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Kommentiert: Gespaltene Nation

Ein Kommentar von Amien Idries

Es gehört zur normalen politischen Tektonik von US-Vorwahlen, dass sich Kandidaten aus dem gesamten politischen Spektrum um die Präsidentschaftskandidatur bewerben. Da gibt es dann lustige, peinliche und auch kaum tragbare Randfiguren, die aber kaum eine Rolle spielen.

Meistens pendeln sich sowohl Demokraten als auch Republikaner auf ihren Kandidaten der politischen Mitte ein, weil dort eben Wahlen gewonnen werden.

Deshalb sind Figuren wie der migrantenfeindliche Donald Trump, der evangelikale Ted Cruz oder der selbst ernannte Sozialist Bernie Sanders für US-Vorwahlkämpfe nichts Besonderes. Besonders ist, dass sie zu ernstzunehmenden Kandidaten werden, was man nach den Vorwahlen in Iowa konstatieren muss. Cruz und Trump landeten bei den Republikanern auf den ersten beiden Plätzen, erst der drittplatzierte Marco Rubio ist ein gemäßigter Konservativer. Und Bernie Sanders unterlag nur knapp Hillary Clinton, die bis vor wenigen Wochen noch als sichere Kandidatin der demokratischen Partei galt

 

Fakt ist, dass die Fixierung auf und die Belustigung über Trump teilweise den Blick dafür verstellt haben, dass sich die USA in einem Kulturkampf befinden. Es geht eben nicht nur um einen ziemlich durchgeknallten Selbstdarsteller wie Trump, der Politik nach strenger Aufmerksamkeitsökonomie betreibt. Dem kein Spruch zu populistisch, keine Forderung zu rassistisch ist. Es geht vielmehr um eine tiefe Verunsicherung, der sich Teile der (weißen) Mittelschicht ausgesetzt sehen. In einer Welt, die immer komplexer wird, sind einfache Lösungen von stark wirkenden Charakteren allzu verlockend. Zu denen gehört auch Cruz, der sich zwar im Stil vom ungehobelten Immobilientycoon unterscheidet, in der Sache aber noch strammer auf erzkonservativem Tea-Party-Kurs ist.

Eine große Rolle spielt dabei auch die Präsidentschaft von Barack Obama, die die gesellschaftlichen Gräben vertieft hat. Die zumindest in Teilen progressive Politik Obamas hat den Vertretern des ultrarechten Republikanerflügels die Möglichkeit eröffnet, sich als tapfere Kämpfer gegen die Politikerkaste zu präsentieren. Sie sehen sich als Vertreter einer zurückgelassenen Bevölkerungsschicht, die von „denen da oben“ über den Tisch gezogen wird.

Auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums hat Anti-Establishment übrigens Erfolg. Bernie Sanders deckt den antikapitalistischen Teil des Kampfes gegen „die da oben“ ab und gilt mit seinen kompromisslosen Forderungen eigentlich als unwählbar. Umso bemerkenswert sein Teilerfolg gegen Clinton in Iowa.

All das deutet auf einen Schwund der gesellschaftlichen Mitte hin. Die Ränder werden stärker. Ein Befund, der übrigens auch auf Europa zutrifft, wo die Debatte um die Flüchtlingskrise die Menschen entzweit.

Für die weiteren Vorwahlen werden die Kandidaten der Mitte sich wohl noch mehr den jeweiligen Rändern ihrer Parteien zuwenden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass beide damit Erfolg haben werden, weil auch das Parteivolk sich von dem jeweils gemäßigteren Kandidaten größere Chancen bei der Präsidentschaftswahl im November erhofft.

Gut möglich also, dass auch diese Wahl in der Mitte gewonnen wird. Der neue Präsident oder die neue Präsidentin wird dann aber eine Nation führen, die selten so gespalten war.

a.idries@zeitungsverlag-aachen.de

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