Aachen/Berlin - Martin Schulz: Staatsmann, Kämpfer, Motivator

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Martin Schulz: Staatsmann, Kämpfer, Motivator

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Er steht schon weit oben, und jetzt will er noch weiter hinauf. Einer aus der Region Aachen. Einer, den hier fast alle kennen. Und: mögen oder ablehnen. Unterstützen oder bekämpfen. Politik eben. Martin Schulz polarisiert – oberflächlich betrachtet. Der Sozialdemokrat aus Würselen wird Kanzlerkandidat der SPD und Vorsitzender dieser altehrwürdigen Partei.

Gerne wäre er in Brüssel geblieben. Das verhinderten vor allem die CDU/CSU-Mitglieder der EVP-Fraktion. Nun bekommen sie ihn zurück: als direkten Gegner ihrer Kanzlerkandidatin Angela Merkel. Man hatte mit ihm gerechnet: als Außenminister und Steinmeier-Nachfolger. Den Job übernimmt nun Sigmar Gabriel. Für Schulz wäre das Auswärtige Amt gewiss reizvoll gewesen; international ist er gut vernetzt.

Er hat was zu sagen, und – wenn es denn sein soll – nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch in englischer, französischer oder italienischer. So geschah es durchaus souverän zum Beispiel nach einer Privataudienz bei Papst Franziskus, als er noch auf vatikanischem Gelände die zahlreich angerückten Vertreter der internationalen Presse nach Sprachen „ordnete“ und nacheinander entsprechend bediente.

1987 war er in Würselen als 31-Jähriger jüngster Bürgermeister in Nordrhein-Westfalen. Seit 1994 gehörte der SPD-Politiker dem Europaparlament an, seit Januar 2012 als Präsident. Sein Netzwerk hat sich international und parteiübergreifend in wenigen Jahren rasant entwickelt.

Eine Szene – einige Jahre her – im Restaurant des Straßburger Parlaments: Wir sitzen beim Mittagessen. Plötzlich sagt Schulz: „Da kommt die Majestät.“ Otto von Habsburg, damals für die CSU im EU-Parlament, betritt die Bühne. „Wir gehen hin“, sagt Schulz. Am Buffet begrüßt er freundlich den „Kaiserlichen“ aus Österreich, der sich ein kleines und langweilig aussehendes Tellerchen serviert. „Na, Majestät“, begrüßt ihn Schulz, „heute nur Salat?“ Und Majestät antwortet: „Ja, Bürger Schulz, heute nur Salat.“ Eine typische Szene für Schulz und seine Art der Kommunikation.

Und noch etwas ist typisch: Jeden Abend liest er, mag es noch so spät sein, in einem guten Buch, der ehemalige Buchhändler. Und seit über 30 Jahren führt er Tagebuch. Jeden Abend setzt er sich hin und schreibt. Lesen gibt er als Hobby an und Fußball; da war er früher als linker Verteidiger bei Rhenania Würselen mal aktiv, der Fan des 1. FC Köln. Aus der Fußball-Karriere wurde nichts, ein Kreuzbandriss zerstörte alle Hoffnungen.

Eine ernste Lebenskrise – geprägt von Alkoholismus und zermürbenden Gedanken – hat er als junger Mann überwunden. Er kam wieder in die Spur. „Ich war mal ganz unten in meinem Leben, habe Tiefen erlebt.“ Das bekam er mit eiserner Disziplin in den Griff. Es hat ihn gewiss stärker gemacht, widerstandsfähiger. Diesen Politiker wirft so schnell nichts um. Er fand zurück ins Leben, auch dank seiner Geschwister und guter Freunde.

Schulz ist das jüngste von fünf Kindern. Seine vier Geschwister sind wie er alle in die SPD eingetreten. Die Mutter war Gründungsmitglied der CDU. Mit seinem Vater, einem Polizisten, durfte er als kleiner Junge als „Zaungast“ zur Karlspreisverleihung nach Aachen. Den Preis erhielt er 2015 dann selber. Von klein auf hätten sie in der Familie viel über Politik gesprochen, sagt Schulz‘ älteste Schwester Doris Harst. „Martin und ich haben uns da nicht bekehren lassen“, sagt die aktive Sozialdemokratin.

