200 Jahre Mayersche: „Eine Innenstadt ohne Buchhandel würde veröden“

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„200 Jahre, das ist eine tolle Zahl, und diese Geschichte macht natürlich stolz“: Hartmut Falter, Geschäftsführer der Mayerschen Buchhandlung. Foto: Harald Krömer

Aachen. Am 15. September 1817, 367 Jahre nach Erfindung des Buchdrucks, legte Isaak Abraham Mayer, der sich später evangelisch taufen ließ und Jacob Anton Mayer nannte, in Aachen den Grundstein für ein Unternehmen, das aus mehreren Gründen bemerkenswert ist.

Weil es bis heute – also 200 Jahre lang – existiert, weil es ein inhabergeführtes Familienunternehmen ist, weil es sich in einem Markt bewegt, der von massiven Umbrüchen geprägt ist.

Heute gehört die Mayersche Buchhandlung mit 52 Filialen fast ausschließlich in NRW und rund 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu den größten stationären Buchhandlungen in Deutschland. Seit dem Jahr 2000 steht Hartmut Falter in Nachfolge seines Vaters Helmut als Vorsitzender der Geschäftsführung an der Spitze des Unternehmens. Mit ihm sprach unser Redakteur Hermann-Josef Delonge.

Herr Falter, was überwiegt bei Ihnen angesichts der 200-jährigen Geschichte der Mayerschen Buchhandlung: Freude und Stolz oder das Gefühl, eine große Verantwortung zu tragen?

Hartmut Falter: Von allem etwas. 200 Jahre, das ist eine tolle Zahl, und diese Geschichte macht natürlich stolz. Das Gefühl einer großen Verantwortung ist aber auch immer da – als Unternehmer muss ich ja dafür Sorge tragen, dass die Geschichte weitergeht.

Sie bewegen sich in einer Branche, von der es heißt, dass sie permanent im Umbruch ist. Da lässt sich nur schwer planen. Wie geht man damit um?

Falter: Das Problem hat der Buchhandel nicht exklusiv. Viele Branchen sind von den gravierenden Veränderungen und Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, betroffen. Der Buchhandel sah sich damit allerdings schon sehr früh konfrontiert. Das ist ein Vorteil.

Was jetzt aktuell zum Beispiel im Lebensmittelhandel passiert oder in den vergangenen drei Jahren im Textilhandel passiert ist, das beschäftigt uns schon länger. Wir mussten lernen, dass Planung nach vorne nicht über die Analyse der Vergangenheit funktioniert. Die Zeiten haben sich schnell verändert und verändern sich weiter schnell. Darauf muss man sich einstellen.

Aber wie?

Falter: Man muss Dinge und Formate neu entwickeln. Wir jammern nicht den Zeiten nach, als es Amazon und den Onlinehandel noch nicht gab. Das wäre Unsinn. Der Kunde entscheidet, und unsere Aufgabe ist es zu schauen, wie wir ihm begegnen können. Noch vor 15 Jahren waren große Buchhandlungen wie unser Haus hier in Aachen das Synonym für die große Auswahl im Buchhandel. Diese Rolle hat das Internet übernommen. Wir müssen andere Stärken entwickeln und betonen.

Welche wären das?

Falter: Erstens: Eine Buchhandlung ist ein wunderschöner Ort, in dem man sich gut aufhalten kann. Zweitens: Der Kunde kann hier Bücher in die Hand nehmen. Drittens: Er kann sich mit den Buchhändlern austauschen. Wir nehmen auch gerne Bestellungen über das Netz an. Aber hier vor Ort, das hat schon eine andere Qualität. Der Kunde kann sich inspirieren und überraschen lassen. Also: Unsere Branche kann optimistisch sein, aber die Spielregeln haben sich verändert.

Wie hoch ist der Anteil des Onlinegeschäfts am Gesamtumsatz der Mayerschen? Anders gefragt: Verdienen Sie damit Geld, oder machen Sie das nur, weil man muss?

Falter: Wir müssen das auf jeden Fall anbieten. Wir können damit Amazon nicht überholen, aber wir wollen dem Kunden auf allen Ebenen begegnen. Er kann direkt bei uns kaufen, er kann per Telefon oder Internet bestellen und das Buch selbst abholen, er kann per Telefon, Internet oder im Laden bestellen und sich das Buch nach Hause liefern lassen.

Wir bieten unseren Kunden mit dem Tolino einen sehr leistungsfähigen E-Reader an und werden in diesem Jahr 50 Prozent Zuwachs bei E-Books erzielen. Der Anteil des Onlineumsatzes bewegt sich im einstelligen Bereich und entwickelt sich gut. Das ist aber nicht unser Kerngeschäft oder unsere Kernkompetenz. Die liegt in den Läden.

