Schulz gegen Merkel: Wer kann besser Wahlkampf?

Von: Jan Drebes und Eva Quadbeck
Letzte Aktualisierung:
Merkel und Schulz
Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) treten im Bundestagswahlkampf gegeneinander an. Foto: dpa

Berlin. Martin Schulz (SPD) singt gern und oft. Französische Chansons gehören nach eigenem Bekunden dazu, ruhig auch mal Mundart-Hits wie die der Kölner Gruppe „Bläck Fööss“. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)?

Von ihr sind derlei Vorlieben nicht bekannt, auch wenn sie etwa beim traditionellen Besuch der Sternsinger im Kanzleramt stets text- und tonlagensicher ist. Der machtbewusste Gemütsmensch gegen die analytisch-kühle Physikerin: Im Bundestagswahlkampf werden zwei völlig unterschiedliche Personen aufeinander prallen.

Einigkeit in vielen Punkten

Dabei hatten Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz während seiner Zeit als Präsident des Europaparlaments stets einen guten Draht. Ob Brexit, Türkeipolitik oder Flüchtlingskrise – die beiden kommunizierten vertraulich, verlässlich, präzise. Eine SMS genügte und kurz darauf folgte ein Telefonat. Sie redeten nie schlecht übereinander. Denn auch inhaltlich, etwa in den vielen Fragen der Europa-Politik, waren sich die deutsche Kanzlerin und der Vorsitzende des EU-Parlaments mit 751 Sitzen häufig einig.

Die einzige echte Meinungsverschiedenheit aus diesen Zeiten: Der Umgang mit den Euro-Krisenstaaten. Merkel drängte immer auf eine Sparpolitik in Ländern wie Griechenland, Portugal oder Irland und darauf, dass die Schulden nicht vergemeinschaftet werden sollten. Schulz hingegen warb für Eurobonds, was eine Verteilung der Schulden auf die EU-Mitglieder bedeutet hätte. Doch die Debatte erklärte Schulz mit dem Verweis auf die Euro-Rettungssysteme jüngst für abgehakt.

Beide sind sehr hartnäckig

Auch in der Flüchtlingsfrage und im Streben nach einem europäischen Zusammenhalt haben sie an einem Strang gezogen. Schulz mahnte mehr Solidarität bei der Verteilung von Flüchtlingen an, zieht dafür auch Sanktionen bei der EU-Finanzplanung gegen unsolidarische Mitgliedsstaaten in Betracht. Ähnliche Äußerungen waren auch schon von Merkel zu vernehmen. Und gegenüber Russland nahm Schulz als Europa-Politiker eine kritischere Haltung als die Mehrheit in der SPD ein. Auch da liegt er mit der Kanzlerin auf einer Linie.

Was beiden auf internationalem Parkett außerdem zugute kam: Ihre ausgeprägte Hartnäckigkeit in politischen Verhandlungen, ihre Beharrlichkeit und ihr Sitzfleisch. Merkel stellte das in zähen Gesprächen mit den schwierigen Koalitionspartnern Horst Seehofer (CSU) und Sigmar Gabriel (SPD) ebenso unter Beweis wie in der Ukraine-Krise, als es um die so wichtigen Minsker Abkommen ging. Auch 17-Stunden-Verhandlungen etwa zur Abwendung einer Griechenland-Pleite konnte Merkel in wesentlichen Punkten für sich entscheiden. Schulz wiederum gab nicht auf, als das Freihandelsabkommen Ceta an Belgien zu scheitern drohte und er bei der kanadischen Handelsministerin Chrystia Freeland sowie dem wallonischen Regierungschef Paul Magnette entscheidende Überzeugungsarbeit leistete.

