Erkenntnisse über einen machtgierigen Egomanen

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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Wahlkampfauftritt in Bildern: Donald Trump – hier bei einer Rede im US-Bundesstaat New Hampshire im Juni 2016 – spaltet mit seinen kruden Thesen nicht nur das Land, sondern auch die Republikanische Partei. Foto: dpa
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Wahlkampfauftritt in Bildern: Donald Trump – hier bei einer Rede im US-Bundesstaat New Hampshire im Juni 2016 – spaltet mit seinen kruden Thesen nicht nur das Land, sondern auch die Republikanische Partei. Foto: dpa
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Wahlkampfauftritt in Bildern: Donald Trump – hier bei einer Rede im US-Bundesstaat New Hampshire im Juni 2016 – spaltet mit seinen kruden Thesen nicht nur das Land, sondern auch die Republikanische Partei. Foto: dpa
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Wahlkampfauftritt in Bildern: Donald Trump – hier bei einer Rede im US-Bundesstaat New Hampshire im Juni 2016 – spaltet mit seinen kruden Thesen nicht nur das Land, sondern auch die Republikanische Partei. Foto: dpa
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Trump hat das politische System der USA noch gar nicht verstanden, sagt sein Biograf Michael D'Antonio. Foto: Toni Raiten D‘Antonio

Aachen. Er hat ihn zu fünf Gesprächen getroffen, dann brach Donald Trump den Kontakt ab. Der Grund: Der Journalist und Autor Michael D‘Antonio hatte es gewagt, mit einem Menschen zu sprechen, den Trump hasst. Die Arbeit an seiner Biografie „Die Wahrheit über Donald Trump“ hat D‘Antonio trotzdem fortgeführt.

Im Interview mit unserer Zeitung erläutert der preisgekrönte US-Journalist die Gründe für Trumps politischen Aufstieg, beleuchtet seinen Charakter und erklärt, was den voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner antreibt.

Sie haben Donald Trump mehrmals getroffen und ausführliche Gespräche mit ihm geführt. Wie haben Sie ihn erlebt?

Michael D’Antonio: Er ist wie die Person, die wir im Wahlkampf sehen. Er ist sehr auf sich selbst fokussiert. In Gesprächen mit ihm geht es nur um seine Erfolge, oder er beschwert sich, dass sein Reichtum, seine Brillanz oder sein Aussehen nicht genug gewürdigt werden. Ich glaube, ich habe noch nie einen Mann getroffen, der mehr mit seinem Aussehen beschäftigt ist als er und der so viel Wert darauf legt, dass die Leute ihn für gut aussehend halten.

Klingt sehr oberflächlich. Trump hat es dennoch so gut wie geschafft, Kandidat der US-Republikaner zu werden. Damit hat er eine realistische Chance, Präsident zu werden. Wie sehr besorgt Sie das?

D’Antonio: Ich bin sehr besorgt, aber es hat mich leider nicht überrascht, dass er die Nominierung gewonnen hat. Sein Wille zur Macht ist extrem stark. Es gibt nur wenige Dinge, die er angestrebt und dann nicht erreicht hat. Als er mir 2013 sagte, dass er sich für das Amt des Präsidenten bewerben will, war ich skeptisch. Ich hielt seine Idee für lächerlich, denn er rechnete sich aufgrund seiner Popularität in den Sozialen Netzwerken gute Chancen aus. Er erzählte mir, dass ihm dort täglich Hunderte Leute sagten, dass er für das Amt des Präsidenten kandidieren soll.

Für mich ist klar, dass er nur nach persönlicher Macht strebt. Er hat keine Agenda, keine politische Philosophie. Er versteht nicht wirklich, wie die verschiedenen Elemente unserer Regierung arbeiten. Ich habe von einer Quelle aus dem Büro von Paul Ryan, einem mächtigen Republikaner im US-Kongress, gehört, dass Ryan Trump bei einem Treffen die Grundlagen der Verbindung zwischen dem Präsidenten und dem Kongress erklären musste. Basiswissen also. Ich glaube, Trump hat unser politisches System noch gar nicht verstanden.

Was ist in den USA passiert, dass ein Populist wie Trump tatsächlich die Chance hat, Präsident zu werden?

D’Antonio: Die USA haben – wie viele andere Industrienationen auch – das Problem, dass sich die wirtschaftliche Situation verändert: Die Löhne von Arbeitern sinken, der Mittelstand steigt ab, es gibt Angst, im globalen Wettkampf abgehängt zu werden. Einige Amerikaner sehen schwarz für ihre Zukunft, angesichts der Konkurrenz aus Asien etwa. Trump nutzt das geschickt aus.

