Aachen - Verhohnepipelte Volksvertreter: Wahlkampf-Flops im Netz

Verhohnepipelte Volksvertreter: Wahlkampf-Flops im Netz

Von: Amien Idries
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Mit Marmelade auf Stimmenfang: Rebecca Hummel, die 30-jährige SPD-Bundestagskandidatin in Reutlingen. Foto: Screenshot

Aachen. Na, fehlen auch Ihnen in diesem Wahlkampf die Inhalte? Wie wär‘s mit Erdbeermarmelade? Frisch gekocht. Von Rebecca Hummel, der jungdynamischen SPD-Bundestagskandidaten aus dem baden-württembergischen Wahlkreis Reutlingen. Die 30-Jährige dachte sich wohl, „das mit dem Internet ist ganz spannend. Da könnte man doch auch für den Wahlkampf was mit machen.“ Gedacht und – leider – getan.

Das Ergebnis ist ein mit Samba-Rhythmen unterlegtes Hausfrauen-Video, in dem Hummel den potenziellen Wählern zeigt, wie sie Erdbeermarmelade zubereitet. „Weil Rot schmeckt gut.“ Was als Service für die schwäbische Hausfrau gedacht war, landete auf vielen Blogs und sorgt nun für Fremdschäm-Schmunzler nicht nur beim politischen Gegner. Der Effekt: Frau Hummel ist auch außerhalb Reutlingens ziemlich bekannt, muss aber in der Endphase des Wahlkampfes weniger über den Inhalt ihrer Politik als vielmehr über den ihrer „Gläsle“ reden.

Das mit dem Wahlkampf im Netz ist so eine Sache. Spätestens seit Barack Obama 2008 auch dank einer stark auf die Netzgemeinde ausgerichteten Kampagne US-Präsident wurde, waren Politiker in Deutschland elektrisiert. Rein ins Netz, lautete die Devise. Allerdings ohne das Know-how des damaligen Shooting-Stars aus den USA. Der hatte 2008 online seinem republikanischen Gegner das Wasser abgegraben und 2012 noch intensiver den digitalen mit dem analogen Wahlkampf verknüpft.

Vor allem dank laxem Datenschutz und gezieltem Software-Einsatz ist es in den USA möglich, zahlreiche persönliche Informationen über potenzielle Wähler zu ermitteln und miteinander zu verknüpfen. So können die Straßenwahlkämpfer gezielt dorthin gehen, wo ihr Einsatz Aussicht auf Erfolg hat. Ein eingefleischter Republikaner ist aus demokratischer Sicht vergebene Liebesmüh. Insofern sind undifferenzierte fünf Millionen Hausbesuche, wie sie die SPD in diesem Wahlkampf ausprobierte, in den USA undenkbar.

Auch im digitalen deutschen Wahlkampf gilt das GießkannenPrinzip. Waren die Parteien früher auf die klassischen Medien und Wahlkampfveranstaltungen angewiesen, können sie nun ihre Botschaften unmittelbar unters Wahlvolk bringen: Homepages, Facebook, Youtube-Channels, Twitter und Apps. Über alle verfügbaren Kanäle wird das Wahlvolk bespielt. Viel hilft viel, denkt man.

Ob dies zu einem besseren Kontakt zum Wähler führt, hängt auch vom Kanal ab. Der politische Diskurs auf dem Kurznachrichtendienst Twitter etwa, bei dem inzwischen über 90 Prozent der Bundestagsabgeordneten ein Profil haben, wurde jüngst von Forschern untersucht. Das Ergebnis: Durchaus differenziert wird hier über politische Inhalte diskutiert. Das Schlagwort der Mecker-Ecke gilt kaum noch.

Anders sieht es bei Facebook aus. Wer die Nerven hat, sich durch die Kommentare auf Angela Merkels und Peer Steinbrücks Profile zu klicken, wird gehöriges Mecker-Potenzial finden. Eines der dominierenden Themen war in den vergangenen Tagen nicht etwa der Mindestlohn oder die europäische Finanzkrise, sondern die mutmaßlichen Hundemassaker in Rumänien.

