An Zuwanderung führt kein Weg vorbei

Von: Berthold Strauch
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Auf dem Podium zum Thema Fachkräftemangel: Gunilla Fincke, Heinz Gehlen, Stefanie Peters, Bernd Mathieu, Andera Gadeib, Erich Peterhoff und Gabriele Foto: Michael Jaspers

Aachen. 30 Jahre lang habe es „ein Überangebot von Beschäftigten” gegeben, führte Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes ins Fachforum „Fachkräfte für morgen - Auftrag für heute” der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen ein.

Doch „von dieser Vorstellung müssen wir uns verabschieden - je eher, desto besser, denn Arbeitskraft wird knapper”, mahnte Drewes bei der von Bernd Mathieu, Chefredakteur dieser Zeitung, moderierten Veranstaltung in der IHK.

In der Tat sei es „schwer zu vermitteln”, angesichts einer aktuellen Arbeitslosenzahl von etwa drei Millionen Menschen „vorausschauend zu agieren”, machte Gabriele Hilger, Chefin der Arbeitsagentur Aachen, deutlich. Dennoch, hob Gunilla Fincke, Geschäftsführerin des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, in ihrem faktenreichen Impulsvortrag hervor, führe an der Zuwanderung aus dem Ausland kein Weg vorbei. Dies sei „ein wichtiges Instrument, um die Wirkung des demographischen Wandels abzufedern”. Wie Drewes, der von „großer Ignoranz” der Politik sprach, sparte auch die promovierte Berliner Wissenschaftlerin Fincke nicht mit Kritik. Die Politik, insbesondere die großen Parteien, schielten wohl zu sehr auf Wählerstimmen und stellten sich kaum diesem Problem, zumal Zuwanderung in der Bevölkerung nicht auf große Sympathien stoße.

Zu den großen „Baustellen”, so Fincke, zähle der Bildungsbereich. Bei türkischen Einwanderern der ersten Generation etwa hätten 70 Prozent keine berufliche Ausbildung, bei den hier Geborenen immerhin noch 44 Prozent. Zudem beklagte sie eine „dramatische Abhängigkeit” der Bildungschancen, die gar „vererbt” würden, von der sozialen Lage der Eltern. Der umlagefinanzierte Wohlfahrtsstaat brauche Zuwanderung angesichts steigernder Lebenserwartung und schrumpfender Bevölkerungszahl, zumal die Erwerbstätigkeit kaum weiter auszudehnen sei. Doch Deutschland sei im Moment eher ein Abwanderungsland; 2009 hätten allein 13.000 Menschen das Land verlassen - oft die gut qualifizierten. Beispielhaft nannte Fincke die Schweiz, wo sich das Gesundheitssystem auf eine große Zahl deutscher Ärzte stütze.

Sie nannte einige Forderungen, um die Zuwanderung zu erleichtern. So müsse das geforderte „utopische” Mindesteinkommen von 66.000 auf 40.000 Euro gesenkt werden. Und bei der „Vorrangprüfung” - ob Firmen für eine zu besetzende Stelle auch Deutsche finden -, die angesichts einer Dauer von bis zu sechs Monaten ein „Martyrium, eine Zumutung” sei, müsse es mehr Flexibilität geben. Überdies regte sie ein Punktesystem für Migranten mit Ausbildung in den „MINT-Fächern” Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik an.

Dass der Arbeitskräftemangel in ihrer Übach-Palenberger Firma Neuman & Esser „noch nicht angekommen” sei, sagte Geschäftsführerin Stefanie Peters, liege auch an der hohen Ausbildungsquote. Demgegenüber beklagte Andera Gadeib vom Aachener Marktforschungsunternehmen Dialego AG sehr wohl, dass eine Anwerbung von Fachkräften zunehmend schwieriger werde. Auch sie reagiert mit zunehmenden Ausbildungsanstrengungen. Zudem plädierte sie für „familienfreundliche Lösungen”, die eine Beschäftigung von Frauen wirksam unterstützen könnten.

Erich Peterhoff, Dürener Reinigungsdienstleister, setzt künftig auf eine Schulpartnerschaft, um jungen Menschen die „Raumkosmetik” schmackhaft zu machen.

Zwar soll die Lebensarbeitszeit schrittweise auf 67 Jahre angehoben werden. Doch realistisch, so Gunilla Fincke, gebe es angesichts eines Renteneintrittsalters von derzeit etwa 60 Jahren eine große Diskrepanz. Dazu empfahl Gabriele Hilger ein „Gesundheitsmanagement”, um lebenserfahrene Mitarbeiter länger fit und damit im Beruf zu halten, „da wir sie brauchen”. Ein guter Mitarbeiter, fügte die Agenturchefin an, „hat nichts mit dem Alter zu tun”.
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