Wahlen in Belgien: Flämischer Löwe ist noch lange nicht satt

Von: Tobias Müller
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Auftakt zum Wahlkampf um das belgische Parlament, die Regionalwahl und die Europawahl: Zum gemeinsamen Singen der Flämischen Hymne „De Vlaamse Leeuw“ rücken die Parteivertreter auf der Bühne zusammen. Die N-VA ist die stärkste Partei in Belgien, in Flandern mit deutlichem Abstand. Foto: Alexander Stein
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Farbe bekennen: Auch dieser Mann und Hund Fidel haben sich der Parteifarbe angenommen. Foto: Alexander Stein

Brügge. Am Schluss steht das Glaubensbekenntnis. Als alle Reden gehalten sind, erhebt sich das gesamte Auditorium, knapp 1300 Menschen auf drei Etagen. Rücken werden durchgedrückt, rechte Hände legen sich, schwer von Pathos, auf Brustkörbe, und dann dröhnt es durch das Konzertgebäude, als ginge es um das eigene Leben.

 „Sie werden ihn nicht zähmen, den stolzen flämischen Löwen, solange er kratzen kann, solange er Zähne hat, solange ein Flame lebt.“ Eine Kampfansage, zweifellos: die „Neu-Flämische Allianz“ ist bereit. An einem Sonntag Ende April machen sich Mitglieder und Anhänger der größten Partei Flanderns auf den Weg, aus allen Ecken der Region, die sie so gern als unabhängigen Staat sähen.

Im „wunderschönen Brügge“, hieß es auf der Einladung, läutet die N-VA die heiße Phase ein, die Kampagne für das, was in Belgien als „Mutter aller Wahlen“ bekannt ist. Zeitgleich mit dem europäischen wird auch das belgische Parlament gewählt, und die N-VA wäre nicht die N-VA, hätte sie nicht ein vollmundiges Ziel ausgegeben: Belgien soll eine Konföderation werden, bestehend aus starken Regionen mit maximalen Befugnissen.

Um dieses Ziel herum hat man ein Wahlprogramm namens „Plan V“ gebastelt, was sich auf niederländisch mit „Plan B“ reimt und natürlich für Vlaanderen steht, aber auch für das Victory-Zeichen, das die Kandidaten auf den Wahlplakaten formen. Schon früh am Morgen auf der Autobahn Richtung Brügge konnte man das Symbol auf zahlreichen Autos sehen.

Die Nationalisten von nebenan

Anlass zum Optimismus gibt es genug: keine Umfrage, die der Partei nicht einen Erdrutschsieg vorhersagt, deutlicher noch als der von 2010. Auf dem offiziellen Plakat zeigt ein kleines Mädchen mit Zahnlücke das V. Seht her, sagt das Bild, wir sind nicht radikal wie der Vlaams Belang. Wir sind die freundlichen Nationalisten von nebenan, haben für jeden was im Angebot. „Die einzige Volkspartei Flanderns“, nannte der alte Haudegen Gert Bourgeois die N-VA zur Eröffnung.

Das Wahl-Programm, soeben von den Kandidaten auf einem breiten Sofa präsentiert, ist darum auch ein bisschen wie eine Jukebox. Es gibt mitfühlenden Konservatismus in Balladenform: höhere Mindestrente und mehr Sozialhilfe für die, die wirklich nicht arbeiten können.

Markt-Verehrung im Mainstream-Format: weniger Lohnkosten und Entkoppelung von Lohnentwicklung und Preisniveau. Zum Feuerzeugschwenken mag der Zugang zur „besten Bildung der Welt“ taugen, und zwar für alle Kinder, egal ob in Flandern geboren oder nicht. Und dann doch noch eine Prise Vlaams Belang, die Böhsen Onkelz der belgischen Politik: nicht-flämische Gefängnisinsassen sollen abgeschoben werden.

Keine weitere Staatsreform

Je näher der Inhalt dem Kerngeschäft kommt, dem latenten Zwist der belgischen Sprachgruppen, desto lauter wird geklatscht und gejohlt. Etwa, als Jan Jambon sagt: „Den Flamen ist nicht gedient mit einer weiteren Staatsreform!“ Der Fraktionsvorsitzende spielt auf einen Prozess an, der den früheren Zentralstaat Belgien seit einem halben Jahrhundert eingreifend verändert hat.

Erst 2012 wurden erneut einige Befugnisse an die Regionen Wallonien, Flandern und Brüssel übertragen – auf Druck aus dem wohlhabenden Flandern, von dessen Transferzahlungen das frankophone Belgien abhängig ist. Doch der Löwe hat noch immer Hunger: Nach sechs Runden Regionalisierung, findet die N-VA, ist es Zeit für eine Konföderation.