Dazu gibt es Beschimpfungen des jeweiligen Kandidaten, politische Bekenntnisse der Marke: „Guten Morgen Nico“ und Kleinkriege zwischen Usern unterschiedlicher politischer Couleur. Sinnvolle Beiträge, die es ab und an auch gibt, gehen in der Masse unter. Ein Ort, um sich politisch zu informieren, sind diese Auftritte definitiv nicht.

Dennoch nutzen die Parteien natürlich dieses Feld. Vor allem die kleinen, denen das Netz die Möglichkeit gibt, ungestört von den klassischen Medien ihre Botschaft an den Mann und die Frau zu bringen. Das gilt in erster Linie für die Piraten, die sich dort quasi in ihrem natürlichen Umfeld bewegen und die – würde diese Wahl nicht über Kreuze, sondern „Gefällt-mir-Buttons“ entschieden – den Kanzler stellen könnten.

Mehr als 85.000 Mal (Stand: 19. September) wurde deren Facebook-Seite bereits geliked. Zum Vergleich: die SPD animierte 57.000 Mal, die CDU 50.000 Mal zum Gefällt-mir-Klick. Silber geht übrigens an die Alternative für Deutschland (AfD), die bei Facebook ein größeres Fanpotenzial hat, als man nach den derzeitigen Umfragewerten glauben würde. Rund 72.000 Fans haben die Euroskeptiker dort schon gesammelt.

Diese AfD-Anhänger werden dann über Wahlkampfveranstaltungen informiert, von den mehr oder minder lustigen Handpuppen „Lucky und Kanzelette“ bespaßt...

...oder über AfD.TV mit dem auf der Gitarre geschrammelten Durchhaltesong „Wir geben nicht auf“ konfrontiert. Ein Erlebnis, das dem sozialdemokratischen Erdbeermarmeladekochen in Sachen Fremdschämen kaum nachsteht.

Die wichtigste Erkenntnis des Online-Wahlkampfs dürfte also seine Unberechenbarkeit sein. Vieles versendet sich. Nur manches schwappt an die Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung. Meist zum Leidwesen der Parteien aber nicht so, wie sie es gerne hätten, sondern als Netzgemeinden-Lachnummer. Das gilt übrigens auch für Aktionen, die für den analogen Wahlkampf gedacht waren.

Hätte früher eine Politikerin eine peinliche Pippi-Langstrumpf-Imitation in ihre Bundestagsrede eingebaut, wäre das allenfalls für eine Schmunzelmeldung in Zeitung und TV gut gewesen und hätte danach höchstens noch in der Jahresrückblickgala stattgefunden. Durch das Archiv Internet verliert Andrea Nahles‘ „Widde-Widde“ nichts von seiner fürchterlichen Präsenz. „Ich geb mir gleich noch die tägliche Nahles“, sagte jüngst ein Kollege. Schmerzhaft. Sowohl für den Zuschauer, als auch für die SPD.

Viel witziger als diese unfreiwillige Komik ist das, was die Netzgemeinde mit den Vorlagen aus der realen Welt macht. Das beginnt bei der Deutschlandkette, die Merkel beim TV-Duell trug und die bald einen eigenen Facebook-Account hatte, und endet beim XXL-Wahlplakat mit Merkel-Raute und dem Steinbrück-Foto mit Stinkefinger, die in Windeseile für Fotomontage-Furore sorgten. Horst Schlemmer mit Merkel-Raute, Steinbrück als Stinkefinger-Bond oder im Rauten-Klammergriff. Ob nun als Hommage oder als Persiflage, liegt wohl im Auge des Betrachters. Bleibt am Ende die Hoffnung, dass das alles nicht wirklich wahlentscheidend ist.

Dass Rebecca Hummel als Direktkandidatin in den Bundestag einzieht, ist eher unwahrscheinlich. Der letzte SPD-Kandidat, der in Reutlingen ein Direktmandat erringen konnte, war Oskar Kalbfell. Das war im Jahr 1949. Sollte es für Hummel dennoch reichen, könnte zumindest die deutsche Marmeladenvielfalt profitieren. Auch aus schwarzen Johannisbeeren, Waldmeister, Himbeeren und Mirabellen lassen sich schließlich vortreffliche Brotaufstriche zaubern.

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