SPD-Neumitglieder: Hohe Erwartungen an „Martin“

Von: Christina Handschuhmacher
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Beschert seiner Partei viele neue Mitglieder: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz – hier illustriert im Stile eines bekannten Obama-Plakats, das in dessen Wahlkampf 2008 zum Symbol wurde. Foto: dpa
Neumitglied Dennis Kurz
Überzeugt von Schulz‘ Kernthema soziale Gerechtigkeit: Neumitglied Dennis Kurz. Foto: Harald Krömer
Neumitglied Nikolaos Antonopoulos.
Will sich im NRW-Wahlkampf engagieren: Neumitglied Nikolaos Antonopoulos. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die Rede von Martin Schulz auf dem SPD-Sonderparteitag am 19. März dauert rund eine Stunde. Es ist eine kämpferische Rede – und sie überzeugt offenbar. Denn im Anschluss wird Schulz mit 100 Prozent der Stimmen zum neuen Parteivorsitzenden gewählt.

Mindestens eine weitere Stimme hat er an diesem Tag dazu gewonnen: die von Dennis Kurz, Verdi-Gewerkschaftssekretär für den Bezirk Aachen, Düren, Erft. Der 25-Jährige verfolgt Schulz’ Rede live auf dessen Seite im Sozialen Netzwerk Facebook. Welcher Moment genau es war, in dem Kurz beschloss, dass die SPD für ihn wieder eine Option ist, kann er rückblickend gar nicht mehr genau sagen. Jedenfalls klickt er kurze Zeit später auf der SPD-Homepage auf den Button „Mitglied werden“.

Nikolaos Antonopoulos ist zu diesem Zeitpunkt schon seit rund sieben Wochen in der Partei. Dass Schulz nun den Parteivorsitz übernimmt und als Kanzler kandidiert, sei für ihn „das letzte fehlende Zünglein an der Waage gewesen. Die Überlegungen, in die SPD einzutreten, hatte ich schon länger“, sagt der Aachener Architekturstudent.

Kurz und Antonopoulos sind zwei von rund 4000 Menschen in NRW, die nach Parteiangaben in den ersten drei Monaten dieses Jahres neu in die SPD eingetreten sind. Mehr als eine Versechsfachung im Vergleich zum Vorjahr, als im ersten Quartal nur 660 Menschen neu in die Partei eintraten.

Nach satten Mitgliederverlusten in den Vorjahren und einem konstanten Tief in den Umfragen sind die vielen Neueintritte und das Hoch in den Meinungsumfragen Balsam für die Seele der Genossen. Seit Wochen bejubeln die Sozialdemokraten den „Schulz-Effekt“ – auf einmal scheint alles möglich. In den Sozialen Netzwerken heißen die Schlagworte plötzlich „JetztistSchulz“ oder „ZeitfuerMartin“ und mancherorts im Netz wird der Würselener augenzwinkernd zu einer übernatürlichen Erscheinung zwischen Robin Hood und Messias stilisiert.

Aber Kurz und Antonopoulos sind keine Menschen, die nur auf den „Schulzzug“ aufgesprungen sind, weil es vielleicht gerade angesagt ist. Die beiden jungen Männer wollen, wie sie sagen, dem „Rechtsruck im Land“ etwas entgegensetzen, inhaltlich arbeiten und haben sehr konkrete Erwartungen an ihre Partei – und vor allem natürlich an Martin Schulz.

Ein zentraler Punkt für beide: die von Schulz geforderten Änderungen an der umstrittenen Agenda 2010. „Die Leiharbeit, die befristeten Jobs, das sorgt für Angst bei den Menschen“, sagt Antonopoulos. „Es ist gut, dass Schulz das Thema anpackt.“ Kurz, der sich, wie er selbst sagt, auch mit vielen Forderungen der Linkspartei identifizieren kann, geht noch einen Schritt weiter: „Klar ist es gut, dass die Partei sich überhaupt mal an das Thema wagt, aber da sind noch mehr Korrekturen nötig als jetzt von Schulz gefordert.“ Es sei gut, dass Schulz der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverträgen einen Riegel vorschieben wolle. Zudem müssten auch weitere Aspekte angegangen werden, etwa die Höhe der Hartz-IV-Bezüge, sagt der Verdi-Gewerkschaftssekretär.

„Ich würde mir auch wünschen, dass Martin etwas für Alleinerziehende tut“, sagt Antonopoulos. Wenn der 31-Jährige von Schulz spricht, nutzt er hin und wieder nur dessen Vornamen. Es klingt dann, als spräche er von einem guten Freund oder Bekannten, obwohl er Schulz noch nie persönlich getroffen hat. Vielleicht ist es auch ein Stück weit das, was Schulz von Gabriel unterscheidet. Jedenfalls sagen sowohl Antonopoulos als auch Kurz, dass sie Schulz im Gegensatz zu seinem Vorgänger für glaubhafter, authentischer und menschlicher halten. „Gabriel hingegen hat es nicht geschafft, die SPD in der großen Koalition von der CDU ausreichend abzugrenzen“, sagt Antonopoulos, der sich im NRW-Wahlkampf engagiert und im Wechsel mit einem anderen SPD-Mitglied den Wahl-Bulli des Aachener Landtagsabgeordneten Karl Schultheis fährt.

Was trauen die Neumitglieder ihrer Partei nun unter ihrem neuen Vorsitzenden zu? „Klar kann Schulz Kanzler werden“, sagt Neu-SPD-Mitglied Antonopoulos. „Deutschland ist merkelmüde, und CDU und CSU wirken oft zerstritten.“ Und auch Verdi-Mann Kurz kann sich gut vorstellen, dass die Sozialdemokraten bei der Wahl im Bund bis zu 35 Prozent holen. Was sie beide nicht wollen: fünf weitere Jahre große Koalition. „Ich habe Angst, dass der Gesichtsverlust der SPD dann von Neuem beginnt“, sagt Antonopoulos.

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