Köln - Schanna Nemzowa: „Mein Vater ist ein Opfer von Putins Russland“

Schanna Nemzowa: „Mein Vater ist ein Opfer von Putins Russland“

Von: Christina Handschuhmacher
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Der Tatort in Sichtweite des Kremls: Auf der Bolschoi-Moskworezki-Brücke wurde der ehemalige russische Vizeministerpräsident Boris Nemzow am Abend des 27. Februar 2015 durch vier Schüsse in Kopf und Rücken getötet. Immer noch legen Menschen am Tatort Blumen nieder, um des Oppositionellen zu gedenken. Kurz nach dem Mord wurden fünf Männer aus dem islamisch geprägten Nordkaukasus festgenommen. Seine Tochter Schanna Nemzowa (32) zweifelt die Ermittlungsergebnisse an und will, dass die Drahtzieher gefasst werden. Foto: dpa
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Die russische Journalistin und Moderatorin Schanna Nemzowa ist Tochter des ermordeten Vizeministerpräsidenten Boris Nemzov.

Köln. Als ihr Vater Boris Nemzow am späten Abend des 27. Februar 2015 durch vier gezielte Schüsse in Rücken und Kopf getötet wird, liegt seine älteste Tochter Schanna nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt im Bett ihrer Wohnung im Zentrum Moskaus und freut sich auf den bevorstehenden Urlaub in Italien.

Ihr Handy hat sie bereits ausgeschaltet, als sie aus dem Wohnzimmer die Schreie ihrer Mutter hört. Zuerst will sie nicht glauben, was ihre Mutter da sagt. Doch als sie ihr Mobiltelefon wieder anschaltet, lässt sich die Realität nicht länger leugnen. Dutzende Bekannte haben bereits ihr Beileid bekundet und auch der US-Nachrichtensender CNN – wahrlich nicht der russischen Propaganda verdächtig – meldet den Tod des ehemaligen russischen Vizeministerpräsidenten. Auf offener Straße ermordet. In Sichtweite des Kremls.

Seither ist in Nemzowas Leben nichts mehr wie zuvor. Denn die Journalistin hat beschlossen, das Lebenswerk ihres Vaters fortzusetzen. Aus Sicherheitsgründen hat sie Russland kurze Zeit nach dem Mord an ihrem Vater verlassen und lebt seit August 2015 in Bonn, wo sie freiberuflich für die russische Redaktion der Deutschen Welle arbeitet.

Über ihre Erfahrungen hat die 32-Jährige das Buch „Russland wachrütteln“ (siehe Infobox) geschrieben. Kürzlich war Nemzowa auf Einladung des Lew-Kopelew-Forums und des Cologne-Bonn Center for Central and Eastern Europe für einen Vortrag an der Universität Köln. Im Gespräch mit unserer Zeitung hat Schanna Nemzowa über den Stand der Ermittlungen, die Gründe für ihren Weggang aus Russland und ihr neues Leben in Deutschland gesprochen.

 

Frau Nemzowa, wie laufen die Ermittlungen zum Mord an Ihrem Vater?

Nemzowa: Die Ermittlungen werden von oberster Stelle blockiert. Das betrifft sowohl die Ermittlungen zu den Auftraggebern als auch zu denjenigen, die das Verbrechen ausgeführt haben. Die Polizei geht davon aus, dass die Mörder aus eigenem Antrieb gehandelt haben. Ich bin davon überzeugt, dass das nicht so ist. Man muss konstant Druck auf die Ermittler ausüben, damit der Fall weiter untersucht wird. Wir haben sechs Monate nach der Ermordung meines Vaters eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht. Sie wurde zwar registriert, aber solche Verfahren dauern zwei bis drei Jahre. Erschwerend kommt hinzu, dass in Russland erst kürzlich eine Ergänzung zur russischen Verfassung beschlossen wurde, wonach die Urteile des Europäischen Gerichtshofs nicht mehr bindend sind.

Lassen sich die Ermittlungen auch problemlos von Deutschland aus vorantreiben?

Nemzowa: Ja. Die Tatsache, dass ich Russland vor fast einem Jahr verlassen habe, bedeutet nicht, dass ich aufgehört habe, objektive und nach allen Seiten offene Ermittlungen einzufordern. Derzeit versuche ich, den Europäischen Rat zu überzeugen, einen Sachverständigen einzusetzen, der den Fortgang der Ermittlungen kontrolliert. Dieser Sachverständige würde die Ermittlungsdokumente auswerten, mit den russischen Behörden sprechen und darüber berichten, wie objektiv die Ermittlungen verlaufen, welchen Fortschritt es gibt und wo Probleme sind.

