170 Jahre Dalli und Mäurer & Wirtz: „Brauchen uns nicht mehr verstecken“

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
10301623.jpg
Prägen das Bild der Industrie in Stolberg: Die Dalli-Werke und Mäurer & Wirtz feiern 170. Geburtstag. Beide Unternehmen haben schwere Zeiten erlebt. Doch seit ein paar Jahren geht es aufwärts. Foto: Manfred Kistermann

Stolberg. Der Mann mag Abenteuerreisen, aber wenn Hermann Wirtz an den Weg denkt, den er als Unternehmer in den letzten 15 Jahren mit den Firmen Dalli und Mäurer & Wirtz meistern musste, dann muss auch er sagen: „Das war ganz schön hart.“ 1975 war der Jurist ins Familienunternehmen eingetreten, 40 Jahre ist das her.

Doch gefeiert wurde Freitagabend etwas anderes: 170 Jahre sind die Dalli-Werke und Mäurer & Wirtz alt geworden. Es mag ungewöhnlich klingen, ausgerechnet den 170. Geburtstag groß zu feiern, aber der 70-jährige Wirtz, seit 1981 Geschäftsführer, hält den Zeitpunkt für ideal und will nicht länger warten: Den beiden Firmen gehe es nach schwierigen Zeiten wieder gut, erklärt er im Interview.

Wo steht Ihr Unternehmen im Jahr 2015?

Wirtz: Wir sind gesund und schwimmen in ruhigerem Fahrwasser. Das ist unstrittig, und das möchte ich unseren Mitarbeitern signalisieren.

Aber warum feiern Sie das jetzt nach 170 Jahren und nicht beispielsweise in fünf Jahren zum 175. Geburtstag?

Wirtz: Ich habe das Gefühl, dass wir mit den Unternehmen Dalli und Mäurer & Wirtz die Kurve bekommen haben. Über die raue See, die mein Bruder Michael und ich um die Jahrtausendwende erlebt haben, sind wir hinweg. Ich halte den Zeitpunkt für richtig, nun auch mal feiern zu dürfen, was wir alle gemeinsam bei Dalli und Mäurer & Wirtz erreicht haben. Ich möchte damit nicht noch fünf Jahre warten.

Das heißt? Was ist in den letzten Jahren passiert?

Wirtz: Junge, Junge, Junge! Die letzten 15 Jahren waren beruflich die spannendste Zeit meines Lebens. Dass ich heute über eine positive Entwicklung sprechen kann, liegt aber sicher nicht allein an mir. Das liegt an Menschen, die mir der liebe Gott geschickt hat. Ich hatte unglaubliches Glück, dass mir Menschen zur Seite gestanden haben und zur Seite stehen, die richtig gut waren und richtig gut sind. Jeder weiß, dass er eine Schlacht nur mit hervorragenden Generälen gewinnen kann.

Das müssen Sie erklären!

Wirtz: Damals, zur Jahrtausendwende, ging es Dalli miserabel, und Mäurer & Wirtz hat mit dünnen Gewinnen Dalli am Leben gehalten. Damals stand infrage, ob wir ein solch großes Fest überhaupt noch einmal würden feiern können. Es war eine richtige Zitterpartie. Dann holte ich Wolfgang Prigge zurück zu Dalli und Bert Lehnen als Geschäftsführer zu Mäurer & Wirtz, der früher schon bei uns für Azzaro zuständig war, bevor wir die Marke verkauften, und er mit der Marke ging. Wir hatten hier ein Team, das gemeinsam durchs Feuer gegangen ist. Sie können sich gar nicht vorstellen, was wir hier alles erlebt haben!

Wie haben Sie die das Unternehmen in diesem Team wieder auf Kurs bringen können?