Daran habe gerade die Mutter einen Anteil gehabt, weil die freie Rede und die Gedankenfreiheit im Hause Schulz oberstes Gut gewesen seien. Sie ist stolz auf ihren kleinen Bruder, der schon als Kind temperamentvoll gewesen sei, und auf all das, was er erreicht hat. Einer seiner Lehrer sagt über ihn: „Martin war in Religion und Sprachen ein sehr guter Schüler.“ Über die anderen Fächer spricht er nicht.

Manche unterschätzen ihn noch immer, vermissen in seinem Lebenslauf Abitur und Studium, messen Kompetenz an Stationen, Daten, akademischen Ehren. Wer Schulz seit Jahren erlebt, weiß, mit welcher Akribie, mit welcher Detailkenntnis und mit welch‘ gediegener Bildung er unterwegs ist. Als viel beschäftigter Europapolitiker fand er noch Zeit, ein ambitioniertes, kritisches, hintergründiges, analysierendes Buch zu schreiben: „Der gefesselte Riese – Europas letzte Chance“. Da redet er Tacheles, und das klingt wie ein Wahlprogramm für bessere europäische Zeiten.

Martin Schulz hat stets einen vollen Terminkalender, reiste als Parlamentspräsident kreuz und quer durch Europa und die Welt und gewiss demnächst als Kanzlerkandidat durch alle deutschen Lande, aber er ist dennoch beim SPD-Unterbezirk Aachen ebenso präsent wie im Würselener Karneval, als Festredner bei der Jubiläumsfeier von Alemannia Mariadorf und als Gast bei der Europäischen Stiftung Aachener Dom. Von einem wirklichen Privatleben kann man kaum reden. Er setzt dieser Realität ein fast trotziges „Aber“ entgegen: „Aber ich versuche, meine Freundschaften so gut es geht zu pflegen.“

Der Ehrendoktor der Bilgi Universität Istanbul und der Staatlichen Technischen Universität Kaliningrad sorgt sich um die zunehmende politische Entfremdung, die unsere Gesellschaften zerstören könne. „Die soziale Krise in Europa lässt viele Menschen an der Handlungsfähigkeit demokratischer Institutionen und Politiker zweifeln und hat auch das Vertrauen in die EU schwer geschädigt.“ Das in Europa zu ändern, ist wohl seine Mission: auch als Kanzlerkandidat und zukünftiger SPD-Vorsitzender.

Polit-Blabla ist seine Sache nicht, was manchen Kontrahenten – nicht nur im Kleinkaliber-Format des Italo-Machos Berlusconi – auf die berühmte Palme bringt. Dann sagen sie, Schulz sei eben cholerisch – zumindest aggressiv. Daran stimmt, dass Schulz sehr energisch, ungeduldig, ja geradezu unnachgiebig und völlig kompromisslos sein kann. Lieber ein Vollblut als ein Langweiler, sagt er sich. Europa hat diese durchaus rheinisch geprägte Art an Temperament und Dynamik in den Jahren seiner Präsidentschaft gut getan, vor allem dem teilweise im Tiefschlaf versunkenen Europaparlament. Das hat der ehemalige Würselener Bürgermeister in rasanter Geschwindigkeit und nicht ohne Druck auf die nationalen Regierungen, den Rat und die Kommission wachgerüttelt, was politische Gegner als „One-Man-Show“ bezeichneten. Mehr fiel ihnen nicht ein.

Jetzt also Berlin. Er wird genauso selten wie bislang zu Hause in Würselen sein. Seine liebenswürdige und sympathische Frau Inge, Landschaftsarchitektin, weiß es. Die beiden sind ein vertrautes, ein eingeschworenes Paar, haben zwei erwachsene Kinder. Nun wird ihr Mann Kanzlerkandidat und Vorsitzender der SPD. Für Schulz ist das eine ganz hohe Ehre, er denkt dabei vor allem an Willy Brandt. Einer seiner Nachfolger als SPD-Chef zu werden, das berührt ihn tief. Er zeigt eben auch Emotionen, der forsche Sozialdemokrat.

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