175 Jahre Talbot: Mit der großen Bahntradition in die neue Zukunft

Von: Berthold Strauch
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Haben hart für den Erhalt des Standorts Aachen gekämpft – und gewonnen: Werksleiter Dirk Reuters (r.) und Betriebsratschef Josef Kreutz, hier in der Endmontagehalle. Fotos (5): Berthold Strauch Foto: Berthold Strauch
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Blick in die mechanische Werkstätte: Das undatierte Bild stammt aus der Ära, als die Fabrik als „Gust. Talbot & Co., Eisenbahnwagen-Bauanstalt“ in der zweiten Generation firmierte. Foto: Archiv Talbot/Bombardier (3), Sepp Linckens, Michael Jaspers (2), Wolfgang Plitzner, Andreas Schmitter
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Foto: Andreas Schmitter / *Jahresrückblick*, Carlitta Grass-Talbot, im "Grenzhof", Eupener Str.

Aachen. Die Region hat gezittert, die Region hat gekämpft – und die Region hat gejubelt: Der harte Einsatz war nicht vergebens. Das traditionsreiche Aachener Bombardier-Werk, die älteste Waggonfabrik Deutschlands, hat nun doch eine Zukunft. Das bereits von der kanadischen Muttergesellschaft beschlossene und verkündete Aus konnte abgewendet werden.

Jetzt geht es weiter, offiziell ab dem 1. Juli unter einem neuen Namen, der in Aachen immer noch einen guten Klang hat: Talbot Services. Eisenbahnwaggons werden auch künftig an der Jülicher Straße gebaut. Dazu kommen ab April 2014 Elektrofahrzeuge des Typs Streetscooter als neues, zukunftsweisendes Produktionsspektrum hinzu. 175 Jahre nach der Gründung: Talbot legt einen vielversprechenden Neustart hin!

Weitsichtige Gründerväter

Die Väter von Talbot haben die Zeichen der Zeit damals erkannt, als sie das Unternehmen 1838 aus der Taufe hoben. Der Brüsseler Kutschenfabrikant Pierre Pauwels ahnte, dass Pferdefuhrwerke nicht ausreichten, um Menschen über weite Entfernungen zu transportieren. Ihm war es gelungen, einen Großauftrag zum Bau von 200 Personen- und Güterwagen an Land zu ziehen. Dafür tat er sich mit dem Aachener Johann Hugo Jacob Talbot zusammen, dem Inhaber einer Marmorschleiferei und Mitglied des Stadtrates.

Übrigens: Erst knapp drei Jahre zuvor, im Dezember 1835, fuhr die erste Eisenbahn in Deutschland, die „Adler“ zwischen Nürnberg und Fürth. Das Potenzial dieses Gefährts dürfte den wagemutigen Pionieren schnell klar geworden sein, so dass sie alles daran setzten, damit die neue Fertigungsstätte Realität werden konnte. 1860 erfolgte nach strukturellen Veränderungen der Umzug an den jetzige Produktionsort.

Das Unternehmen wuchs kräftig. Zu Spitzenzeiten, etwa um 1985, zählte Talbot rund 1800 Beschäftigte. Immer wieder gab es Krisen, verbunden mit schmerzlichen Entlassungen für die Betroffenen, wenn der Auftragseingang nicht mehr den Erwartungen entsprach.

Das Unternehmen verfügt heute über eine Gesamtfläche von insgesamt 186.000 Quadratmetern, die nicht mehr komplett für die aktuellen Fertigungszwecke benötigt werden. Das hängt auch damit zusammen, dass nach der Übernahme des Familienunternehmens durch den kanadischen Konzern Bombardier 1995 wenige Jahre später die komplette Fertigung in Aachen aufgegeben wurde und dort nur noch die Endmontage blieb. Davon profitierten dann andere Bombardier-Standorte in eská Lípa nördlich von Prag in der Tschechischen Republik sowie Görlitz und Bautzen im Osten Deutschlands.

Der aktuelle Werksleiter Dirk Reuters sieht sich dementsprechend nach neuen Mietern um, die nach Expansionsmöglichkeiten suchen. Wie er betont, gebe es dafür bereits vielversprechende Kontakte und erste Abschlüsse, auch im Bereich der Bahn-Zulieferer, mit denen zudem konkrete Möglichkeiten für eine Kooperation winken – mit positiven Auswirkungen auf die Zahl der Mitarbeiter von Talbot Services.

