Kommentiert: Kühlen Kopf behalten

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Kommentiert: Kühlen Kopf behalten

Ein Kommentar von Amien Idries

M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von Fritz Lang kam 1931 in die Kinos. In dem Film wird die Jagd auf den Serien-Kindermörder Hans Beckert geschildert.

Mit dem Film lieferte Lang nicht nur ein filmisches Meisterwerk ab, sondern in der Zeit des aufziehenden Nationalsozialismus auch ein starkes Plädoyer für den Rechtsstaat.

In der finalen Szene wird Beckert, über dessen Täterschaft kein Zweifel besteht, vor ein Tribunal gestellt, das aus den führenden Kriminellen der Stadt besteht. Die sehen ihre Geschäfte durch die Polizeisuche nach dem Kindermörder gefährdet und wollen das Problem auf ihre Art „lösen“. Als Beckert sagt, dass er unter Zwang gehandelt hat, steht für das Tribunal das Todesurteil fest und auch die Zuschauer wollen, dass die „Bestie ausgelöscht“ wird.

Emotion ist schlechter Ratgeber

Nur einer stellt sich der Wut entgegen. Der Verteidiger, der eigentlich nur Staffage sein soll, hält die Prinzipien des Rechtsstaats hoch. Er plädiert auf Schuldunfähigkeit und bringt die wütende Masse mit den Worten „Ich lass mich nicht von Euch niederschreien“, zum Schweigen.

Lang wählte einen Kindermörder für den Film, weil er wusste, dass je schrecklicher, je verabscheuungswürdiger die Tat ist, desto größer auch die Gefährdung für den Rechtsstaat. Rechtsstaatliche Prinzipien einzuhalten, fällt bei einem Raubüberfall deutlich leichter, als beim schlimmsten vorstellbaren Verbrechen, dem Kindsmord. Gerade bei diesen Taten aber, bei denen die Emotionen hochkochen, muss der Rechtsstaat kühlen Kopf bewahren. Weil er sich sonst selbst infrage stellt.

Zu rechtsstaatlichen Prinzipien gehört auch die Unschuldsvermutung, die im Fall des SPD-Abgeordneten Sebastian Edathy vor allem durch die Berichterstattung in einer Lokalzeitung maßgeblich beschädigt wurde.

Auch hier nämlich gilt: Je abscheulicher das Verbrechen (und etwas Abscheulicheres als Kinderpornografie ist kaum vorstellbar), desto größer die Gefährdung für den Rechtsstaat. Wenn beispielsweise eine Zeitung über die mutmaßliche Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß berichtet, so muss man kritisch über die Frage diskutieren, wie diese Informationen an die Zeitung gelangt sind und ob die Unschuldsvermutung durch die Veröffentlichung beschädigt wurde. Eines aber ist klar: Es gibt für Hoeneß ein Leben nach dieser Veröffentlichung. Es mag für ihn schwieriger und unangenehmer sein, aber er wird gesellschaftlich überleben.

Edathy ist geächtet

Bei Vorwürfen wie sie nun gegen Edathy erhoben werden – Genaues wissen wir noch nicht – ist das fundamental anders. Journalisten, die so etwas öffentlich machen und mit Fotos der Hausdurchsuchung illustrieren, greifen entscheidend in Lebensläufe ein. Das geschieht zu einem Zeitpunkt, der weit vor einer Anklage oder einer Verurteilung liegt. Hinzu kommt: Wenn die Vorwürfe einmal im Raum sind, kann sich so gut wie kein Medium der Berichterstattung darüber entziehen. Das gilt auch für unsere Zeitung. Edathy wird für lange Zeit gesellschaftlich geächtet sein – vollkommen unabhängig davon, ob an den Vorwürfen etwas dran ist oder nicht.

Innehalten im Journalismus

Auch wenn seine Schuld durch ein Gericht erwiesen werden sollte, rechtfertigt das nachträglich keineswegs die Vorverurteilung. Die Unschuldsvermutung muss nämlich für jeden gelten. Damit die Unschuldigen geschützt werden. So wie beispielsweise der TV-Moderator Andreas Türck, der der Vergewaltigung bezichtigt wurde, seinen Job verlor und als Sexualstraftäter galt. Sein Freispruch hat nichts daran geändert, dass er eine entscheidende Zäsur in seinem Lebenslauf erfahren hat. Und zwar auch durch mediale Vorverurteilung.

Gerade in Zeiten medialer Beschleunigung durch das Internet wäre deshalb Innehalten im Journalismus wünschenswert. Welche Folgen hat unser Handeln? Was dürfen wir veröffentlichen? Wie beeinflussen wir die Debatte? Fragen, die sich viele Journalisten stellen, aber wohl noch zu wenige.

a.idries@zeitungsverlag-aachen.de

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