Und bei Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wie haben sich die Anforderungen an die verändert?

Falter: Buchhändler waren früher vor allem Bedürfniserfüller. Sie hatten die Informationshoheit und sorgten dafür, dass die Wünsche der Kunden umgesetzt wurden. Das hat sich sehr verändert. Heute sind sie Gesprächspartner auf Augenhöhe. Wir haben vor einem Jahr damit begonnen, die Abläufe so zu ändern, dass dafür mehr Zeit bleibt. Das erfordert natürlich ein Umdenken, aber unsere Mitarbeiter ziehen da gerne mit.

Dazu müssen Sie die Kunden aber zuerst einmal ins Geschäft holen. Stichwort Aufenthaltsqualität: Sie haben mal gesagt, Sie wollen immer den schönsten Laden im Ort haben. Gilt das noch?

Falter: Selbstverständlich, das können wir richtig gut. Die Kunden lieben es, sich in unseren Buchhandlungen aufzuhalten.

Andererseits gibt es die Tendenz zu eher kleineren Buchhandlungen, auch bei den großen Ketten. Wie passt das zusammen?

Falter: Sehr gut. Die hohe Aufenthaltsqualität einer Buchhandlung definiert sich nicht zwangsläufig über deren Größe. Wir haben tatsächlich einige sehr große Häuser: hier in Aachen, in Köln, Dortmund, Essen oder Düsseldorf. Die sind uns sehr wichtig.

Das ist aber ein ganz anderes Spiel als eine 300 Quadratmeter große Buchhandlung an einem kleineren Standort. Die ist wesentlich persönlicher. Unsere jüngste Filiale in Düsseldorf-Gerresheim ist ein Beispiel dafür. Wir haben da übrigens ein kleines Café integriert. Das rechnet sich nicht unbedingt, aber wir haben in Kundenbefragungen erfahren, dass dies viel zur Qualität und zum Wohlfühlen beiträgt.

Jetzt gehen also die großen Ketten in die Stadtteile und verdrängen damit auch noch den letzten kleinen Buchhändler.

Falter: Auch wir stehen in einem harten Wettbewerb und müssen uns weiterentwickeln. Wir gehen aber mit Augenmaß vor. Bevor wir an einen neuen Standort gehen, schauen wir uns immer die Situation vor Ort an und sprechen mit dem örtlichen Buchhandel. Dass der sich nicht unbedingt freut, wenn wir kommen, ist verständlich. Manchmal ist es aber auch sinnvoll, sich zusammenzutun.

Einige Male haben wir Buchhandlungen übernommen, weil der Eigentümer sein Geschäft eh über kurz oder lang aufgeben wollte. Wesentliche Bedingung ist dann meist, dass wir die Mitarbeiter übernehmen. Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht, denn das garantiert eine große Kundenbindung. Und zur Verdrängung: An den meisten unserer Standorte ist Platz für weitere Buchhandlungen. Das ist nicht nur hier in Aachen so. Aber wie gesagt: Wir befinden uns in einem Wettbewerb.

Der manchmal auch hart ausgetragen wird. In Bad Honnef sind Sie zuletzt mit Ihren Neuansiedlungsplänen auf heftigen Widerstand des örtlichen Gewerbevereins gestoßen. Haben Sie für die dort geäußerten Befürchtungen, die Mayersche würde alteingesessene Geschäfte verdrängen, Verständnis?

Falter: Wir prüfen in der Stadt gerade einen Standort. Ob dieser geeignet ist, müssen wir sehen. Einerseits verstehen wir die Sorgen vor der Veränderung. Aber der Einzelhandel ist ja kein Naturschutzpark. Die Mayersche engagiert sich an allen Standorten in den lokalen Gremien, bildet aus, ist ein Familienbetrieb und zahlt Gewerbesteuer an die Kommunen.

Die Kunden betrachten uns als kulturelle Institution und der Einzelhandel die Ansiedlung einer Mayerschen als Bereicherung für das lokale Angebot. Der Wettbewerber ist der Onlinehandel, der sieben Tage die Woche 24 Stunden liefert. In diese Richtung sollte der Einzelhandel seine Energie bündeln.

Glauben Sie, der Kuchen ist noch so groß, dass alle davon satt werden können?

Falter: Der Kuchen ist groß, aber er wird nicht größer. Ob alle davon satt werden können, hängt vom Einzelfall ab.

Großes Wachstum ist in Ihrer Branche aber nicht mehr zu erwarten, die Umsatzzahlen stagnieren seit Jahren bundesweit.

Falter: Das stimmt, aber man muss die Ursachen dafür analysieren. Das liegt nicht nur an der Online-Konkurrenz. Wir haben die Buchpreisbindung, die ja allgemein als Privileg betrachtet wird. Wir sind auch nicht unglücklich darüber.

