Aachen - Muslime in Aachen: Wenn man plötzlich angefeindet wird

Muslime in Aachen: Wenn man plötzlich angefeindet wird

Von: Sabine Rother
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Heimat Aachen? Frauen, die in zweiter oder schon dritter Generation in Deutschland leben, sehen sich seit der vergangenen Bundestagswahl mit einer Gesellschaft konfrontiert, die weit aggressiver geworden ist. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Djumana fragt sich manchmal, ob sie nur empfindlich geworden ist oder ob sich wirklich etwas verändert hat seit dem 24. September, als die AfD 12,6 Prozent der Stimmen bei der Bundestagswahl bekommen hat. „Meine Tochter fragte mich, ob wir als Muslime andere Menschen sind“, erzählt die 32-Jährige.

Die Wahlplakate der Alternative für Deutschland habe ihre Kinder beunruhigt – und sie alle der Wahlkampf, in dem fremdenfeindliche Töne angeschlagen wurden. Djumana trifft sich regelmäßig mit anderen muslimischen Frauen aus der Städteregion Aachen, um über dieses Gefühl, das sie seit der Bundestagswahl haben, zu sprechen.

Mirvad (29), Rayan (27), Lubna (36) und Huda (27) kommen alle aus der Städteregion Aachen, sind hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, haben studiert, eine Ausbildung durchlaufen, manche von ihnen haben Mann und Kinder. „Ja, unsere Familien kommen aus anderen Ländern, aus Syrien, dem Libanon, der Türkei, aber das hier ist unser Zuhause“, sagt Djumana. Ihr Vater kam vor 40 Jahren als Student aus Syrien nach Deutschland. Sie ist hier geboren.

Und sie ist nicht allein mit dem Gefühl, dass sich das Klima verändert hat. „Wenn man ein Kopftuch trägt wird man heutes noch häufiger feindselig ansehen, die Leute verhalten sich ablehnend“, erzählt Huda, die als Arzthelferin täglich mit Patienten zu tun hat. Welche Vorurteile sie sich anhören muss? „Ihr werdet als Frauen unterdrückt und wollt nur das Kindergeld!“

Das Leben hier mit Nachbarn war bisher nicht schwierig, im Gegenteil. „Es ist nie ein Problem gewesen, dass wir keinen Alkohol trinken und kein Schweinefleisch beim Straßenfest essen“, sagt eine der anderen Frauen. „Plötzlich wird aber auch das seltsam aufgenommen.“ Die Frauen ärgern sich über Berichte, in denen es um Ehrenmord, Zwangsheirat und nicht zuletzt um die Ausnutzung von Hartz IV geht. „Völlig unreflektiert wird all das auf uns übertragen“, sagt Rayan. „Ich habe letztens normal geparkt, da reißt eine ältere Frau ihre Fahrertür auf und meint, wir sollten rausgehen aus diesem Land, einfach so.“

Inzwischen sind die Frauen sogar vorsichtig geworden, wenn es um islamische Feiertage geht. Es ist bundesweit an Schulen eigentlich üblich, dass muslimische oder jüdische Schüler sich aus religiösen Gründen an hohen feiertagen vom Unterricht befreien lassen können. „Wir dürfen den Kindern für das Zuckerfestdas, das den Ramadan abschließt, eine Entschuldigung schreiben“, sagt Djumana. „Aber das wagen viele inzwischen gar nicht.“

Es sind die oft unscheinbaren Begegnungen, die beunruhigen – etwa mit einer Mitarbeiterin des Ordnungsamtes, die eine Unregelmäßigkeit beim Parken vermutete und die Fahrerin gleich anschrie. „Sie hat sich später entschuldigt, doch der Moment war schlimm“, erinnert sich die Betroffene. „Wir sind Bürger wie alle anderen, wir gehen wählen, wozu uns der Imam sogar beim Freitagsgebet vor der Wahl aufgefordert hat, zahlen Steuern und sprechen Deutsch.“ Bei manchen sprechen die Kinder gar nicht mehr Arabisch, schließlich sei Deutschland die Heimat.

Die Frauen machen sich Sorgen – die Informatikerin, die Dolmetscherin, die Pharmazeutisch Technische Angestellte. Was tun? „Viele von uns sind ehrenamtlich aktiv, helfen Flüchtlingen“, berichtet Djumana. Und auch in der deutschen Nachbarschaft werden sie sich nicht zurückziehen. „Wir bleiben gastfreundlich, wir müssen niemandem beweisen, dass wir uns integrieren können, wir sind integriert.“

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