Und nach anderthalb Stunden Vorspiel betritt in Brügge endlich der flämische Messias die Bühne. Spitzenkandidat Bart De Wever, in blauem Hemd, dunklem Anzug und natürlich gelber Krawatte. Unter ihm wuchs die N-VA in zehn Jahren von einer Splitter- zur stärksten Partei des Landes. Ein Mann, dem Einiges zuzutrauen ist: Einst schwer adipös, hungerte sich der 43-Jährige mehr als 50 Kilogramm herunter. Entschlossen greift er mit beiden Händen das Pult, als sei es ein Steuer, und die Anhänger lassen sich nur zu gerne von ihm kutschieren. Mehr als 99 Prozent bestätigten ihn 2011 als Vorsitzenden.

De Wever, seit 2013 auch Bürgermeister von Antwerpen, weiß, welche Knöpfe er zu drücken hat. „Jetzt oder nie“, schärft er dem Publikum ein. Die Wirtschaftsreformen werden schmerzhaft, doch: „Die N-VA lässt niemanden im Stich.“

Schließlich kündigt er an, man wolle den Flamen die Politik geben, für die sie gestimmt hätten. Eine klare Ansage: Die N-VA strebt an die Regierung, nachdem sie 2010 trotz eines Erdrutschsiegs in der Opposition landete. Der Applaus nach seiner Rede – ist das nur euphorisch oder schon entrückt?

„Einer wie Bart De Wever wird nur alle 100 Jahre geboren“, sagt Rogier Bellemans. „Er ist ehrlich, kann die Dinge benennen und sie auch für Nicht-Intellektuelle verständlich macht.“ Bellemans, seit Jahren ein regelmäßiger Besucher von Parteikongressen, hat fünf Stunden Zugfahrt auf sich genommen, und allein schon für De Wevers Rede hat es sich gelohnt, findet der Rentner. Er und seine Frau Rita tragen gelbe Jacken, die Farbe Flanderns und der N-VA. Zufall ist das wohl nicht? „Nein, heute ist das ein Statement.“

Brauerei, Fahrradtour, Restaurant

Es ist früher Nachmittag, als sich die Teilnehmer in Bewegung setzen. Brauereibesichtigung, Fahrradtouren, Restaurantbesuche – der soziale, familiäre Faktor spielt eine große Rolle, bei belgischen Parteien allgemein, bei der N-VA ganz besonders. Die Gruppe um Rogier Bellemans und Rita Peels lässt sich von einem ortskundigen Parteimitglied das Zentrum Brügges zeigen.

Wie aber steht es nun eigentlich um das unabhängige Flandern? Hat die Partei diese Forderung inzwischen aufgegeben? „In unseren Statuten steht klar, dass dies das Ziel ist“, so Bellemans. „Doch weil das noch nicht mehrheitsfähig ist, ist der Koföderalismus ein Zwischenschritt.“

Mit dieser Meinung steht er nicht alleine. Unter den Spaziergängern befindet sich ein elegantes älteres Paar aus Halle im Brüsseler Umland. Der Mann heißt Remi Ots und trägt einen gelben Regenschirm – hier geht es um Identitätspolitik. Ist auch er für ein unabhängiges Flandern? „Absolut“, sagt er. Seine Frau, Magda de Vogelier, ergänzt: „Jedes Volk hat dieses Recht.

Wir wollen ein Europa der Völker.“ Und wie war das mit der flämischen Hymne am Morgen: Singen sie auch die belgische mit derartigem Verve? „Nein“, sagt die Frau bestimmt. „Die wurde uns aufgezwungen, in französisch.“

Zur Gruppe gehört auch der Berner Sennenhund des Ausflugsleiters. Er folgt seinem Herrchen über das Pflaster, wo an diesem Mittag Tausende Touristen spazieren. Der Hund heißt „Fidel“ – ist das nicht ein bemerkenswerter Name für eine konservative, nationalistische Partei? Die Frage trifft nicht zu, versichern die Umstehenden. „Wir sind progressiv, wir wollen doch etwas Neues, Revolutionäres.“

Fidel selbst kann sich für diese Debatte wenig erwärmen, denn ihm kommen ganz andere Bedürfnisse. Dass just heute ein gelbes N-VA-T-Shirt um seinen massigen Leib spannt, kann daran auch nichts ändern. Der Bernhardiner hebt das Bein. Sein Herrchen sieht das Unheil kommen. „Nicht hier, Fidel“, ruft er aufgebracht, doch es ist zu spät. Ungerührt nässt Fidel das flämische Gelb ein. Doch niemand hier sieht darin mehr als einen Kollateralschaden auf dem Weg zur Unabhängigkeit.

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