Mönchengladbach - Jody Williams: Eine Frau, die ausspricht, was andere nur denken

Jody Williams: Eine Frau, die ausspricht, was andere nur denken

Von: Christina Handschuhmacher
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Vollblut-Aktivistin und Kriegsgegnerin: Die US-Amerikanerin Jody Williams begeisterte bei einem Vortrag in Mönchengladbach. Foto: Isabella Raupold
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Für ihr Engagement im Kampf gegen Landminen erhielt Jody Williams 1997 den Friedensnobelpreis. 162 Staaten haben die Ottawa-Konvention, die Antipersonenminen verbietet, seither unterzeichnet. Foto: stock/xinhua
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Die Zahl der Landminenopfer – in den 1990er Jahren lag sie bei 20.000 Minen-Toten und Verletzten jährlich – ist seither massiv zurückgegangen. Aktuell setzt sich die Friedensaktivistin Williams für ein Verbot von Killer Robots, also autonom tötenden Waffen, ein. Foto: dpa

Mönchengladbach. Es ist drei Uhr nachts am 10. Oktober 1997, als Jody Williams und ihr Mann Stephen in ihrem Haus im US-Bundesstaat Vermont hellwach im Bett liegen. Eben haben sie noch Jodys 47. Geburtstag gefeiert, doch das ist nicht der Grund für die Schlaflosigkeit. Die beiden warten auf einen Telefonanruf aus Oslo.

Jody Williams und ihre International Campaign to Ban Landmines (ICBL) sind für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden. Doch wird sich das Komitee auch für sie entscheiden? Von Freunden weiß sie, dass um drei Uhr ihrer Zeit die Entscheidung in Norwegen bekannt gegeben werden soll. 3.15 Uhr: kein Anruf aus Oslo. Als das Telefon auch um 3.30 Uhr noch nicht geklingelt hat, beschließen die beiden, endlich zu schlafen.

„Schalten sie den Fernseher an“

Um 3.40 Uhr klingelt das Telefon: Am Apparat ist ein norwegischer TV-Sender. Wo sie denn in 20 Minuten zu erreichen sei, wird Williams gefragt. Dann legt der Anrufer auf. 20 Minuten später meldet er sich wieder. „Ich bin autorisiert, Ihnen mitzuteilen, dass Sie und Ihre Kampagne den Friedensnobelpreis bekommen“, sagt er. Williams reagiert ungläubig. „Schalten Sie doch den Fernseher an oder das Radio“, sagt der Anrufer. Weil Williams beides nicht besitzt, bleibt sie in der Leitung und hört so live mit, wie das norwegische Nobelpreiskomitee seine Entscheidung vor TV-Kameras verkündet. „Keine Stunde später haben die ersten Journalisten an meine Haustür geklopft“, erzählt Williams bei ihrem Vortrag auf Einladung des Initiativkreises Mönchengladbach. „Das ging bis abends um acht. Da habe ich mein letztes Interview an dem Tag gegeben.“

In Mönchengladbach wird knapp 18 Jahre später schnell klar: Jody Williams ist nicht der Prototyp einer Friedensnobelpreisträgerin. Wer in der dortigen Kaiser-Friedrich-Halle eine ruhige, diplomatische und geduldige Frau erwartet hat, merkt schnell: Jody Williams ist anders. Erfrischend anders. Die 64-Jährige ist offen, leidenschaftlich und spricht mit deutlichen Worten aus, was andere zwar denken, aber nicht zu sagen wagen. 1997 bezeichnete sie den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton als „Weenie“ (deutsch: Weichei), weil er sich nicht gegen das US-Militär durchsetzen konnte, um den Vertrag zur Ächtung von Antipersonenminen zu unterzeichnen. „Bill Clinton und ich sind danach keine Freunde mehr geworden“, sagt sie dazu in Mönchengladbach.

Und Jody, wie sich Williams dem Publikum vorstellt und wie sie genannt werden will („Mrs. Williams, das ist meine Mutter“), wirkt auch nicht so, als ob ihr das irgendetwas ausmacht. Und als sie dann noch erzählt, dass sie seit Tagen vergeblich versucht hat, zu lernen, wie man den Namen Mönchengladbach korrekt ausspricht, hat sie die Sympathien auf ihrer Seite. Die Sympathien wachsen noch, als sie erzählt, dass sie sich nach vier Wochen in Europa nun darauf freut, ab bald wieder in Jogginghose zu Hause auf ihrer Couch zu liegen.

Der Initiativkreis Mönchengladbach hatte eingeladen und Williams ist bereits die 23. Nobelpreisträgerin, die dieser Einladung gefolgt ist. „Creating a better world – Our actions matter“ („Eine bessere Welt schaffen – unsere Taten zählen“) ist ihr Vortrag überschrieben. Williams appelliert dann auch mehrfach an das Publikum: „Denkt an die Ungerechtigkeit, die Euch im Leben am meisten aufregt. Sei es der Klimawandel oder die Rechte von Homosexuellen – und nun stellt Euch vor, jeder würde für seine Sache zwei Stunden pro Woche Zeit opfern, dann wäre die Welt eine andere.“

Williams, 1950 in dem kleinen Örtchen Brattleboro im US-Bundesstaat Vermont geboren, ist Aktivistin durch und durch. Was ihr Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Gleichheit ausgelöst hat? Schon als Kind verteidigt Williams ihren tauben Bruder vor den Nachbarskindern. Während ihres Studiums (zuerst Englisch und Spanisch, dann Politik) wird sie durch den Vietnam-Krieg politisiert. „Damals ist für mich der Myhos USA zerbrochen. Mir wurde klar, dass die USA nicht der Retter der Welt, sondern der Angreifer sind.“ So wurde Williams zu einer Frau, die im Angesicht von Unrecht nicht wegschauen und auch nicht schweigen kann.

