Aachen - Kontroverse Diskussion um den Protest auf deutschen Straßen

Kontroverse Diskussion um den Protest auf deutschen Straßen

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
9401669.jpg
Strittige Themen: (von links) Islamkundelehrer Bernd Ridwan Bauknecht, Publizist Richard Gebhardt, Silke Peters vom Kommunalen Integrationszentrum, Integrationsrätin Demet Jawher und Polizeipräsident Dirk Weinspach diskutierten mit 120 Zuhörern unter anderem über „Pegida“, Salafismus und den Islam. Foto: M. Jaspers

Aachen. Das Phänomen „Pegida“ und seine Ableger auf deutschen Straßen sind nach Auffassung des Aachener Politikwissenschaftlers Richard Gebhardt Ausdruck einer Spaltung der Bundesrepublik. Auf der einen Seite erzeuge „Pegida“ eine breite Gegenöffentlichkeit, die auf der Straße ihre liberale Einstellung zeige; auf der anderen Seite fänden sich viele in den islamkritischen Parolen der Bewegung wieder.

Das sagte Gebhardt bei einem Fachgespräch des kommunalen Integrationszentrums der Städteregion Aachen zum Thema „Inszenierte Konfrontation? – Pegida, Hogesa und die Salafisten“.

Vor wenigen Monaten kannte kaum jemand die Begriffe „Pegida“ oder „Hogesa“, nun wird vielfach über sie diskutiert. Dementsprechend voll war es im Mediensaal des Hauses der Städteregion. Rund 120 Zuhörer waren zu dem Vortrag und der Diskussion gekommen.

Gebhardt, der bei mehreren Kundgebungen von „Pegida“ und „Hogesa“ vor Ort war, wies auf den engen Zusammenhang zwischen den beiden bereits aufgespaltenen Bewegungen hin. So fand die erste „Pegida“-Kundgebung in Dresden am 20. Oktober 2014 statt – nur sechs Tage vor der Demo der „Hooligans gegen Salafisten“ in Köln, bei der die Gewalt eskalierte und Dutzende Polizisten verletzt wurden. Bei „Pegida“ seien von Anfang an auch Rocker und Hooligans mitmarschiert, sagte Gebhardt.

Auch das 19-Punkte-Programm von „Pegida“ täusche. Dort spricht sich die Bewegung unter anderem für „die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch und religiös Verfolgten“ aus. Gebhardt stellte klar: „Wir dürfen hier nicht die Verpackung für den Inhalt nehmen.“ Schließlich habe „Pegida“-Gründer Lutz Bachmann in nicht öffentlichen Beiträgen in sozialen Netzwerken Asylbewerber als „Viehzeug“ und „Gelumpe“ bezeichnet und das 19-Punkte-Papier werde in „Pegida“-nahen Foren kritisiert, weil es „politisch korrekt sei“ – in „Pegida“-Kreisen ein Schimpfwort. Doch was sind es für Leute, die für „Pegida“ auf die Straße gehen? Gebhardt: „Die BRD ist ein Einwanderungsland. Diejenigen, die jetzt bei ‚Pegida‘ auf die Straße gehen, haben diesen Schritt zur Einwanderungsgesellschaft nicht mitvollzogen.“

Einer, der sich um die junge Generation von Menschen mit Mi-grationshintergrund kümmert, ist der Islamkundelehrer Bernd Ridwan Bauknecht. Er zeigte in seinem Vortrag im Haus der Städteregion die Unterschiede zwischen dem Islam und der radikalen Form des Salafismus auf. So sei der Koran im Islam eine Offenbarung mit mehreren Deutungsmöglichkeiten. Die Salafisten hingegen fassten den Koran als ihre Verfassung auf. Der Koran sei ein Buch der Antike. Körperliche Strafen – etwa das Abschneiden der Hand nach einem Diebstahl – stammten noch aus jener Welt. „Im Koran steht aber auch: ‚Wenn der Dieb bereut, verzeiht ihm‘“, sagte Bauknecht, der 1993 zum Islam konvertierte.

Muslimische Jugendliche würden heute im Internet immer öfter auf Propaganda von Salafisten wie Pierre Vogel stoßen. „Die Jugendlichen verstehen das nicht. Sie folgen den Salafisten im Glauben, dass sie etwas für ihre Religion tun“, sagte Bauknecht. Dies müsse durch Aufklärung und Integration verhindert werden. Sein Fazit: „Aufgrund der geringen Zahl an Salafisten stellt diese Strömung keine Bedrohung für die deutsche Demokratie dar.“

Doch bedroht „Pegida“ die Demokratie? Demet Jawher, Vorsitzende des Arbeitskreises der Inte-grationsräte der Städteregion, berichtete von Sorgen bei Migranten aufgrund der „Pegida“-Demos und der teils offen fremdenfeindlichen Stimmung. Menschen mit Migrationshintergrund würden nun Fragen stellen wie: Kann ich mein Kind noch allein zur Schule gehen lassen?

Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach zeigte sich „optimistisch, dass ‚Pegida‘ in dieser Stadt keine Chance hat“ und reagierte deutlich auf Meldungen aus dem Publikum, die einen Zusammenhang zwischen der steigenden Zahl an Flüchtlingen und den Problemen im Bereich der Kriminalität herstellten. Es stimme, dass an den Raubüberfällen in Aachen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge beteiligt gewesen seien. Gleichzeitig sei jedoch die allgemeine Kriminalitätsrate bei gleichaltrigen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund höher.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert