Nörvenich - Agentur für Arbeit: Weg aus dem „Helferstatus“

Agentur für Arbeit: Weg aus dem „Helferstatus“

Von: Ines Kubat
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Nach vielen Gelegenheitsjobs endlich die lang ersehnte Ausbildung: Im Zuge der „betrieblichen Einzelumschulung“ lernt Martin Zentara seit Oktober 2014 im Betrieb seines Meisters Frank Becker (links) in Nörvenich den Beruf des Anlagenmechanikers. Foto: Ines Kubat

Nörvenich. Die mündliche Zusage für seinen Ausbildungsplatz zum KFZ-Mechatroniker hatte Martin Zentara. Für die Vertragsunterzeichnung wurde er allerdings auf den Spätsommer 2006 vertröstet. Aber daraus wurde nichts.

Das Unternehmen war – ohne ihn zu informieren – umgezogen, der Ausbildungsplatz war dahin. Er blieb mit seinem Hauptschulabschluss zurück, als das Ausbildungsjahr für viele andere startete. Also hielt er sich übergangsweise mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Aus zunächst einem Jahr wurden fast acht Jahre. Vom Paketpacker bis hin zum Kurierdienst-Fahrer nahm er jeden Job an, der ihm als ungelernte Kraft angeboten wurde. Zuletzt arbeitete er an einer Tankstelle. Als ihm 2014 dort gekündigt wurde, war guter Rat teuer.

Der mittlerweile 24-Jährige wandte sich an die Agentur für Arbeit. Nicht, um sich arbeitslos zu melden, sondern um die Chance der „betrieblichen Einzelumschulung“ zu nutzen: Seit Oktober ist er nun bei der Firma Becker in Nörvenich in der Ausbildung zum Anlagenmechaniker und wird dabei finanziell von der Agentur gefördert.

Fälle wie den von Martin Zentara kennt Klaus Jeske, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit Aachen-Düren, zuhauf. Von rund 13.100 Kunden der Agentur im März 2015 seien 3114 auf einem sogenannten „Helferniveau“. Das sind Menschen, die entweder keine Ausbildung abgeschlossen haben, oder noch nie oder mehr als vier Jahre nicht in ihrem Beruf gearbeitet haben. Einige nehmen wie Zentara Gelegenheitsjobs an, andere empfangen Arbeitslosengeld der Agentur.

Die „Betriebliche Einzelumschulung“ in Form der verkürzten Ausbildung könnten viele von ihnen nutzen, um sich für den Arbeitsmarkt attraktiver zu machen, so Jeske. Doch das Wissen um diese geförderte Möglichkeit sei bislang recht spärlich. Deshalb geben am kommenden Montag von 10 bis 12 Uhr Experten der Agentur für Arbeit Auskunft über diese Art der beruflichen Qualifizierungsmöglichkeit. Und Jeske rät allen, die für die Einzelumschulung in Frage kommen könnten, sich über die Hotline zu informieren, damit Hemmschwellen abgebaut werden.

Denn die Hürde, den Schritt in die späte Ausbildung zu wagen, sei bei vielen Menschen groß, weiß er. Auch Zentara ging es ähnlich: An der Motivation habe es ihm nie gemangelt, aber die Angst, sein Leben während der Ausbildung finanziell nicht bestreiten zu können, war zu groß. Schließlich haben er und seine Lebensgefährtin Kerstin Sistig zwei Kinder zu versorgen. Mit der Ausbildungsvergütung von wenigen hundert Euro pro Monat hätte er das nicht schaffen können.

Finanzielle Sorgen nehmen

Genau bei diesem Problem setzt die Förderung der Arbeitsagentur an: Sie übernimmt – wenn nötig – Fahrkosten, Ausgaben für Lernmittel, Kosten für die Kinderbetreuung und stockt das Ausbildungsgeld auf. Bei all denen, die noch mindestens einen Tag Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, würde diese Unterstützung für die volle Zeit der Ausbildung verlängert, erklärt Jeske. „Den Azubis wird der Rücken freigehalten, so dass sie sich ganz auf das Lernen konzentrieren können“, lobt Regina Becker, Geschäftsführerin von Zentaras Ausbildungs-Betrieb, die Initiative der Bundesagentur für Arbeit.

Für Arbeitgeber sei die „betriebliche Einzelumschulung“ eine gute Möglichkeit, qualifizierte Azubis einzustellen, die vor allem im Handwerkssektor händeringend gesucht werden, so Installateur und Heizungsbauermeister Frank Becker. Seine Ehefrau Regina vermisse bei den Unternehmen mitunter den Mut, neue Wege, abseits vom herkömmlichen Konzept der Ausbildung zu gehen. Das Ehepaar Becker jedenfalls ist zufrieden mit ihrem Azubi Zentara, der die Praxis im Betrieb, den schulischen Teil am Jülicher Berufskolleg Jülich lernt. Von den insgesamt 31 Azubis in seiner Klasse seien immerhin acht wie er in einer verspäteten Ausbildung. Der Älteste sei 44 Jahre alt.

Dass ein fortgeschrittenes Alter beim Ausbildungsstart nicht von Nachteil sein muss, bestätigten auch andere Arbeitgeber, die Azubis aus der „betrieblichen Einzelumschulung“ angestellt haben. Die Rückmeldungen seien sehr positiv, so Jeske, weil die Bewerber sich häufig als lernwillig entpuppen und gleichzeitig Lebenserfahrung mitbrächten.

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