Wirtz: Die kühnste Entscheidung war, dass wir bei Dalli in dieser Situation auf Forschung und Entwicklung gesetzt – und entsprechend investiert – haben. Das war um 2005. Uns war bewusst: Wir können nur was werden, wenn wir zeigen, dass wir die Besten sind. Das haben wir getan. Unser wesentliches Geschäft sind bei Dalli die Handelsmarken, mit denen wir sehr erfolgreich die führenden Discounter und Drogeriemärkte beliefern. Dieser Erfolgt rührt daher, dass wir bei Stiftung Warentest immer bestens abschneiden. Diese guten Noten beruhen wiederum auf der Entscheidung, in einer schwierigen Phase in Forschung und Entwicklung investiert zu haben. Heute wissen wir: Diese Entscheidung war vollkommen richtig. Wir sind im Bereich Handelsmarken – bei Home Care und Personal Care – Marktführer in Europa. Das hätten wir um die Jahrtausendwende nicht für möglich gehalten.

Die Handelsmarkenstrategie geht für Dalli also auf?

Wirtz: Wir arbeiten bei den Handelsmarken mit sehr geringen Gewinnmargen, wovon der Verbraucher profitiert, denn die Discounter und Drogeriemärkte setzen auf niedrige Preise. Ich halte diese Art des Unternehmertums für sehr krisensicher und fair, denn die Menschen haben immer weniger Geld in der Tasche. Diese Rechnung geht auf. Es geht um gute Qualität zu moderaten Preisen.

Das heißt, der Bereich wächst?

Wirtz: Ja, wir haben vor ein paar Monaten von Procter & Gamble eine Produktionsstätte in Rumänien gekauft, unsere Kapazitäten erneut erweitert. In mancher Fabrik kommen sie sich dabei mittlerweile vor wie in einem Science-Fiction-Film.

Wie hat sich in dieser Zeit Mäurer & Wirtz entwickelt?

Wirtz: Lassen Sie mich das Beispiel Tabac als eine der altbekannten Marken unseres Hauses anführen, um die Entwicklung aufzuzeigen: Unser Duft Tabac ist etwa 60 Jahre alt und irgendwann hieß es: Tabac ist in die Jahre gekommen, das kauft doch keiner mehr. Wir haben an Tabac festgehalten, uns nicht verunsichern lassen und können nur sagen: wir haben steigende Umsätze. Das müssen Sie sich einmal vorstellen. Wir sind damit auf dem Herrenduftmarkt in Deutschland unter den ersten Fünf. Das war immer und ist weiterhin ein Fundament unserer Firma. Auf einem solchen Fundament aufbauend haben wir dann 2006 „4711“ von Procter & Gamble gekauft. Das war eine wichtige und vor allem zukunftsweisende Entscheidung für unser Haus.

Inwiefern?

Wirtz: „4711“ ist eine Weltmarke. Anfangs dachte ich: Das können wir nicht packen. Es gab ursprünglich weltweit 63 Interessenten, die Verhandlungen waren brutal, aber wir bekamen am Ende den Zuschlag. „4711“ hat uns einen richtigen Schub gegeben – wobei wir auch noch „Tosca“, „Sir Irisch Moos“ und „Extase“ gekauft haben. Das sind Produkte, die so bekannt sind, dass mit kleiner Werbung hohe Deckungsbeiträge erzielt werden können. Unternehmerisch war das alles andere als eineFehlentscheidung. Und auf „4711“ setzen wir verstärkt – mit weiteren Produkten.

Was macht „4711“ als Marke aus?

Wirtz: Es gibt eine treue Klientel, die immer schon „4711“ aufgetragen hat. Und es gibt eine neue Generation, die das verstaubte Image nicht kennt, deren Großmütter „4711“ schon nicht mehr genutzt haben, und die nun die Story eines derart alten Produktes, mit dem sich Napoleon, Goethe und Wagner schon beträufelt haben, interessant finden. Unsere Aufgabe war es, dieses Interesse aufzugreifen, und das haben wir dann auch mit einem ganz neuen „4711“-Produkt gemacht. Es gibt zwei Wege, eine solche Marke aufzupeppen. Sie können unendlich viel Geld ins Marketing stecken. Oder sie werben moderat und bauen ein neues Produkt auf, das die Stärke der Marke aufgreift. Das ist uns gelungen.

Und wie sehen Sie die weitere Perspektive Ihrer Firmen?

Wirtz: Ich sehe eine durchweg positive Perspektive. Wir brauchen uns vor den großen Firmen nicht mehr zu verstecken.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert