Najib Roshan hofft, „dass alle Afghanen eines Tages zurückkehren können“

Von: Christina Merkelbach
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Wollte den staatlichen Rundfunk in Afghanistan nach dem Vorbild der ARD umbauen: Najib Roshan wohnt seit 2015 dauerhaft in Aachen. Foto: Heike Lachmann

Aachen. 16 Monate leitete Najib Roshan in Afghanistan das staatliche Radio und Fernsehen RTA. 2005 hatte der damalige Präsident Hamid Karsai den Deutsch-Afghanen, der in den 1970ern zum Studium nach Aachen gekommen war, zum Generalintendanten gemacht.

Doch unter dem Druck islamistischer Kräfte und massiver persönlicher Bedrohungen warf der liberale Intellektuelle 2006 das Handtuch. Er zog zurück nach Deutschland und arbeitete in den letzten Berufsjahren als Berater für das afghanische Außenministerium.

Seit 2015 lebt der 61-Jährige dauerhaft in Aachen, pflegt aber regelmäßig Kontakt nach Afghanistan und reist ab und zu dorthin. „Seit meinem Weggang hat sich die Situation für die freie Presse in Afghanistan noch einmal verschlechtert“, erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Frage, ob Afghanistan ein sicheres Herkunftsland sei, lässt sich für ihn nur mit Nein beantworten.

„Reporter ohne Grenzen“ nennt in der Bilanz für 2016 Afghanistan hinter Syrien als zweitgefährlichstes Land für Journalisten und Medienschaffende. Überrascht Sie das?

Roshan: Nein. Allerdings geht die Gefahr in diesem Zusammenhang nicht von der Regierung aus. Die Regierung unter Präsident Aschraf Ghani ist kein Verfechter der Pressefreiheit, aber sie tötet keine Journalisten. Diese Gefahr geht von den verschiedenen Warlords und islamistischen Kräften wie den Taliban und teilweise auch dem Islamischen Staat aus. Als ich Generalintendant war, haben meine Mitstreiter und ich die Regierung davor gewarnt, dass es so weit kommen wird. Damals hätte man noch etwas tun können.

Heute nicht mehr?

Roshan: Mehr als die Hälfte Afghanistans ist inzwischen unter der Kontrolle der Islamisten, insbesondere in den ländlichen Gebieten dominieren die Taliban. Sie sind auf dem Vormarsch. In den großen Städten hat zwar die Regierung das Sagen, aber zwischen den Provinzgouverneuren und der Zentralregierung in Kabul gibt es Konflikte. Die neue Regierung ist ebenso wie die alte mit ihrem Vorsatz gescheitert, in Afghanistan nach dem Prinzip der guten Regierungsführung zu handeln.

Was heißt das konkret?

Roshan: Korruption ist nach wie vor eine akzeptierte Form des sozialen Miteinanders. Die Vetternwirtschaft hat sich noch einmal deutlich ausgebreitet. Drogenanbau und Drogenhandel blühen. Frauen werden kategorisch unterdrückt. Weil es so viel Armut gibt, wütet die Kriminalität. Entführungen, um Lösegeld zu erpressen, gehören zum Alltag. Manchmal geht es nur um 2000 Dollar. Manche Bankangestellte geben Informationen über Kontoinhaber an Entführer weiter.

Sie sind als Generalintendant zurückgetreten, weil kritische, unabhängige Berichterstattung dem Kultusminister nicht ins Konzept passte. Aber auch, weil sie zum Beispiel Nachrichtensprecherinnen ohne Kopftuch gezeigt haben. Oder Bilder von schlafenden Parlamentariern. Wäre das inzwischen möglich?

Roshan: Nein, mit Sicherheit nicht. Im Gegensatz zur derzeitigen Regierung befürwortete der damalige Präsident Hamid Karsai – bei allen Fehlern, die man ihm mit Recht vorwerfen kann – die freie Presse. Als Chef der wichtigsten Informationsinstitution mit 3000 Mitarbeitern durfte ich unabhängige Entscheidungen treffen – bis 2006 der neue Kultusminister aus der streng religiösen fundamentalistischen Ecke kam. Heute, mehr als zehn Jahre später, ist es ganz offensichtlich, dass die Regierung versucht, die Presse auf ihre Linie zu bringen. Es gibt immer noch freie Presse in Afghanistan, aber viel weniger Vertreter. Und sie sind vorsichtiger geworden.

Sie wollten den staatlichen Rundfunk in Afghanistan reformieren. Was schwebte Ihnen vor?

Roshan: Mit Unterstützung der Europäischen Union und insbesondere Deutschlands wollte ich RTA nach dem Vorbild der ARD zu einer öffentlich-rechtlichen Anstalt umbauen. Der Sender ist ein traditionsreiches Kulturhaus, war aber in den vergangenen Jahrzehnten zu einem ideologischen Propagandaapparat geworden. Ich habe finanzielle Konzepte erarbeitet und mit meinen Mitarbeitern neue Formate entwickelt, zum Beispiel „RTA – ein Tag in der Hand der Kinder“. Die Kinder haben die Nachrichten ausgesucht und Interviews geführt, es war toll. Doch leider bin ich mit meinem Vorhaben gescheitert.

Nach Meinung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ist Afghanistan ein sicheres Herkunftsland, zumindest in einigen Regionen. Vor kurzem gab es deshalb die dritte Sammelabschiebung dorthin. Wie sehen Sie das?

Roshan: Afghanistan ist derzeit kein sicheres Land. Ich halte es für unverantwortlich, Flüchtlinge dorthin zurückzuschicken. Egal, wohin. Ich hoffe, dass alle Afghanen eines Tages in ihre Heimat zurückkehren können, um das Land wieder aufzubauen, auch die gut Ausgebildeten. Als ich 2005 nach Afghanistan gegangen bin, habe ich allen Freunden dazu geraten, es mir gleich zu tun. Darunter sind viele Kulturschaffende und Intellektuelle. Heute kann ich jedem nur davon abraten, dauerhaft zurückzukehren.

Besuchen Sie das Land denn in absehbarer Zeit noch einmal?

Roshan: Meine Familie hat noch ein Haus in Afghanistan, und ich fliege ein mal im Jahr hin, um nach dem Rechten zu sehen. Das steht jetzt im März an. Aber ich gehe mit gemischten Gefühlen.

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