AC2-Gründerpreis: Die Wunderwelt der Fasern

Von: Marco Rose und Thorsten Pracht
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AC2-Preisträger: Davide Pico (von links), Abteilungsleiter am RWTH-Institut für Textiltechnik, und Doktorand Alexander Lüking entwickeln im Projekt AeroFib in Aachen Hightech-Fasern aus Glas für die Raumfahrt. Foto: Marco Rose, Thorsten Pracht
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Susanne Bielen, Geschäftsführerin der Adolf Jungfleisch GmbH aus Erkelenz, hofft, mit einem speziellen Schutzhandschuh bei Grillfreunden punkten zu können. Foto: Marco Rose, Thorsten Pracht

Aachen/Erkelenz. Was man mit Hightech-Fasern nicht alles machen kann – ein Projekt noch vor der Gründung und ein alteingesessenes Unternehmen präsentieren das gesamte Spektrum, und das überaus vielversprechend und erfolgreich.

Die Wissenschaftler von AeroFib wurden dafür mit dem AC²-Gründerpreis, die Geschäftsführerinnen der Adolf Jungfleisch GmbH aus Erkelenz mit dem AC²-Wachstumspreis ausgezeichnet. Die Freude darüber war auch am Freitag, am Tag nach der Preisverleihung im Aachener Rathaus, bei der auch die StreetScooter GmbH mit dem Innovationspreis ausgezeichnet wurde, noch groß.

Hoch hinaus wollen die Wissenschaftler von AeroFib, einem Spin-off des Instituts für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen: Innerhalb von vier Jahren hat das Team um Abteilungsleiter Davide Pico ein Verfahren entwickelt, mit dem in naher Zukunft extrem leichtes Isolationsmaterial für die Luft- und Raumfahrt, aber auch für Rennfahrzeuge hergestellt werden soll. Basis sind Aerogele – die leichtesten Materialien der Welt. Sie bestehen im Grunde aus Glas, enthalten aber mehr als 90 Prozent Luft.

„Ich habe seinerzeit im Café mit einem befreundeten Chemiker überlegt, ob man aus diesem festen Material nicht auch flexible und dünne Fasern herstellen kann“, sagt Pico (39), der in Wien promoviert hat und seit sieben Jahren an der RWTH forscht. Picos Mitarbeiter Alexander Lüking (27) widmete der komplizierten Fragestellung seine Bachelor-Arbeit und organisierte im folgenden Forschungsprozess mehr als 200 Experimente.

Mit Erfolg: Inzwischen arbeiten rund zehn Mitarbeiter des Instituts an dem Projekt, das von Professor Thomas Gries koordiniert wird. Mit dem Deutschen Institut für Luft und Raumfahrt (DLR) in Köln hat man einen potenten Partner gefunden, die RWTH Aachen hat das Patent angemeldet. AC2-Mentor Kalle Jaquemot half schließlich dabei, einen Businessplan zu erstellen, der die Jury des Gründungswettbewerbs überzeugte.

Sobald eine erste kleine Laboranlage auf dem Campus Melaten erfolgreich Hightech-Fasern produziert, soll im kommenden Jahr der Prototyp einer industriellen Fertigungsanlage in Betrieb gehen. „Spätestens dann wird das Institut zu klein“, sagt Lüking. In Hochschulnähe soll deshalb in naher Zukunft eine größere Produktionsanlage entstehen. Dabei setzt die junge Truppe ausschließlich auf staatliche Fördergelder. Externe Investoren benötige man nicht. Das Ziel, so sagt Pico, sei schließlich kein Großunternehmen. „Wir wollen zunächst eine Kleinserienproduktion etablieren, mit der wir die ersten Kunden beliefern können.“

Diese Kunden erhalten ein Produkt, das optisch mit Glaswolle vergleichbar, aber sehr viel leichter und damit auch teurer ist. Zum Einsatz könnten die Fasern überall dort kommen, wo extreme Hitze entsteht (bis zu 1000 Grad) und jedes Kilo Gewicht zählt – zum Beispiel in der Formel Eins und eben in der Raumfahrt. „Es kostet immerhin Zehntausende Euro, ein einziges Kilo Gewicht ins All zu befördern. Und da kommen wir ins Spiel: Mit Aerogel-Fasern können leichtere Motoren oder Raketen konstruiert werden“, sagt Lüking.

Deutlich bodenständiger ist derweil die Ausgangsposition der Adolf Jungfleisch GmbH aus Erkelenz. Ihre Produkte sind schon lange auf dem Markt – seit fast 100 Jahren. 1919 gegründet, kauften die jetzigen Geschäftsführerinnen Susanne Bielen und Sylvia Laufer den auf Hitze- und Schweißschutz spezialisierten Hersteller von Arbeitshandschuhen zum 1. Januar 2015.

„Wir haben mit neuen Augen auf das Unternehmen geschaut”, berichtet Susanne Bielen, die vorher in leitender Position in der Modebranche tätig war. Schnell verdoppelte sich die Zahl der Mitarbeiter auf aktuell zwölf. Bis zu 22 sollen es werden, so steht es jedenfalls im Wachstumsplan, mit dem Bielen und Laufer den AC2-Wachstumspreis abräumten.

Unterstützt werden sie von Berater Frank Bärmann (Selfkant). „Für uns war klar, dass wir einen Experten für E-Commerce brauchen”, erklärt Bielen am Tag nach der Preisverleihung am Firmensitz in Erkelenz-Gerderath. Denn der Plan sieht vor, den bisherigen Kundenkreis aus Auto- und Schwerindustrie mit Firmen wie Thyssen Steel, BMW oder Opel zu erweitern.

Zunächst etablierten die Unternehmerinnen die Jungfleisch GmbH auch als regionalen Händler und statten mittlerweile beispielsweise die Bauhöfe in Erkelenz und Linnich mit Arbeits- und Schutzkleidung aus. Auf einer China-Reise kam Susanne Bielen die Idee, die Kompetenz aus Handschuhherstellung und Hitzeschutz zu kombinieren: Der „Feuermeister” war geboren und damit das erste Produkt der Firmengeschichte für den Endverbraucher.

Der in zwei Varianten erhältliche Grillhandschuh sei „die Weiterentwicklung eines Spezialhandschuhs für hochanspruchsvolle Bereiche der Schwerindustrie”, sagt Bielen. Der eigene Webshop soll in etwa sechs Wochen online gehen, der Vertrieb soll künftig auch über Fachgeschäfte sowie Garten- und Baumärkte erfolgen.

Für 2017 ist nur ein kleiner Umsatz eingeplant, im September präsentiert das Erkelenzer Unternehmen sich erstmals auf der Gartenmesse „spoga+gafa” in Köln. Alle Planungen seien auf 2018 ausgerichtet. Dann greift eine neue Richtlinie für persönliche Schutzausrüstung, die auch Grill- und Ofenhandschuhe für den Privatgebrauch einschließt. „Unsere Handschuhe erfüllen diese Richtlinie bereits jetzt”, sagt Bielen.

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