Nach dem Studium arbeitet Williams für mehrere Hilfsorganisationen in El Salvador und Nicaragua. Als sie von dem Krieg dort hört, in den die USA tief verstrickt sind, ist ihr klar, was zu tun ist. „In meiner Naivität dachte ich tatsächlich, dass die USA aus Vietnam gelernt hätten. Doch das war nicht der Fall.“ 1991 treten schließlich die „Vietnam Veterans of America Foundation“ und die deutsche Organisation „Medico International“ an Williams heran, und sie wird innerhalb weniger Monate zur der führenden Aktivistin im Kampf gegen Landminen.

Eine neue Gefahr im Fokus

Das Ziel: ein Vertrag, der die gefährlichen Waffen verbietet. Rund sechs Jahre später – in politischen Zeiträumen gemessen keine lange Zeit – ist Williams am Ziel. Aus der kleinen Kampagne ist ein breites und einflussreiches Bündnis aus mehr als 1200 nichtstaatlichen Organisationen aus 90 Ländern geworden. Am 3. Dezember 1997 unterzeichnen 122 Staaten im kanadischen Ottawa den Vertrag zum Bann von Landminen – die USA haben bis heute nicht unterzeichnet.

Während in den 1990er Jahren statistisch alle 20 Minuten eine Landmine explodierte, hat die Zahl der Landminenopfer nun ihren Tiefstand erreicht. 2013 wurden laut dem Jahresreport der ICBL 3308 Menschen durch Landminen verletzt und getötet – so wenige wie nie seit Beginn der Aufzeichnung im Jahr 1999. Doch Williams hat längst eine neue Gefahr im Fokus: Killer Roboter, Maschinen, die künftig in Eigenregie Menschen töten sollen. „Das ist pervers“, sagt Williams. „Kein gesunder Mensch kann so etwas wollen.“ Die Kampagne läuft. Auch deshalb war Williams in Europa unterwegs. In Genf hat sie an einer Konferenz der UN-Waffenkonvention teilgenommen.

Doch es geht an diesem Abend bei weitem nicht nur um Williams bewegte Biografie. Sie hat zu allem eine Meinung und scheut sich nicht, diese kundzutun. Was Sie vom Friedensnobelpreis 2009 für Barack Obama hält, will der Moderator der Veranstaltung, Sven Lorig („Morgenmagazin“), wissen. „Ich habe mich gefragt, was das Komitee geraucht hat“, sagt Williams. Lachen im Saal. „Als er dann an die Presse getreten ist und gesagt hat, er glaubt, den Preis nicht zu verdienen, ihn aber im Namen der Amerikaner annimmt, habe ich nur gedacht: ‚Danke, aber ich habe schon meinen eigenen.‘“

Kann man ihr denn zu Hillary Clinton, die 2016 US-Präsidentin werden will, etwas Positives entlocken? „Nur weil Hillary und ich Frauen sind, heißt das nicht, dass wir die gleichen Ansichten teilen.“ Es sei ihr herzlich egal, ob Clinton die erste US-Präsidentin werde. Wenn jemand zig Millionen Dollar für die eigene Wahlkampagne ausgebe, müsse man leider feststellen, dass der Leitspruch „Eine Person – eine Stimme“ nicht mehr als ein Mythos sei. Und überhaupt würden den USA auch mal andere Parteien abseits der Republikaner und der Demokraten gut tun. Doch das lasse das Zweiparteiensystem in den USA ja leider nicht zu.

Wie bewertet Williams die Situation in Syrien und die Bedrohung durch den Islamischen Staat? „Ideologie kann man nicht wegbomben. Jedes Mal, wenn mein Land ein muslimisches Land bombardiert, schaffen wir dadurch Nachwuchs für den Islamischen Staat.“ Williams kritisiert, dass die USA mehr Geld in die Entwicklung von Waffen und die Ausrüstung des Militärs stecken als die nächsten neun Länder auf der Liste zusammen. Applaus im Saal. Egal, ob Henry Kissinger, George W. Bush oder Barack Obama – Jody Williams scheut sich nicht, im Zusammenhang mit diesen (ehemals) bedeutenden US-Politikern das Wort „Kriegsverbrecher“ in den Mund zu nehmen. Und überhaupt, im Nahen Osten sei ihr Land doch nur involviert, weil „wir denken: Warum befindet sich unser Öl unter deren Boden?“

Irgendwann stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob Williams wohl zu solch einer Vollblut-Aktivistin geworden wäre, wenn sie nicht in den USA, sondern in einem neutralen europäischen Staat wie etwa der Schweiz aufgewachsen wäre. Es sind zwei Dinge, die nach diesem Abend mit Jody Williams vor allem hängen bleiben: Krieg ist nicht die richtige Lösung. Und: Jeder kann etwas tun, um die Welt zu verändern. So kurz zusammengefasst klingen die beiden Sätze wie Allgemeinplätze, doch Williams hat es an diesem Abend in Mönchengladbach geschafft, diese Allgemeinplätze mit Leben zu füllen und ein Stück von ihrem Aktivismus und ihrem Engagement, ihrem Brennen für das, was sie tut, weiterzugeben.

Am Ende der Veranstaltung ruft Williams „I love you, Mönchengladbach“ als Abschiedsgruß in die Halle hinein. Und in diesem Moment ist sie dann doch: typisch amerikanisch.

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