Rückeroberung von Mossul: 500.000 Kinder extrem in Gefahr

Von: Manfred Kutsch
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Vorerst in Sicherheit: In Dibaga – einem Flüchtlingslager zwischen Mossul und Erbil – leben zurzeit 35000 Flüchtlinge. Die Rückeroberung von Mossul könnte zu einer neuen Flüchtlingswelle führen. Unicef sieht mehr als eine halbe Million Kinder und ihre Familien in Gefahr. Foto: dpa

Erbil/Dohuk. Immer wieder rollen Panzer und Geländewagen auf der Hauptverkehrsader „100 Hundred Meter Street“ der nordirakischen Kurden-Metropole Erbil gen Westen. Es ist 30 Grad, die Luft feucht.

Auf den Militärfahrzeugen hocken siegessicher junge Peschmerga mit deutschen Waffen, sie winken uns zu und strecken den Daumen nach oben. 40 Kilometer braucht der militärische Nachschub bis zur Frontlinie der bislang erfolgreichen Kämpfe mit den Terroristen des Islamischen Staates, denen ihre letzte Hochburg Mossul entrissen werden soll. Die Zeit drängt.

Denn mehr als 500.000 Kinder und ihre Familien sind laut Unicef in den kommenden Wochen in Mossul extrem gefährdet. Unicef ruft dazu auf, bei der Rückeroberung der Millionenstadt die Kinder besonders zu schützen.

Zivilisten als Schutzschilde

Auf die Zivilbevölkerung der einstigen Zwei-Millionen-Stadt müssen auch die „Befreier“ Rücksicht nehmen. „Der IS wird versuchen, zwischen diesen Menschen in den zivilen Stadtteilen zu verschwinden, um sicher zu sein vor den Luftangriffen und um sich vor den Augen der Geheimdienste zu verstecken“, erklärte jüngst der ehemalige irakische Oberst Ahmed Schauki.

Erste Erfahrungen mit Sprengfallen, Selbst­mordattentaten und Heckenschützen mussten die irakische Arme und die kurdischen Peschmerga bereits bei der Eroberung der Stadt Karakosch machen.

„Die Kinder in Mossul haben bereits in den vergangenen zwei Jahren schwer gelitten. Jetzt könnten viele vertrieben werden, zwischen die Fronten oder ins Kreuzfeuer geraten“, erklärt der Leiter von Unicef Irak, Peter Hawkins, gegenüber unserer Zeitung, die in diesen Tagen zur Vorbereitung der Unicef-Weihnachtsaktion im Krisengebiet recherchiert.

Rund 130.000 Menschen sind bereits seit März unter größten Risiken aus der letzten IS-Hochburg Mossul geflohen, weil der Angriff drohte. Der IS hat angekündigt, Fliehende zu töten. Wie grausam die Terrorbande dies zum Teil umsetzt, bestätigt Rzgar Abed, Chef des Vertriebenen-Camps Dibaga, 45 Autominuten von Erbil entfernt.

„Zwei 19 und 20 Jahre alte Söhne sowie ein elfjähriges Mädchen erreichten uns im Auto mit ihren ermordeten Eltern auf der Rückbank“, sagt der Lagermanager, der allein seit März 750 Familien aus Mossul und den vorgelagerten, inzwischen vielfach zurückeroberten Dörfern aufgenommen hat.

Die Lage im nordirakischen Kurdistan wird unterdessen immer dramatischer. Hat das kleine Land im Hexenkessel des Nahen Ostens doch bereits zwei Millionen IS-Opfer und Flüchtlinge aus dem Nachbarland Syrien aufgenommen.

Im ehemaligen Foltergefängnis

„Wir rechnen nicht damit, so schnell wieder in unsere Heimat zurückzukommen“, sagt die 32-jährige Dalal, Mutter von fünf Kindern, die wir in einem Notaufnahmelager der kleinen Stadt Akre trafen – das Camp wurde in einem ehemaligen Foltergefängnis von Saddam Hussein eingerichtet.

In Dibaga, umgeben von Geröllwüste, sind derweil drei Zeltstädte für insgesamt 35 000 entwurzelte Menschen entstanden. Täglich kommen nach Auskunft von Unicef rund 500 Neuankömmlinge dort an.

Bei der Aufnahme in die Schutzzonen werden die erwachsenen Männer der Familien zunächst gesondert auf einem abgeschlossenen, hoch umzäunten Territorium isoliert – und ins Kreuzverhör genommen. „Das kann Tage, ja auch Wochen dauern, denn wir wollen und müssen ausschließen, dass sich IS-Terroristen in die Lager einschleusen“, so Dibaga-Manager Abed.

Derweil bereiten sich Unicef und andere Hilfsorganisationen auf die befürchtete Zuspitzung der Situation vor. Mobile Teams wurden ausgebildet, um schwer traumatisierte und verletzte Kinder in den unzureichend ausgestatteten Notunterkünften zu betreuen und zu versorgen. Gemeinsam mit den Behörden stehen 50 Teams bereit, um Kinder gegen Masern und Polio zu impfen. „Wir arbeiten rund um die Uhr, um Kindern zu helfen, wo immer sie sich aufhalten“, sagt Peter Hawkins.

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