Unabdingbarer Gehorsam und Distanz zu den Opfern

Von: Christina Handschuhmacher
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Von eigenen Kriegserfahrungen geprägt: Theologe Eugen Drewermann. Foto: A. Herrmann

Aachen. Die Erinnerungen sind immer noch lebendig, und sie schmerzen auch nach mehr als 70 Jahren noch: Da sind seine Spielkameraden, die tot auf der Straße liegen, als er aus dem Luftschutzbunker kommt. Da sind die Propagandasprüche der Erwachsenen: „Jedes Messer muss zur Waffe werden.“

Da sind die Bombennächte im Bunker. „Das Thema Krieg quält mich, seit ich denken kann“, sagt der Paderborner Theologe und ehemalige Priester Eugen Drewermann zum Abschluss seines Vortrags in der Aachener Annakirche. Und er verspüre Erleichterung, so beschreibt er es, wenn er darüber reden könne.

Es ist der persönlichste Moment des ganzen Abends. Knapp zwei Stunden lang hat der 76-Jährige zuvor auf Einladung der Evangelischen Stadtakademie und der Aachener Aktionsgemeinschaft „Frieden jetzt!“ versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben: „Warum Krieg?“ Rund 200 Menschen sind an diesem heißen Sommerabend zu seinem Vortrag gekommen.

Auch wenn Drewermann mit seinen kirchenkritischen Thesen, die 1992 zu seiner Suspendierung vom Priesteramt und 2005 zu seinem Austritt aus der katholischen Kirche führten, nicht mehr so präsent in der Öffentlichkeit ist wie noch vor einigen Jahren, so zeigt dieser Abend doch: Drewermann hat immer noch sein Publikum. Und das klatscht bereits viermal Applaus, bevor der studierte Theologe und Psychoanalytiker überhaupt das Wort ergriffen hat.

Was dann folgt, ist ein wahrer Parforceritt durch die Kultur- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts: von Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama „Draußen vor der Tür“ über die Erlebnisse des Schriftstellers Erich Maria Remarque in der Schlacht von Verdun bis zu dem Briefwechsel zur Frage „Warum Krieg?“ zwischen Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, und Albert Einstein, dem Erfinder der Relativitätstheorie.

Drewermann zitiert diese Geistesgrößen, um zu zeigen, wie Krieg sich auf die Menschen auswirkt. Seine These: „Solange der Krieg für die Regierenden eine Option ist, leben wir Menschen schizophren. Angepasst an die Zivilisation und jederzeit bereit zu ihrer Zerstörung.“

Doch was befähigt zivilisierte Menschen zu solchen Grausamkeiten? Wie werden aus fürsorglichen Familienvätern Soldaten, die bereit sind, für ihr Land zu töten und auch den eigenen Tod in Kauf zu nehmen? Ob die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, der Vietnamkrieg oder die Golfkriege – für Drewermann steht fest: „Wir lassen uns seelisch amputieren, wir lernen, dass wir keine Gefühle haben dürfen.“

Hinzu komme die räumliche Distanz zu den Opfern, die immer weiter zunehme. Während in Homers Schilderungen des Trojanischen Krieges die Kämpfer noch die Wirkung der eigenen Waffen beobachten, sind die Soldaten heute völlig abgekoppelt von ihren Taten, sagt er. Sie haben Präzisionsgewehre, die Distanzen bis zu zwei Kilometer überwinden, und Drohnen.

Drewermann zieht bekannte psychologische Experimente heran, um zu zeigen: nicht Perversion, sondern der ausgeprägte Wille zum Gehorsam und die Hörigkeit gegenüber Autoritäten lassen Menschen Grausames tun. Drewermann spricht völlig frei und dennoch nahezu druckreif. Kein einziges Mal verhaspelt er sich oder verliert den roten Faden. Sein Vortrag ist eine Lehrstunde in Sachen Rhetorik. Immer wieder brandet zwischendurch Beifall auf.

Und dann kommt Drewermann in der Gegenwart an: Es ist keine Überraschung, dass er kein Anhänger der Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Militarisierung im Allgemeinen und der Bundeswehr und der Nato im Besonderen ist. Er würde sie abschaffen. Sofort. Und auch zum Thema Terrorismus, das nach den jüngsten Attentaten wieder die Schlagzeilen beherrscht, hat Drewermann eine eigene Meinung: „Wir müssen die Feindschaften, die man uns aufoktroyiert, überwinden.“

„Warum Krieg?“, fragt Drewermann also. Egal, ob man ihm in all seinen Thesen und Argumenten zustimmt oder nicht, man kann seiner Argumentationskette, die sich aus literarischen, psychologischen und historischen Abrissen speist, durchaus folgen. Es ist der Versuch eines Mannes, die Gründe für das, was ihn seit seiner Kindheit quält, zu finden. Nachvollziehen können wird er sie nie.

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