Mit in die Zukunft übernommen wird auch die enge Verbindung von Talbot mit dem Bahnunternehmen Nederlands Spoorwegen aus dem Nachbarland. Rund 95 Prozent des rollenden Materials dort, schätzt Reuters, stammen aus der Aachener Produktion.

Kräftig weitergearbeitet wird außerdem an einem Millionenauftrag für den Anbieter des Nahverkehrs im Raum Stuttgart. Von den 35 bestellten S-Bahn-Zügen müssen bei Talbot noch acht zu Ende produziert werden. Furore in der Region macht übrigens Tag um Tag ein Bombardier-Produkt, die Euregiobahn. Das ihr zugrunde liegende System „Talent“ (Talbot leichter Nahverkehrs-Triebwagen) wurde in Aachen entwickelt und bis zum Abwandern der Gesamtfertigung auch in dem Werk komplett gebaut. Vielleicht liegt auch hierin ein Stück künftiger Beschäftigungssicherung.

Jetzt wird erst einmal kräftig gefeiert. Am kommenden Samstag steht das 175-jährige Jubiläum von Talbot im Mittelpunkt. Dazu werden 800 geladene Gäste erwartet, darunter die Mitarbeiter und ihre Partner. Von der NRW-Landesregierung hat sich Arbeitsminister Guntram Schneider angesagt.

Auch sein SPD-Kollege vom Wirtschaftsressort in Düsseldorf, Garrelt Duin, hat die weitere Entwicklung bei Talbot Services fest im Blick. „Aachen wird zum Produktionsort der Autoindustrie – das ist eine wirklich gute Nachricht für ganz Nordrhein-Westfalen“, unterstrich der Minister am Mittwoch gegenüber unserer Zeitung. „Dass es nicht irgendein Auto, sondern ein zukunftsträchtiges Elektrofahrzeug sein wird, passt zum Forscher- und Tüftlergeist, für den die ganze Region steht“, sagte Duin weiter. „Damit gehen von einem Standort, der vor Monaten noch negative Schlagzeilen machte, sehr positive Signale aus.“

Duin verweist ebenso darauf, dass dieses Ergebnis „etwas mit dem intelligenten Einsatz staatlicher Mittel zu tun“ habe. Das Land habe diesen Prozess „intensiv begleitet und finanziell unterstützt“. Wie der Wirtschaftsminister ergänzte, gehöre dazu „die Förderung von Forschung und Entwicklung für den Streetscooter und eine Bürgschaft für das Fertigungsunternehmen Talbot Services“. Deren Höhe wollte Duin nicht beziffern.

Geschäftsführer Dirk Reuters (45) hat übrigens die für diese Bereitstellung von Steuergeldern fällige Gesundheitsprüfung gerade problemlos bestanden. Er ist ein Talbot-Urgestein, trotz seiner relativ jungen Jahre. Er hat sich hochgearbeitet, von der Stahlbauschlosser-Lehre, die er am 1. August 1985 angetreten hatte, bis ganz an die Spitze. Dazwischen absolvierte er verschiedene Stationen im Haus. Und via Abendschule bildete er sich als EDV-Experte weiter, wurde Industriemeister Metall. 2004 wurde er Technischer Direktor in Aachen, ein Jahr später stellvertretender Standortleiter. Nach einem dreieinhalbjährigen Zwischenspiel als Werksleiter bei Bombardier in Siegen kehrte er am 1. Juni 2011 zurück und übernahm die Gesamtverantwortung.

Dann kam auch der für Reuters überraschende „Keulenschlag“, dass in Aachen Schluss sein sollte. Er war bereits auf dem Sprung, um das größte Bombardier-Werk in Hennigsdorf bei Berlin zu übernehmen, ehe er sich anders entschied: Er wurde Mitgesellschafter bei Talbot Services, mit einem Anteil von zehn Prozent. Der zweite Geschäftsführer Jörg Kaever hält fünf Prozent, den Rest der Baesweiler Personaldienstleister Quip AG. Damit und mit zunächst 240 Mitarbeitern – niemandem musste betriebsbedingt gekündigt werden – geht es jetzt hoffnungsvoll weiter.

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