Aachener Technologie: Stress frühzeitig hören

Von: Thorsten Karbach
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Stehen hinter dem Pilotprojekt bei Sekurit: (von links) Christian Greb (Psyware), Norbert Teschner (Sekurit), Markus Schmidt (DAK) und Fabian Arimond (Psyware). Foto: Andreas Steindl

Herzogenrath/Aachen. Norbert Teschner kennt die Grenzen der klassischen Gesundheitsvorsorge. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Saint-Gobain Sekurit Deutschland GmbH musste feststellen, dass er seinen Mitarbeitern zwar anbieten kann, beim Werksarzt den Blutdruck zu kontrollieren oder Impfungen anzubieten und damit die Vorsorge mit einem Bonusheftchen attraktiv zu gestalten.

Psychische Probleme lassen sich so aber nicht feststellen, und genau die können besser behandelt werden, wenn sie frühzeitig erkannt werden.

In einem Pilotprojekt hat die Saint-Gobain Sekurit Deutschland mit der Krankenkasse DAK-Gesundheit und der Aachener Firma Psyware nun einen Weg gefunden, auch mögliche psychische Probleme frühzeitig zu erkennen – und dann auch Hilfestellung anzubieten. Dafür hat Psyware, ein Anbieter für psychologische Anwendung und Beratung die sprachpsychologische Technologie Precire entwickelt.

Es handelt sich um eine Sprachschema-Erkennung namens Voice-Check, bei der es weniger um die gesagten Inhalte als um die Art, wie gesprochen wird, geht. Es wird erkannt, ob Wörter negativ belegt sind. Und noch sehr viel mehr. Das in dieser Form einzigartige System wurde bereits vor mehr als einem Jahr mit der Krankenkasse Actimonda für deren Kunden bereitgestellt und erfolgreich eingesetzt.

Für die Herzogenrather Glasfabrik wurde Precire von Psyware – 2012 von Dirk Gratzel, Christian Greb und Mario Reis gegründet - weiterentwickelt. Es ist jetzt der Voice-Check 2.0. Die Mitarbeiter können diesen über das Intranet starten, anschließend aber auch außerhalb des Intranets auf das Angebot zugreifen.

Obwohl die DAK-Gesundheit als Partner dabei ist, können alle Mitarbeiter die Sprachuntersuchung nutzen – 54 Prozent der knapp 1500 Mitarbeiter sind bei der DAK-Gesundheit krankenversichert. 48 Stunden nach Abgabe der Sprachprobe erfahren die Teilnehmer das Resultat. Die Einschätzung ist kleinteiliger geworden. „Das System ist sensibler“, sagt Fabian Arimond von der Psyware GmbH.

Ein Baum als Metapher gibt Aufschlüsse über die psychische Belastung des Mitarbeiters. Je weniger Blätter, umso schlechter ist es bestellt. Der Baum kann dann gegossen und gepflegt werden – sprich: Es werden dem Teilnehmer des Checks direkt verfügbare Hilfestellungen angeboten. Wobei sowohl Teilnahme als auch Annahme der Tipps, die von Online-Seminaren bis zu Übungen zur Stressprävention und bei Bedarf einem Telefoncoaching reichen können, dann ganz in den Händen des Sekurit-Mitarbeiters liegt. Es ist ein freiwilliges Angebot. Und die Verantwortlichen garantieren Anonymität. Das soll Vertrauen in das System schaffen.

Ein Thema wie Burn-out ist in der Industrie nicht mehr zu ignorieren. Norbert Teschner sagt: „In der Automobilindustrie sind die Kunden sehr fordernd – es braucht nicht weniger als Perfektion. Diese Erwartungshaltung stellt hohe Anforderungen an die Belegschaft.“ Wenn es dann noch Probleme im privaten Umfeld gibt, und die Belastung auf die Psyche schlägt, soll der Voice-Check dies erkennen. „Die Interventionen in solchen Fällen gibt es. Sie müssen nur als notwendig erkannt und dann entsprechend wahrgenommen werden“, sagt Psyware-Mitgründer Christian Greb.

Auf dem Vormarsch

Die DAK-Gesundheit sieht das Projekt als Chance: „Wir sind von der Idee überzeugt, auch wir haben gemerkt, dass psychosomatische Krankheitsbilder auf dem Vormarsch sind“, erklärt Markus Schmidt für die Krankenkasse. „Bei diesen Erkrankungen zahlt es sich aus, wenn wir vorausschauend handeln. Wir sind davon überzeugt, dass dieses Programm ein Volltreffer wird.“

Denn wenn einmal ein Burn-out da ist, sind die Krankenkassen mit enormen Kosten konfrontiert. Prävention zahlt sich buchstäblich aus. In einem Jahr wollen Sekurit, Psyware und DAK-Gesundheit Bilanz ziehen. Weitere Konzerne aus ganz Deutschland setzen ebenfalls auf die Aachener Entwicklung. Vorsorge ist überall ein Thema.

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