Kommentiert: Seid stolz darauf!

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Kommentiert: Seid stolz darauf!

Ein Kommentar von Peter Pappert

Das wird gefährlich nach dieser Europawahl: Der Trend, sich gegen Asylbewerber und Armutsflüchtlinge abzuschotten, könnte sich verstärken.

In vielen Ländern haben jene Auftrieb bekommen, die es nicht gut meinen mit der Europäischen Union und deren Friedens- und Integrationsgedanken. Das Spektrum reicht von nationalistischen Extremisten schlimmster Sorte über engstirnige Nationalkonservative, denen die ganze EU ein Graus ist, bis hin zu Europaskeptikern und Eurogegnern. Mehr oder weniger heftig spielen sie alle mit der immer vorhandenen Angst vor Fremden.

Die Rechten haben gar kein Interesse daran, sie abzubauen. Im Gegenteil: Sie schüren diese Angst immer wieder neu mit widerlichen Parolen. Denen nachzulaufen, ist das Dämlichste und Unwürdigste, was Volksparteien tun können. Stattdessen müssen sie aufklären über Ursachen von Not, über die großen Potenziale Europas, über die Rechte und Pflichten seiner Menschen, über die Rechte und Pflichten derer, die nach Europa kommen – ob als Asylbewerber, Flüchtlinge oder Einwanderer.

Ruhe, kühler Kopf und ein Blick in die Geschichte sind die besten Grundlagen für eine Situationsanalyse. In globaler Perspektive ist Europa eine Insel der Wohlhabenden, die sich nicht einfach abschotten lässt. Man mag militärische Abwehr für angemessen halten, sie wird auf Dauer nicht funktionieren. Auch die Ärmsten flüchten nur dann aus ihrer Heimat, wenn nichts mehr geht, wenn blanke Not sie dazu zwingt. Die Elenden lassen sich nicht aufhalten.

Hierzulande und EU-weit bekennen sich die allermeisten Menschen zu Grundwerten wie Solidarität, Nächstenliebe, Rücksicht, Frieden, zu dem Prinzip, dass starke Schultern mehr tragen sollen als schwache. Diese Haltung und die Not der anderen vertragen sich nicht. Europa wird nicht glücklich sein, wenn im Mittelmeer nahezu täglich Menschen krepieren. Mit Zäunen und Polizeibooten ist dieses existenzielle und moralische Problem nicht zu lösen. Das können gewählte Politiker ihren Wählern auch gut erklären, wenn sie es denn wollen.

Als Leitfaden dafür nimmt man am besten die wunderbare, großartige Rede, die der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani am vorigen Freitag im Bundestag gehalten hat. Er hat das Grundgesetz zu dessen 65- jährigem Bestehen mit ganz viel Herzenswärme gewürdigt, er hat die Bundesrepublik ein friedliches, tolerantes Land genannt und gesagt, welche Verantwortung daraus erwächst – auch und gerade gegenüber den Elenden, die nicht das Glück des Europäers haben. Kermanis Maßgaben lassen sich sofort auf die Europäische Union übertragen: Auch sie hat gute ethische Grundlagen und klare Aufträge, die daraus folgen.

Europa – wie Deutschland – muss sich öffnen. Wer kommt und bleiben will, soll willkommen sein und sich an die Spielregeln halten. Denn bei allen Defiziten und Ärgernissen haben Europa und Deutschland gute Spielregeln und keinen Grund, bei Werten Rabatt zu geben – weder aus religiösen noch aus kulturellen oder irgendwelchen anderen Gründen.

Was folgt daraus für europäische wie nationale Abgeordnete, für Staats- und Regierungschefs? Lest Kermani, seid stolz auf dieses Europa und seine Werte, sprecht deutlich über solche Probleme, packt sie mutig an, fordert was von Euch selbst und allen Europäern, tretet selbstbewusst auf und schielt nicht auf miese Parolen!

p.pappert@zeitungsverlag-aachen.de

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