Es gäbe also eine europäische Kontrollinstanz in den Ermittlungen. Zudem spreche ich mit Journalisten, Experten und Politikern und bitte Letztere, Fragen zu stellen, wann immer sie sich mit den russischen Behörden treffen. Ich weiß nicht, was dabei herauskommen wird, aber ich weiß, dass der Staat diesen Fall nach der Ära von Präsident Wladimir Putin sehr schnell lösen wird. Aber jetzt gerade muss man Druck ausüben. Tut man das nicht, bedeutet das, dass man sich nicht gegen die Gewalt und Macht des Staates wehrt. Und wenn der russische Staat sieht, dass sich das Volk nicht wehrt, wird es immer so weitergehen.

Glauben Sie denn noch daran, dass der Mord jemals aufgeklärt wird?

Nemzowa: Ich hoffe, dass ich noch erleben werde, dass Russland ein Rechtsstaat wird. Zurzeit wird in Russland nicht das Gesetz als Quelle des Rechts betrachtet, sondern das, was Putin entscheidet. Für die Machthaber ist es sehr bequem, wenn die Menschen nicht durchschauen, was läuft, und Angst haben. Ängstliche Menschen lassen sich leichter regieren.

Gehen Sie soweit zu sagen, dass der russische Präsident Wladimir Putin für den Tod Ihres Vaters verantwortlich ist?

Nemzow: Dafür habe ich keine Beweise. Aber fest steht, dass Putin die politische Verantwortung trägt. Er hat durch die Propaganda in den russischen Medien erst das Klima geschaffen, das diesen Mord möglich gemacht hat. Mein Vater wurde als Freiwild angesehen. Er ist ein Opfer von Putins Russland. Und Putin selbst blockiert die Morduntersuchungen.

Warum haben Sie Russland kurze Zeit nach dem Tod Ihres Vaters verlassen?

Nemzowa: Ich bin über die Sozialen Netzwerke bedroht worden und habe dort auch Morddrohungen erhalten. Viele Politiker und in der Öffentlichkeit stehende Personen erleben Ähnliches, wenn sie ihre Meinung kundtun. Aber ich habe Russland nicht nur deshalb verlassen. Ich wusste ziemlich schnell, dass ich meinen Job beim Wirtschaftssender RBK verlieren werde, weil ich in den Mordermittlungen Druck aufgebaut habe. Den letzten Ausschlag zu meiner Entscheidung hat schließlich die Vergiftung von Wladimir Kara-Murza junior gegeben, einem langjährigen Freund und Mitstreiter meines Vaters, mit dem auch ich befreundet bin. Er wurde vergiftet, befand sich in einem sehr kritischen Zustand und hatte nach Angaben der Ärzte nur eine fünfprozentige Überlebenschance. Es ist ein Wunder, dass er es geschafft hat. Kara-Murza ist nicht so eine bekannte Figur wie mein Vater, aber er ist Politiker und Journalist. Nach diesem Mordversuch habe ich begriffen, dass es nicht entscheidend ist, wie bekannt du bist und welchen Einfluss du hast. Wenn du unabhängig bist und jemandem im Weg stehst, kannst du dich in Russland nicht sicher fühlen.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, Russland zu verlassen?

Nemzowa: Natürlich war das ein großer Schritt. Meine Mutter, meine Großmutter und andere Verwandten leben ja noch dort. Aber sie kommen mich hier sehr oft besuchen. Ich habe kein Problem damit, in einem fremden Land zu leben. Ich bin ein sehr aufgeschlossener Mensch, der schnell mit Fremden zurechtkommt. Für mich ist Freiheit einfach unheimlich wichtig. Wenn man sie hat, nimmt man sie als selbstverständlich wahr. Aber wenn sie dann eingeschränkt wird oder ganz wegfällt, lernt man, sie zu schätzen. Hier in Deutschland kann ich jetzt ein sicheres, normales Leben führen und meinen Job ausüben.

Was gefällt Ihnen noch an Ihrem neuen Leben in Deutschland?

Nemzowa: Ich mag es, dass ich hier unheimlich viele Dinge machen kann, die ich in Russland nicht machen konnte. Es wäre undenkbar gewesen, dort eine Stiftung im Namen meines Vaters zu gründen oder gar ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen. Und ich hätte dort eben auch nicht weiter als unabhängige Journalistin arbeiten können. Es ging mir zuletzt ähnlich wie meinem Vater: Bei ihm fürchteten sich die Menschen davor, mit ihm in Kontakt zu treten, weil er Oppositionspolitiker war. Bei mir weigerten sich die Menschen, sich von mir interviewen zu lassen – selbst zu politisch neutralen Themen. Deshalb konnte ich meinen Job nicht mehr ausüben. Es gibt einfach keine Pressefreiheit in Russland. Meinem ehemaligen Sender RBK habe ich am Jahrestag der Ermordung meines Vaters ein Interview gegeben. Nach einem Anruf aus dem Kreml wurden alle Passagen über Putin aus dem Interview gekürzt. Und ich habe wirklich nichts Obszönes gesagt.

Wie oft sind Sie noch in Russland gewesen in letzter Zeit?

Nemzowa: Ich war seit elf Monaten nicht mehr dort. Ich fühle mich dort derzeit nicht sicher und deshalb will ich nicht dorthin.

Ende der 1990er Jahre sah es in Russland ja durchaus eine Zeit lang so aus, als ob Ihr Vater die Nachfolge von Boris Jelzin antreten würde. Stattdessen wurde Putin Ministerpräsident. Denken Sie manchmal darüber nach, was wohl aus Russland geworden wäre, wenn Ihr Vater damals an die Macht gekommen wäre?

Nemzowa: Es wäre heute ein anderes Land, denke ich. Mein Vater war ein Demokrat und sehr liberal. Er wollte, dass Russland europäischer wird. Er hätte sich in Richtung Europa orientiert, anstatt sich weiter Asien zuzuwenden. In Russland würde es jetzt dann wohl eine freie Presse, freie Wahlen, Rechtsstaatlichkeit und fairen Wettbewerb ohne die Macht der Oligarchen geben. Es wäre ein ganz anderes Land.

Putin ist noch gewählt bis 2018 und wird sich wahrscheinlich auch danach noch einmal bis 2024 zur Wahl stellen. Gibt es kein Ende der Ära Putin?

Nemzowa: Alles endet irgendwann. Aber es ist schwierig, Vorhersagen für die Zukunft Russlands zu treffen, besonders, weil es sich eben nicht um ein demokratisches, sondern ein eher autoritär geprägtes System handelt. Es konnte ja auch niemand voraussagen, was aus dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi wird und niemand konnte vorhersagen, wann die Sowjetunion fällt. Fest steht: Wir haben derzeit eine Verschlechterung in allen Lebensbereichen: im Sozialen, in der Wirtschaft und in der Bildung. Wenn Putin noch acht weitere Jahre an der Macht bleibt, wird das alles nur noch schlimmer. Und es wird zugleich immer schwieriger für den nächsten Präsidenten, Russland zu verändern. Jedes Jahr unter Putins Herrschaft fügt neue Probleme hinzu.

Unter welchen Umständen würden Sie nach Russland zurückkehren?

Nemzowa: Ich sehe das als ein Ereignis in ferner Zukunft. Ich möchte irgendwann zurück, aber die Voraussetzung ist, dass ich dort sicher bin, einen Job finde und dass es Rechtsstaatlichkeit gibt. Ich will nicht nach Russland zurück, solange Putin an der Macht ist. Und unabhängig von den Sicherheitsrisiken habe ich nicht das Gefühl, dass ich in Russland im Moment irgendetwas bewegen kann. Ich glaube, dass ich von Deutschland aus als Journalistin und Gründerin der Boris-Nemzow-Stiftung für die Freiheit mehr tun kann, als ich es in Russland könnte.

Was ist der Zweck der Boris-Nemzow-Stiftung?

Nemzowa: Die Stiftung wird zur Gesellschaft und Politik in Russland forschen und Stipendien an Studenten vergeben. Am 12. Juni, dem Tag der Unabhängigkeit Russlands, wollen wir in Bonn erstmalig den mit 10000 Euro dotierten Boris-Nemzow-Preis verleihen. Mit ihm sollen Menschen ausgezeichnet werden, die den Mut haben ihre Meinung zu sagen und für demokratische Verhältnisse in Russland zu kämpfen. Die 15 Nominierten finden sich bereits auf unserer Webseite. Bald werden wir einen Abstimmungsprozess via Internet starten. Zusätzlich werden wir im Oktober ein Boris-Nemzow-Forum in Berlin abhalten. Wir wollen Bildungsprogramme installieren und haben ein Abkommen mit der russischen Abteilung der Universität Bonn, dass wir jedes Jahr Bücher zu Russland für ihre Bibliothek kaufen. Wir haben noch sehr viele Pläne und werden so die Erinnerung an meinen Vater wach halten.

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