Sie hat allerdings einen Nachteil: Die Verlage haben die Preishoheit und sind bei Erhöhungen sehr zögerlich. Die Kunden werden das nicht gerne hören, aber die Buchpreise haben sich in den vergangenen 15 Jahren nicht signifikant verändert – die Kosten allerdings schon. Das ist für die ganze Branche ein Problem.

Wie haben sich die Umsatzzahlen in Ihrem Unternehmen entwickelt?

Falter: Wir veröffentlichen keine Zahlen, werden aber auf 150 Millionen Euro Jahresumsatz geschätzt. Die Zahl ist nicht ganz falsch. Und sie ist stabil.

Wie hoch ist dabei der Anteil des klassischen Buchgeschäfts?

Falter: Rund 80 Prozent. 15 Prozent entfallen auf buchnahe Artikel: Kalender, Hörbücher, Kindermedien, Postkarten, Zeitungen und Zeitschriften. Fünf Prozent machen Geschenkartikel, Kochzubehör oder Spielwaren aus.

Können Sie Puristen verstehen, die sich über Spielwaren in einer Buchhandlung mokieren?

Falter: Das müssen Menschen sein, die keine kleinen Kinder haben. Aber im Ernst: Als die Online-Konkurrenz immer größer wurde, war der erste Reflex bei vielen Buchhandlungen, Zusatzsortimente zu integrieren. Das war nicht immer glücklich. Wir finden, unsere Zusatzangebote passen sehr gut zu uns. Und die Zahlen sind auch erfreulich. Inzwischen sind wir einer der größten Spielwarenfachhändler in NRW und werden um unsere Kompetenz von anderen Kollegen beneidet.

Mit Ihren Flaggschiffen sind Sie in den A-Lagen der Städte vertreten. Wie wichtig ist das angesichts der hohen Kosten einerseits und der zunehmenden Uniformität der Innenstädte andererseits?

Falter: Ich bin davon überzeugt: Eine Innenstadt ohne Buchhandel in einer guten Lage würde veröden. Unsere Branche kann sich außerdem keine riesigen Werbeetats leisten. Unsere beste Werbung ist ein schönes Geschäft in einer guten Lage mit einer ansprechenden Präsentation. Wir sorgen dafür, dass Bücher für die Kunden sichtbar sind.

Das hat auch Amazon erkannt und überlegt, wie viele Onlinehändler, stationäre Läden zu eröffnen. Kann man von Amazon etwas lernen?

Falter: Natürlich, die machen ja einen guten Job. Aber zunächst ist wichtig, was wir nicht übernehmen sollten. Ich habe mir den Amazon-Laden in Seattle genau angeschaut. Das Sortiment bestimmt dort der Algorithmus. Der bildet lediglich das ab, was die Kunden wollen. Wir haben einen anderen Anspruch. Andererseits ist die strikte Kundenorientierung schon beeindruckend. Und die Tatsache, dass Amazon solche Pläne nun hegt, ist ja auch ein Bekenntnis zum stationären Handel und seinem Potenzial. Das stimmt mich eher zuversichtlich.

Also keine Angst vor den Online-Giganten?

Falter: Nein. Tatsächlich beobachten wir seit zwei Jahren eine Beruhigung auf dem Markt. Der Onlinehandel ist immer noch sehr wichtig, das Wachstum ist aber nicht mehr so disruptiv, wie es zu Beginn war. Außerdem: Im Grunde ist es doch ökonomisch und ökologisch pervers, online ein Buch zu bestellen, das aus einem Zentrallager in Bad Hersfeld kommt, in einem Distributionslager umgelagert und dann vom Paketdienst ausgeliefert wird, wenn dieses Buch auch in einer Buchhandlung vor Ort zu finden ist. Der Kunde macht das, weil es für ihn bequem ist. Und Amazon setzt das um, weil der Konzern bekannt ist und die entsprechende Technologie hat. Dieser Punkt wird sich aber relativieren.

Warum?

Falter: Wir zum Beispiel investieren gerade massiv in eine entsprechende neue Software – die größte Investition in unserer Firmengeschichte. Und auch die anderen Einzelhändler werden da aufholen. Ich glaube: Wenn der Kunde am Ende die Wahl hat zwischen zwei gleichwertig komfortablen Internetportalen auf seinem Smartphone oder Rechner, über die er ein Buch zum gleichen Preis bestellen kann, das ihm dann in der gleichen Geschwindigkeit geliefert wird, dann wird er sich für den lokalen Händler und nicht für einen Konzern wie Amazon entscheiden. Nicht aus Mitleid, sondern weil das Angebot gleich gut ist. Sie sehen: Ich bin optimistisch, dass wir so verlorenes Terrain zurückgewinnen können.

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