Aachen - Luther und die deutsche Sprache: „Ich habe den Teufel mit Tinte bekämpft“

Luther und die deutsche Sprache: „Ich habe den Teufel mit Tinte bekämpft“

Von: Martin Thull
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Die Bibel im Lutherhaus in Eisenach zum 500. Reformationsjubiläum: Der Reformator hat mit seiner späteren Bibelübersetzung die Kirche gespalten, in die evangelisch-lutherische Kirche und weiterer Konfessionen des Protestantismus. Foto: epd
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Fragment von Martin Luthers kleinem Katechismus: Nach Expertenangaben ist es eines der ältesten bekannten Dokumente niedersorbischer Sprachkultur aus dem 16. Jahrhundert. Foto: dpa
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Martin Luther und das neue Testament: Die Statue zu seinen Ehren steht in Wittenberg. Foto: imago/Westend61

Aachen. Martin Luther wollte verstanden werden mit dem, was er predigte oder drucken ließ. Man kann sich das sehr plastisch vorstellen: Der junge Professor Martin Luther schlendert über den Markt in Wittenberg, hält da ein Schwätzchen, hört dort einem Streit zu und trinkt gelegentlich an einer der Theken einen Krug Bier oder ein Glas Wein.

„Man muss die Mutter im Haus, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und allen aufs Maul schauen, wie sie reden.“ Und danach ihre Worte und deren Sinn übersetzen, damit sie es verstehen. „Und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Denn das zeichnet seine Sprache aus, ganz gleich, ob in seinen Predigten, seinen umfangreichen theologischen Abhandlungen oder den kurzen Flugschriften. Er weiß, wie die Menschen reden (und denken), denen er seine Anliegen vermitteln will. Denn es ist nicht nur die Übersetzung der Bibel, die er im Exil auf der Wartburg inkognito als „Junker Jörg“ innerhalb von elf Wochen bewerkstelligt. Übrigens ein Bestseller sondergleichen: Denn die 3000 Exemplare waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, so dass bereits im Dezember eine zweite Auflage herauskam. Deshalb spricht man vom „Septembertestament“ und vom „Dezembertestament“

Er litt unter Alpträumen

Heute ist kaum nachzuvollziehen, wie Luther dieses riesige, mehr als 220 Seiten umfassende Werk binnen nur elf Wochen in solcher Perfektion vollenden konnte. Dabei litt er nach eigenem Bekunden damals häufig unter Alpträumen. „Tausend Teufeln bin ich ausgesetzt“, schrieb er. Dass er den Satan durch einen Wurf per Tintenfass verjagt habe, ist eine nette Legende, die wohl auf seine Bemerkung: „Ich habe den Teufel mit Tinte bekämpft“ zurückgeht.

Um wie viel ärmer wäre die heutige deutsche Sprache, wäre sie nicht so nachhaltig von Martin Luther geprägt worden? Es fehlten Begriffe wie: „Lückenbüßer“, „friedfertig“, „wetterwendisch“ oder „Machtwort“, „Feuereifer“, „Langmut“, „Lästermaul“ und „Morgenland“. Alle stammen von Luther. Im Süddeutschen würde man vielleicht noch „Lefze“ statt „Lippe“ sagen und „Geißel“ statt „Peitsche“ – Wörter aus dem Norden, die Luther nach Bayern brachte, weil er in Wittenberg praktisch auf der Grenze von norddeutschem und süddeutschem Sprachgebrauch lebte.

Und es gibt populäre Redewendungen wie: „Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“, „Stein des Anstoßes“, „mit Blindheit geschlagen sein“, „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ und „Niemand kann zwei Herren dienen“. Auch Deftiges war dem Reformator nicht fremd: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“. In seiner Bibelübersetzung aber drückt er sich gewählt aus: Statt „Es war einmal“ im „Märchendeutsch“ schreibt er „Es begab sich aber zu der Zeit“ in der Einleitung der Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas.

Sprachwissenschaftler sind sich einig: Auch wenn Luther die deutsche Sprache nicht erfunden hat – er formte und prägte sie entscheidend. Allerdings vergingen noch drei- bis vierhundert Jahre, bis sich Luthers Sprache so durchgesetzt hatte, dass Schriftsteller, Gelehrte und Pfarrer sie in ihren Texten verwendeten und die Kinder in der Schule lernten, so zu schreiben. Erst im 19. Jahrhundert bildete sich auch auf der gesprochenen Ebene, jenseits der Dialekte, eine gemeinsame deutsche Sprache heraus.

„Mehr als ein paar kluge Redewendungen“ hat Martin Luther den Deutschen nach Ansicht des Sprachwissenschaftlers Hartmut Günther hinterlassen. Der Reformator und Bibelübersetzer rang unermüdlich um jedes Wort. Damit gelangen ihm nicht nur besondere Wortschöpfungen, er „formte und prägte die Sprache entscheidend mit“, sagt der Sprachforscher. Der Wortschatz der Lutherbibel einte die vielfältigen Dialekte des deutschen Sprachraums, so dass sich heute Friesen und Bayern – überwiegend – derselben Vokabeln bedienen, erklärt Günther.

So hat er auch Redewendungen populär gemacht, die heute zur Alltagssprache auch bei Nichtakademikern zählen. Mag sein, dass es vergleichbare Formulierungen im griechischen Urtext des Neuen Testaments gab. Luthers Leistung aber besteht darin, dass er Formulierungen gefunden hat – übrigens gemeinsam mit Kollegen, die ihn unterstützten, indem sie zuarbeiteten – die schon beim ersten Hören verständlich waren. In den Kirchen wurde ja ausschließlich Latein während des Gottesdienstes gesprochen oder gesungen. Luthers Anliegen war es, diese Exklusivität der Geistlichkeit aufzubrechen und den Christen zu ermöglichen, auch zu verstehen, was sich im Chorraum abspielte.

„Sinn für Sinn“

Wobei ihm hier wie in anderen Fällen das Glück hold war: Wittenberg lag in der Mitte des damaligen Deutschlands. Professor Werner Besch, Emeritus der Uni Bonn, ist sich sicher: in Flensburg oder Konstanz wäre Luther ohne Bedeutung geblieben, hätten ihn doch die anderen Deutschen nicht verstanden, theologische Wahrheit hin oder her. „Luther wollte verstanden werden“, sagt Besch. Doch die Verständigung blieb zu Anfang schwierig: In Norddeutschland musste Luthers Bibel noch ein Jahrhundert lang in einer eigenen, plattdeutschen Variante erscheinen. (Besch: „Luther und die deutsche Sprache – 500 Jahre deutsche Sprachgeschichte im Lichte der neueren Forschung“)

Auf einen weiteren Irrtum im gängigen Luther-Verständnis weist der Germanist hin: Er war nicht der Erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzte. Allerdings sei er der Erste gewesen, der sich nicht an der Ausgangssprache Griechisch beziehungsweise Latein, sondern an der Zielsprache orientierte. Das heißt: Luther klebte nicht sklavisch am Ursprungstext. Besch: „Statt der zuvor üblichen Übersetzungsmethode des ‚Wort für Wort‘ wählte er die Methode des ‚Sinn für Sinn‘.“

Er habe sich gefragt, wie ein „gut deutscher“ Satz lauten müsse, damit er den gleichen Sinn transportiert. Das ermöglichte es Luther, sich mit aller Sprachgewalt so lebensnah, volkstümlich und bildhaft wie möglich auszudrücken. Er kleidete seine Gedanken in eigenwillige Ausdrücke, schuf poetische Bilder und erfand neue Wortspiele. Fast wäre man versucht, eine solche Vorgehensweise auch etwa den „Sprachkünstlern“ in Politik, Behörden und Wirtschaft zu empfehlen.

Das Entscheidende, was Luthers Sprache vor alle Konkurrenten setzt: Hinter ihm stand auch eine Autorität. Da war kein König, kein Kaiser. Es war die Autorität des Wortes Gottes – nunmehr in deutscher Sprache. Als Beispiel nennt Professor Besch den theologischen Kernsatz Luthers, der Mensch werde „sola fide“ – „allein durch den Glauben“ – gerettet.

„Katholische Kritiker warfen Luther vor, er habe den Bibeltext an vielen Stellen verfälscht, auch hier, weil das Wort ‚sola‘ an der entsprechenden Stelle gar nicht vorkommt.“ Luther habe selbstbewusst geantwortet: „Wahr ist’s. Diese vier Buchstaben stehen nicht drinnen. Aber wo man’s will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehöret es hinein.“

„Wolf im Schafspelz“

Nach Günther hat sich auch die Bedeutung einzelner Worte verändert. Erst nach Luther wurde der Begriff „Pfaffe“ mit einem negativen Vorzeichen versehen. „Götze“ wurde bis dahin für ein Heiligenbildchen verwandt. In erster Linie aber habe Luther religiöse Begriffe wie „Glaube“ oder „Gnade“ mit neuem Inhalt versehen.

Luthers Deutsch wirkte stil- und sprachbildend für die nächsten Jahrhunderte. Er ersann Ausdrücke wie „Feuertaufe“, „Bluthund“ oder „Selbstverleugnung“, „Schandfleck“ oder „Gewissensbisse“ und „Lockvogel“. Auf den Reformator zurück gehen Metaphern wie „Perlen vor die Säue werfen“, „ein Buch mit sieben Siegeln“, „die Zähne zusammenbeißen“ ebenso wie „im Dunkeln tappen“, „ein Herz und eine Seele“, „auf Sand bauen“ oder „Wolf im Schafspelz“.

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