Bei Babor wird schon mit Datenbrille gearbeitet

Von: Thorsten Karbach
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Die Datenbrille führt durch das Hochregallager: Babor-Mitarbeiter Gabor Franjo sieht immer den nächsten Auftrag. Er hat sich rasch an die Technik gewöhnt. Durch den Einsatz der Entwicklung der Firma Logcom läuft die Arbeit in der Regel schneller und effizienter. Foto: Andreas Steindl
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Sie stehen hinter der Innovation: Logcom-Gründer Dirk Franke, Michael Thull, Horst Robertz und Rupert Freutsmiedl (alle Babor). Foto: Andreas Steindl

Aachen/Herzogenrath. Es klingt wie ein Blick in die Zukunft, und doch ist diese High-Tech-Brille in der Gegenwart angekommen: Im 12.000 Quadratmeter großen Hochregallager des Aachener Kosmetikherstellers Dr. Babor GmbH & Co. KG wird mit einer Datenbrille gearbeitet.

Auf Basis des Google Glass hat die Herzogenrather Logcom GmbH mit Babor das System Picavi entwickelt. Die Datenbrille leitet die Babor-Mitarbeiter – im Hochregallager heißen sie Kommissionierer – durch die Regale. „Pick-by-Vision“ nennt sich das Prinzip, und es wird schon nach wenigen Wochen Einsatz als Erfolg bezeichnet. 20 Prozent Zeitersparnis stehen unterm Strich, die Mitarbeiter haben durchweg die Hände frei und sind davon ebenso begeistert wie die Geschäftsleitung.

„Es läuft hervorragend“, sagt Babor-Geschäftsführer Horst Robertz. Das System gilt als das weltweit erste zur Kommissionierung mit Datenbrille, das Marktreife erreicht hat und tatsächlich eingesetzt wird.

Warten auf den Fortschritt

Es ist ein paar Jahre her, da kamen Robertz und Dirk Franke, Logcom-Gründer und heute geschäftsführender Gesellschafter, am Rande einer Veranstaltung ins Gespräch. Sie sprachen über Logistik, über Lager und IT. Franke hat sich im Grunde sein ganzes Leben lang mit IT und dann auch Logistik auseinandergesetzt. 1996 gründete er eine erste Firma. Es war ein typisches Start-up, auch wenn es den Begriff 1996 so noch gar nicht gab. Jedenfalls war er nicht allzu gängig.

Er entwickelte Kommissionierungssysteme, sogenannte „Pick-by-light“-Systeme, bei denen Licht der Wegweiser ist. Vor drei Jahren hat er die Firma verkauft. Da hatte er schon die Idee im Kopf, ein neues, fortschrittlicheres System mit Datenbrillen zu entwickeln. Doch die Technik war noch nicht weit genug. Weltweit schaute er sich Datenbrillen an.

Dann war die Technik endlich soweit. Es blieb die notwendige Finanzierung: Die konnte mit Mitteln des Seed Fonds II Aachen der Sparkassen-Beteiligungsgesellschaft S-UBG mit der NRW Bank und der Aachener DSA Invest GmbH gemeistert werden.

Mit Alexander Voß, Professor für Angewandte Informatik an der FH Aachen, als beratendem Gesellschafter hat Franke in einer Entwicklungspartnerschaft mit Babor aus einer anfangs kühn klingenden Idee Picavi gemacht. „Ich war sehr skeptisch. Heute kann ich mich an kein Projekt erinnern, was derart reibungslos und gut gelaufen ist“, berichtet Rupert Freutsmiedl aus dem Management von Babor, dem 1956 gegründeten Traditionsunternehmen, das mit 295 Mitarbeitern am Stammsitz in Aachen produziert (weltweit 400 Mitarbeiter).

Das Konzept und die Aussicht auf einen Partner in der Nachbarschaft waren gleichermaßen überzeugend und sorgten letztlich für die Zusammenarbeit. Im Frühjahr wurde Picavi der Öffentlichkeit vorgestellt. Es gab zuletzt immer wieder viel versprechende Prototypen und Tests, aber ein marktreifes Produkt konnten nur die Herzogenrather vorstellen. Entsprechend groß war und ist seitdem das Interesse.

Ein Vorteil: Picavi ist nicht auf eine spezielle Datenbrille festgelegt, allein ein Android-Betriebssystem wird vorausgesetzt. Das schafft Unabhängigkeit. Wichtig ist vor allem: Die Datenbrille muss tragbar sein. Das heißt: Die Babor-Datenbrillen wiegen 42 Gramm, also nicht viel mehr als eine durchschnittliche Hornbrille.

Das kleine Fenster (tatsächlich ein Prisma), was die Anweisungen einblendet, ist rechts oben im Blickfeld des Mitarbeiters durchaus gut auszublenden und dominiert nicht das Blickfeld.

Auf dem Minidisplay erscheint immer nur der nächste Auftrag, mit einer Kamera können die Barcodes auf den Waren eingelesen werden, und Etiketten werden direkt vor Ort auf dem Gabelstapler (sogenannte Schmalgangstapler) gedruckt. Vorher musste mit Handscanner (Handhelds) gescannt werden, und mit einem dicken Stift wurden die Paletten markiert. Das ist nicht mehr notwendig. Ist ein Auftrag abgeschlossen, erscheint der nächste auf der Brille. Müssen kurzfristig wichtige Sonderaufträge beachtet werden, können sie jederzeit auf die Brille übertragen werden.

Die komplette Prozessführung zwischen 8760 Palettenplätzen in 32 Regalen mit insgesamt 6100 Artikeln läuft damit über die Datenbrille. Wer die Mitarbeiter mit ihren Brillen erlebt, der merkt schnell, wie 20 Prozent Zeitersparnis zustande kommen. Alles läuft sehr zielstrebig und gleichzeitig entspannt.

„Die Akzeptanz des neues Systems bei den Kollegen ist wegen seiner Einfachheit extrem hoch“, erklärt Robertz. Externe Akkus am Gürtel geben Energie für einen ganzen Tag und sorgen für Bewegungsfreiheit.

Der Entwicklung sind an dieser Stelle offensichtlich kaum Grenzen gesetzt. Jahrzehnte waren Hochregallager alles andere als Orte des Fortschritts. Babor war in den 1970ern Pionier mit einer lichtgesteuerten Anlage, bei aufblinkende Lampen die Mitarbeiter lenkten. In den 90ern wurde diese Anlage erneuert.

Aber sonst? In so einem Lager war bislang kaum Platz für Innovation. Die Datenbrille ist für Freutsmiedl „ein großer Innovationssprung“. Horst Robertz kann sich Datenbrillen auch in anderen Abteilungen, etwa in der Produktion, vorstellen. Ein Blick in die Zukunft? Nein, ein naheliegender Fortschritt.

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