Ex-Kanzler Schröder: „Du kannst Onkel zu mir sagen"

Von: Amien Idries
Letzte Aktualisierung:
Ex-Kanzler Gerhard Schröder
Ex-Kanzler Gerhard Schröder am Donnerstag in Aachen. Im Hintergrund Ulla Schmidt und Karl Schultheis. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Die Strahlkraft eines ehemaligen SPD-Bundeskanzlers lässt sich wohl am besten an seiner Wirkung auf den Parteinachwuchs messen. Besonders bei Gerhard Schröder, der mit seiner Agenda-Politik aus dem Jahr 2003 viel Widerspruch bei den Jusos geerntet hat, die gegenüber dem Partei-Establishment traditionell eher auf Krawall gebürstet sind.

Nicht so in Aachen, wo Schröder am Donnerstag zu Gast beim von der SPD initiierten Industriedialog im Technologiezentrum am Europaplatz war. Schüchtern, fast ehrfürchtig stellt da der Aachener Juso seine Frage zur Agenda 2010.

Ob da sozialpolitisch vielleicht auch Fehler gemacht worden seien, eventuell, unter Umständen? Dabei ist er wohl so ergriffen, dass er den Ex-Kanzler siezt und das Genossen-Du vergisst – ebenfalls eine SPD-Tradition, die verdeutlichen soll, das es in der Partei keine Unterschiede zwischen den Mitgliedern gibt.

Schröders Reaktion verdeutlicht den jovialen Charakter der Veranstaltung und seines Hauptdarstellers: „Früher waren die Jusos aber deutlich unhöflicher. Wenn Dir das Du schwerfällt, kannst Du auch Onkel zu mir sagen.“ Schröder hat die Lacher auf seiner Seite, und der Kopf des Jusos errötet noch ein wenig mehr.

Es sind gute Zeiten für Gerhard Schröder. Die SPD hat seinen Ziehsohn Steinbrück zum Kanzlerkandidaten gemacht und demonstriert im Wahlkampf allerorten Geschlossenheit. Vorbei die Zeiten, in denen er wegen der Agenda vom linken Parteiflügel angegangen wurde.

Auch, weil es inzwischen von vielen Seiten Lob für die umstrittene Reform gibt. Aus dem Ausland, das sich nach der deutschen Wettbewerbsfähigkeit sehnt, und sogar vom politischen Gegner im Inland, der unverhohlen zugibt, von den damaligen Weichenstellungen zu profitieren.

Und so hat der politische Privatier sichtlich Spaß an den sporadische Wahlkampfauftritten für seine Partei. Staatsmännisch und nonchalant, mit einer Prise selbstironischer Selbstverliebtheit meistert er den Besuch in Aachen, den er seiner ehemaligen Ministerin Ulla Schmidt zuliebe macht.

Vor einem Publikum, das etwa zur einen Hälfte aus SPD-Mitgliedern, inklusive der regionalen Parteiprominenz, und zur anderen aus Vertretern der Wirtschaft besteht, erklärt er, warum es Deutschland ökonomisch im Vergleich zu anderen europäischen Staaten derzeit so gut geht.

Das habe erstens mit dem immer noch recht hohen Grad an Industrialisierung zu tun, der eine gute Absicherung gegen die Finanzkrise gewesen sei, zweitens mit der Tarifautonomie, die große und lähmende Arbeitskämpfe verhindere, und drittens natürlich mit ihm, beziehungsweise mit der Agenda 2010.

Die sei grundsätzlich richtig gewesen, aber natürlich habe es auch Fehler gegeben, sagt Schröder, der seine politische Lebensleistung dadurch keinesfalls geschmälert sieht. Da wo es Probleme gebe – beispielsweise beim Missbrauch von Zeitverträgen oder dem fehlenden flächendeckenden Mindestlohn – müsse gegengesteuert werden, reproduziert der Ex-Kanzler die offizielle SPD-Linie.

Um im Anschluss das Prinzip guter politischer Führung zu erklären – natürlich am Beispiel seiner selbst und der Agenda-Politik, die ihn nach Meinung vieler Analysten 2005 das Amt kostete. Politische Führung bedeute, dieses Risiko in Kauf zu nehmen, wenn man davon überzeugt ist, das Richtige für das Land zu tun.

„Genau diese politische Führung vermisse ich derzeit in Deutschland“, leitet Schröder von der staatsmännischen Geschichtsstunde zum aktuellen Wahlkampf gegen seine Nachfolgerin über. Der von seiner Partei mitgetragene Euro-Rettungskurs Merkels sei zwar prinzipiell in Ordnung. Man dürfe die Menschen aber nicht im Unklaren darüber lassen, was eine Rettung kosten kann. „Das muss man ihnen sagen. Und zwar vor der Wahl.“

Spricht's und erntet Applaus, der mit der Zeit an Rhythmus gewinnt. So sieht Versöhnung auf Sozialdemokratisch aus.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert