraufwand lassen sie sich ermitteln. So einfach lässt sich Schwarzgeld mit Bitcoins also doch nicht weißwaschen.

„Internet des Vertrauens“

Eine revolutionäre Vorstellung. Eugen Salkutzan spricht vom „Internet des Vertrauens“. „Jeder Mittelsmann, der Geld kostet und nicht überprüfbar ist, wird ersetzt“, sagt er. Prof. Philipp Sandner, der an der Frankfurt School of Finance and Management ein neues Blockchain-Center leitet, formuliert den entscheidenden Vorteil der Technologie so: „Das Internet dient heute ausschließlich zur Übertragung von Informationen. Mit der Blockchain können auch Werte elektronisch übertragen werden.“

Das kann die Art und Weise, wie Verträge zustanden kommen und Rechte verwaltet werden, grundsätzlich verändern. Entwickler träumen bereits von Smart Contracts, cleveren Verträgen also, die bei bestimmten Ereignissen selbstständig in Kraft treten – ohne menschliche Überwachung. Und von selbstfahrenden E-Autos, die autonom Strom tanken – und über eine Blockchain direkt abrechnen. Versteht sich von selbst, dass Großbanken, Unternehmen, Versicherer und Staaten längst an eigenen Blockchain-Strategien arbeiten.

Vielleicht also wird der Hype an den Finanzmärkten schon bald vorbei sein. Vielleicht sind Bitcoins tatsächlich nur „digitales Gold mit Bezahlfunktion“, wie es der Gründer der einzigen Bitcoin-Börse in Deutschland, Oliver Flaskämper, sagt. Vielleicht werden andere Krytowährungen, die sich als Zahlungsmittel besser eignen, die sicherer sind und deren Produktion weniger Strom frisst, den Bitcoins den Rang ablaufen. Vielleicht werden sie traditionelle Währungen niemals vollständig ersetzen. Die Möglichkeiten aber, die die Blockchain eröffnen, sind längst in der Welt.

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