Gegen die Islamisten will er den Islam erneuern

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Fordert eine innerislamische Debatte: der muslimische Psychologe und Islamismus-Experte Ahmad Mansour. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Es ist wohl vor allem seine eigene Geschichte, die Ahmad Mansour so viel Glaubwürdigkeit verleiht und den Islamismus-Experten zu einem gefragten Interview- und Gesprächspartner macht. Als Jugendlicher radikalisierte sich der arabische Israeli selbst, schaffte aber irgendwann den Absprung aus der Szene. Seit 2004 lebt Mansour in Deutschland und kämpft gegen Extremismus.

Auf Einladung der Volkshochschule Aachen und des kommunalen Integrationszentrums der Städteregion war Mansour in Aachen. Polizeiwagen vor der Tür, strenge Taschenkontrollen am Einlass und Bodyguard mit Knopf im Ohr im Vortragsraum zeigten deutlich: Mansours Islamkritik hat ihn nicht nur zu einem gefragten Experten gemacht, sondern führt auch dazu, dass er Morddrohungen erhält und massive Anfeindungen erlebt. Im Interview mit unserer Redakteurin Christina Hand- schuhmacher spricht der 40-Jährige über seinen Weg aus der Radikalisierung und seine Erwartungen an Muslime in Deutschland.

 

Herr Mansour, in Ihrem Buch definieren Sie eine „Generation Allah“. Wer gehört zu dieser Generation, und was charakterisiert sie?

Mansour: Das sind Jugendliche, die unter uns leben, aber diese Gesellschaft zumeist ablehnen. Diese Jugendlichen tragen ganz andere Werte in sich und leben in Parallelwelten, die sich der demokratischen Grundordnung entziehen. Ihre Religion haben sie absolut gesetzt. Sie haben ein problematisches Bild von Geschlechterrollen, unterstützen patriarchalische Strukturen und tragen antisemitische Parolen und Bilder in sich. Meist sind sie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zur Welt gekommen, und ihre Familien leben in zweiter oder dritter Generation in Deutschland. Sie sind diejenigen, bei denen in naher Zukunft die Parolen von Salafisten und Dschihadisten auf fruchtbaren Boden fallen könnten. Die „Generation Allah“ umfasst nicht nur die Mitglieder salafistischer Vereine, sondern auch Sympathisanten und Menschen, die die Ideologie weiter verbreiten oder ihr einfach unkritisch gegenüberstehen. Wir müssen diese Jugendlichen gewinnen, bevor die Islamisten das tun.

Sie sagen, dass aktuell Salafisten die besseren Sozialarbeiter sind, weil sie die Bedürfnisse vieler Jugendlicher erkennen und sie dort abholen, wo sie stehen. Warum ist das so und wie lässt es sich ändern?

Mansour: Ich will die Sozialarbeit in Deutschland nicht abwerten, aber in der Tat sind Salafisten oft viel besser in der Lage, Jugendliche zu erreichen. Wir müssen uns auch fragen, ob die Jugendlichen noch in den Jugendzentren sind oder nicht vielmehr über die Sozialen Medien erreicht werden können. Wir brauchen digitale Sozialarbeiter, und wir brauchen Gegennarrative, um den Botschaften der Salafisten etwas entgegenzusetzen.

Sie sprechen sehr offen darüber, dass Sie selbst als Jugendlicher in Israel beinahe zum Islamisten geworden wären. Was hat Ihre eigene Radikalisierung ausgelöst?

Mansour: Ich steckte im Alter von 13, 14 Jahren in einer persönlichen Krise, wurde gemobbt, hatte keine Freunde, habe kaum Perspektiven gesehen. Der Einzige, der das bemerkt hat und mich angesprochen hat, war der Imam von nebenan. Er hat meine Krise erkannt und mir ein Angebot gemacht. Und er hat mich nicht eingeladen, fünf Mal am Tag zu beten, sondern er hat mir gesagt, dass ich dort Freunde finde. Und ich habe Freunde gefunden, ich hatte das Gefühl, zu einer Elite zu gehören, auserwählt zu sein. Ich konnte gegenüber meinen Eltern, meinen Lehrern rebellieren. Diese Faktoren spielen immer wieder eine Rolle.

Wie haben Sie den Absprung geschafft?

Mansour: Das war ein Prozess, der mehrere Jahre gedauert hat – verbunden mit sehr schwierigen Situationen, sozialem Druck, Angst und persönlichem Zweifel, ob ich den richtigen Weg eingeschlagen habe. Ich bin nach dem Schulabschluss umgezogen von dem kleinen Dorf meiner Eltern nach Tel Aviv, das damals sehr westlich orientiert war. Das hat meine Neugierde geweckt. Im Psychologiestudium habe ich dann sehr viele Bücher gelesen, die nichts mit dem Islam und Theologie zu tun hatten, und dann habe ich begonnen zu zweifeln. Und irgendwann habe ich dann entschieden, dass ich das so nicht mehr will.

Sie sind praktizierender Muslim, aber auch ein deutlicher Kritiker bestimmter Auslegungen des Islams. Was passt Ihnen am Islam, wie er vielfach in Moscheen in Deutschland praktiziert wird, nicht?

Mansour: Alles, was mit Demokratie und Menschenrechten nicht vereinbar ist. Die strikte Trennung der Geschlechter, die Abwertung anderer Menschen, der Exklusivglaube, also der Glaube daran, dass der Islam die einzige wahre Religion ist und keine Religion neben ihm akzeptiert wird, die Opfer- und Feindbilder. Wir müssen nicht nur Dschihadismus bekämpfen, sondern auch diejenigen, die die Welt in Schwarz und Weiß teilen, denn sie schaffen die Basis für Radikalisierung. Wenn ich die Muslime immer nur in der Rolle der Opfer sehe, in der Rolle derjenigen, die diskriminiert werden, ausgeschlossen und vorverurteilt, greift das zu kurz.

Wie meinen Sie das?

Mansour: Es hat mich sehr geärgert, dass Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, kurz nach dem Anschlag in Berlin wieder darauf hingewiesen hat, dass sich dadurch die Situation der Muslime in Deutschland verschlechtert hat. Das mag sein. Aber die echten Opfer sind die Menschen, die bei dem Anschlag getötet oder verletzt wurden. Wir müssen als Gruppe, als Religionsgemeinschaft auch die Frage stellen, wie so ein Ungeheuer wie der Islamische Staat unter uns entstehen konnte. Wir müssen uns kritische Fragen stellen und unsere Religion erneuern.

Von wem könnte denn für die Muslime in Deutschland so ein Impuls ausgehen?

Mansour: Von Moscheevereinen oder von Muslimen wie mir. Es gibt in anderen Ländern auf jeden Fall derartige Tendenzen. Dort werden solche Fragen gestellt, und dort wird gesehen, dass die Anhänger des IS das Produkt eines bestimmten Islamverständnisses sind und nicht vom Mars kommen.

Welches Islamverständnis ist das?

Mansour: Ich bin überzeugt, dass das Islamverständnis, das sich auch im IS wiederfindet, mehrere Punkte umfasst: den Buchstabenglauben, also die Annahme, dass die Texte aus Koran und Sunna wie in Stein gemeißelt sind und nicht interpretiert werden dürfen. Die Abwertung anderer Religionen. Die Propagierung von Opfer- und Feindbildern, die die Gruppe der Muslime als Opfer von Krieg, Verfolgung und Anfeindung sehen und den Westen – insbesondere die USA – zum Feind erheben. Jugendlichen, die in einer Krise stecken, bietet dieses Islamverständnis Orientierung und eine Alternative. Und die ist dann, ein Attentat zu begehen, Menschen zu töten, dafür Aufmerksamkeit zu bekommen, und vor allem die Anerkennung von Gott. Solange das so ist, werden wir immer wieder mit Terrorismus zu tun haben.

Islamismus und Islam sind also nicht zwei komplett getrennte Welten?

Mansour: Der IS hat nichts Neues erfunden. Die Narrative, die Worte, die Erzählungen sind die gleichen. Als ich den IS-Anführer Abu Bakr Al-Baghdadi beim Freitagsgebet zum ersten Mal habe predigen hören, die Art und Weise wie er gesprochen hat, das hätte genauso in der Moschee in meinem Heimatdorf sein können.

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