In all den Jahren war Merkels Draht zu Schulz also valider als der zu Gabriel – als Vizekanzler wäre Schulz ihr wahrscheinlich willkommen. Das ist aber nicht sein Plan. Schulz geht mit einem ähnlichen Machtwillen in den Wahlkampf wie einst Gerhard Schröder 1998. Er rüttelte zwar noch nicht am Zaun des Kanzleramts, sagt jedoch ganz bewusst Sätze wie: „Wir werden die stärkste Fraktion stellen, und ich werde Bundeskanzler.“

Die Unterschiede zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer liegen also weniger in der Programmatik – zumindest nicht in der Außenpolitik – als im Temperament der Protagonisten. Schulz kann wie kein Zweiter den Mann aus dem Volk geben. Er spricht in einfachen klaren Sätzen – sogar dann, wenn er ausweichende Antworten gibt. Er ist laut, extrovertiert und emotional. Auf Merkel treffen die gegenteiligen Beschreibungen zu. Für den Wahlkampf sind Schulz‘ Eigenschaften eindeutig von Vorteil – insbesondere in einer Zeit, in der das Argument des Faktischen seine Wirkung bei manchen Menschen schon verloren hat. In der Disziplin, den Bürgern mit Empathie zu begegnen, wird Merkel ihren Herausforderer nicht übertrumpfen können.

Und so konnte Schulz in mehreren Umfragen bei der Frage nach der Direktwahl des Kanzlers bereits besser abschneiden als Merkel. Im ARD-Deutschlandtrend etwa sagten 50 Prozent der Befragten, dass sie – wenn die Direktwahl möglich wäre – für Schulz als Kanzler stimmen würden, nur 34 Prozent würden hingegen ihr Kreuzchen für Merkel setzen.

Beim „Stern“-Wahltrend, für den das Meinungsforschungsinstitut Forsa vom 26. bis 27. Januar 1001 Personen befragte, schnitt Schulz jedoch schlechter als Merkel ab. 33 Prozent präferieren ihn demnach als Kanzler, Merkel bekam 42 Prozent Zustimmung.

Wer ist glaubwürdiger?

In der Forsa-Erhebung zu den Persönlichkeitswerten kommt Schulz teilweise jedoch sehr nah an die Amtsinhaberin heran oder überholt sie. So halten 62 Prozent der Befragten Merkel für glaubwürdig, 60 Prozent attestieren das auch Schulz. Merkel finden 60 Prozent sympathisch, Schulz erreicht 57 Prozent. Deutlichen Vorsprung hat die Kanzlerin aber bei inhaltlichen Fragen: Dass Merkel Deutschland im Ausland gut vertreten könne, finden 83 Prozent (Schulz erreicht 61 Prozent). Sie sei kompetent und führungsstark sagen 75 und 74 Prozent der Befragten, bei Schulz sind es 58 und 54 Prozent. Dass Merkel etwas von Wirtschaft verstehe unterschreiben 68 Prozent der Befragten und dass sie die Probleme im Land kenne glauben 64 Prozent (jeweils 49 Prozent bei Schulz).

Besser als Merkel schneidet der SPD-Herausforderer allerdings bei der Frage ab, wer auf der Seite der „kleinen Leute“ stehe: 41 Prozent schreiben das Schulz zu, 31 Prozent Merkel. Und dass Schulz eine geschlossene Partei hinter sich hat sagen 49 Prozent – angesichts des lange anhaltenden Unionsstreits aber nur 28 Prozent bei Merkel.

Aber noch eine Zahl ist interessant: Im ARD-Deutschlandtrend gaben 68 Prozent der Befragten an, dass für sie vor allem die Lösungsvorschläge zu Sachfragen Motiv bei der Wahlentscheidung seien, nur 17 Prozent finden die Spitzenkandidaten am wichtigsten. Trifft das tatsächlich zu, müssen sich sowohl Merkel als auch Schulz angesichts ihrer ähnlichen außenpolitischen Positionen bei innenpolitischen Themen profilieren.

Aber weder die SPD noch die Union haben bisher ihre Wahlprogramme verabschiedet. Die Grundzüge sind bereits klar: Die SPD setzt auf moderne Akzente bei ihrem traditionellen Steckenpferd sozialer Gerechtigkeit. Und die Union mit Merkel an der Spitze versprechen, Wohlstand und Sicherheit zu erhalten und auszubauen. Das Duell kann beginnen.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert