Aachen - Auf dem Bau wird der Nachwuchs gesucht

Auf dem Bau wird der Nachwuchs gesucht

Von: Alexander Barth und Günther M. Wiedemann
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Azubis gesucht: Vor allem in der regionalen Baubranche sind im laufenden Ausbildungsjahr noch viele Stellen zu vergeben. Arbeitsmarkt-Experten wundern sich über diesen Zustand. Schließlich sei die Vergütung in diesem Bereich mit am höchsten. Foto: dpa

Aachen. Mehr ausgeschriebene Stellen und insgesamt weniger Bewerber – das sind die Eckpfeiler der Halbjahresbilanz zum regionalen Ausbildungsmarkt, die am Montag von der Agentur für Arbeit Aachen-Düren gemeinsam mit Industrie und Handelskammer (IHK) und Handwerkskammer (HWK) vorgestellt wurde.

Damit setzt sich ein Trend fort, der schon in den vergangenen Jahresbilanzen erkennbar war. Für Gabriele Hilger hat sich an den Gründen nichts geändert: „Die Zahl der Schulabgänger sinkt immer weiter, damit müssen wir umgehen“.

Die Leiterin der Agentur für Arbeit Aachen-Düren spricht lieber über Entwicklungen, die positiv konnotiert sind: So hat sich die Zahl derer, die zur Halbzeit des Ausbildungsjahres noch als „unversorgte Bewerber“ registriert sind, im Vergleich zum Vorjahr weiter verringert. Das bedeutet aber auch: 3688 waren bis 31. März 2016 noch auf der Suche, 3332 Stellen blieben bis zu diesem Zeitpunkt unbesetzt.

Die Bereitschaft ist hoch

Insgesamt 5222 Ausbildungsplätze wurden der gemeinsamen Servicestelle von Arbeitsagentur und Jobcenter im Zeitraum Oktober 2015 bis März 2016 gemeldet, das sind 97 mehr als im Vorjahr (5125, plus 1,9 Prozent). „Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ist nach wie vor hoch“, sagt Hilger. Ein Problem bleibt aber das Verhältnis zwischen Stellen und Bewerbern. Auf 100 Bewerber kommen im ersten Halbjahr laut Statistik 86 Stellen (im Vorjahr 81).

„Damit liegen wir im Landestrend, aber trotzdem herrscht ein Missverhältnis“, bewertet die Leiterin der regionalen Arbeitsagentur einen offensichtlichen Zustand und formuliert eine Forderung: „Die Betriebe müssen sich noch mehr von der reinen Auslese nach den Besten verabschieden und auf die Suche nach geeigneten Bewerbern gehen.“

NRW-weit kommen auf 100 Bewerber 85 Plätze. In Bayern sind es dagegen 133 Lehrstellen. „NRW weist auf dem deutschen Ausbildungsmarkt die ungünstigste Bilanz aus“, erklärt die Leiterin der NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA), Christiane Schönefeld. Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in NRW sorgt für einen zunehmend heftiger werdenden Streit zwischen Arbeitgebern und Arbeitsverwaltung.

Weniger Bewerber im Land

Schönefeld wirft den Unternehmen indirekt vor, den von ihnen befürchteten Facharbeitermangel selbst herbeizuführen. Luitwin Mallmann, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände, nennt solche Kritik „unredlich“. Er empfehle „genaueres Hinsehen, das hat bei komplexen Zusammenhängen immer schon geholfen“.

Tatsächlich ist die Zahl der Lehrstellen-Bewerber gegenüber dem Vorjahr in NRW leicht um 1,7 Prozent auf knapp 103 000 gesunken und die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze „immerhin“ um 3412 oder 4,1 Prozent auf 87 229 gestiegen. Mallmann stellt grundsätzlich fest: „Die Unternehmen in NRW haben sich nichts vorzuwerfen und ihr Ausbildungsplatzangebot in den letzten beiden Jahren um fünf Prozent gesteigert“. Und das trotz des „fatalen Trends beim Wirtschaftswachstum“. Die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze habe das höchste Niveau der letzten elf Jahre erreicht. Gleichzeitig seien zuletzt mehr als 6000 Lehrstellen unbesetzt geblieben, „das höchste Niveau seit 18 Jahren“.

Der Vorwurf mangelnder Ausbildungsbereitschaft stimmt nach Ansicht der Wirtschaft auch deshalb nicht, weil in NRW die Ausbildungsquote, also der Anteil der Azubis an der Gesamtzahl der Beschäftigten 5,9 Prozent beträgt und damit über dem Bundesdurschnitt von 5,4 Prozent liegt. Auch bei der Ausbildungsbetriebsquote ist NRW besser, sogar besser als Bayern. Zwischen Rhein und Ruhr bilden laut Mallmann 23,9 Prozent der Betriebe aus, bundesweit sind es 20,7 und in Bayern auch nur 21,3 Prozent. „Schlusslichter sehen anders aus“, sagt Mallmann.

Mit weiter rückläufigen Bewerberzahlen haben auch die Kammern-Verantwortlichen in der Region Aachen zu kämpfen. „Die Tatsache, dass 2016 wieder weniger von den allgemeinbildenden Schulen kommen, wird sich erneut bemerkbar machen“, sagt HWK-Geschäftsführer Georg Stoffels.

2016 verlassen in Städteregion Aachen, Kreis Düren und Kreis Heinsberg gegenüber 2015 insgesamt knapp 500 Schüler weniger die allgemeinbildenden Schulen. In Stoffels Zuständigkeit fallen Berufe, die mit immer weniger Vertragsabschlüssen zu haben. Im Baubereich etwa sank die Zahl zuletzt um 16,9 Prozent. „Dabei ist hier die Vergütung mit am Höchsten“, wirbt Stoffels für eine Problembranche. Gefragt sind hingegen Ausbildungsstellen für Dachdecker (plus 20 Prozent) und Tischler (13 Prozent).

Für eine angestrebte Entspannung auf dem regionalen Ausbildungsmarkt bringt IHK-Geschäftsführer Heinz Gehlen die Studienabbrecher ins Spiel, „in der Universitätsstadt Aachen eine nicht zu unterschätzende Gruppe“. Diese wolle man künftig ebenso noch gezielter ansprechen – vor allem für die IT-Berufe. Handwerkskammer-Chef Stoffels setzt unter anderem auf Ausbildungspaten. „Vorbildliche Lehrlinge werden in die Schulen gehen und für ihren Beruf werben“.

Damit erhofft sich Stoffels auch Aufmerksamkeit für die sogenannten Mauerblümchenberufe im Handwerk: „Es gibt 130 Einzelberufe, eine ganze Menge von ihnen ist kaum bekannt.“ Dies könnte auch als Handlungsempfehlung an die Arbeitsagentur verstanden werden.

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