Wir hatten schon lange keinen Demagogen dieser Art mehr. Befremdlich ist ja auch, dass er ein TV-Star ist. Er ist seit mehr als zehn Jahren im TV zu sehen und mit einem großen Vorteil gestartet: Er hatte die Aufmerksamkeit der Bevölkerung. Er hat keinerlei politische Vorgeschichte, weswegen man ihm nicht vorwerfen kann, zum Beispiel als Gouverneur dieses oder jenes versäumt zu haben. Stattdessen symbolisiert Trump für viele Menschen schlichtweg Macht.

Was erhoffen sich seine Wähler von einem Präsidenten Donald Trump?

D’Antonio: Es sind mehrere Sachen: International erhoffen sie sich, dass er extrem durchsetzungsfähig sein wird und die anderen Staaten zwingen wird, nach seiner Pfeife zu tanzen. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass er den Einsatz der US-Streitkräfte zur Unterstützung von Verbündeten an Bedingungen knüpft. Was das Leben in den USA angeht: Die Leute sind auf Geld fixiert. Sie glauben, dass Trump unsere Handelsvereinbarungen so verändern könnte, dass die amerikanische Industrie massiv profitiert. Es ist Wunschdenken – als ob ein Präsident einen Zauberstab hat und alles ermöglichen kann.

So wie es sein Wahlkampfslogan „Make America great again“ („Amerika wieder großartig machen“) verspricht. . .

D‘Antonio: Trump sagt, dass er aus Amerika ein Land machen will wie in einer TV-Serie aus den 1950er Jahren. Alle Menschen sind weiß, halten sich an die Gesetze, sind wohlsituiert und glücklich, und es gibt kein Leid und keine Armut. Das ist offensichtlich eine Fantasie. Amerika war für sehr viele Leute kein gutes Land in den 1950ern. Wenn du aber eine weiße, wütende Person bist, dann stellst du dir vor, dass deine Probleme gelöst wären, wenn diese Zeit zurückkäme.

Viele Amerikaner sehen sich vom Establishment abgehängt. Aber warum hoffen sie gerade auf Trump, der doch durch seine Herkunft auch Teil des Establishments – wenn auch nicht des politischen – ist?

D’Antonio: Trump wurde in eine der reichsten Familien des Landes hineingeboren. Das Verstörende ist: Der Trump, den die Menschen jetzt unterstützen, ist ein fiktiver Charakter. Es ist eine Figur, die Trump schon in den 1970er Jahren erschaffen hat. In seiner Vorstellung repräsentiert er, was er den „Milliardär der Leute“ nennt: einen Menschen, der schwerreich ist, aber trotzdem Wut auf das System verspürt. So kann er für andere Identifikationsfläche bieten und die Hoffnung verkörpern, dass auch sie eines Tages sehr reich sein werden. Ich glaube, dass die Figur, die er da erschaffen hat, den wirklichen Donald Trump verdrängt hat. Er lebt sein Leben und ist dabei immerzu ein Darsteller seiner selbst.

Er lässt die Räume, die er betritt, speziell ausleuchten und will, dass die Menschen um ihn herum schlank und schön angezogen sind. Frauen müssen wie Filmstars aussehen, und Männer sollen perfekt geschnittene Anzüge tragen und gut frisiert sein. Es gab eine Zeit, da hat er an die Männer in seiner Umgebung eine spezielle Creme verteilt, die sie vor einer Glatze bewahren sollte. Denn er wollte niemanden in seiner Umgebung, der dem klassischen Schönheitsideal nicht entspricht.

Jetzt ist er so sehr diese Schöpfung, dass er, so hat er es mir gesagt, nicht gern über sich selbst nachdenkt, weil er Angst davor hat, welche Schlüsse er daraus ziehen wird. Er vermeidet es, sich selbst zu analysieren und über seinen Einfluss auf andere nachzudenken, sondern er macht einfach immer weiter.

Ist Trump also vor allem jemand, der Menschen gut manipulieren kann?

D’Antonio: Definitiv. Experten, die sein Verhalten untersucht haben, haben gesehen, dass er einen hochgradig manipulativen Charakter hat. Er benutzt Methoden, die Verkaufspersonal benutzt, und er hat sie perfektioniert. Es ist fast so, als hätte er die Kunst der Manipulation studiert. Wenn er auf einer Bühne steht, lässt er bestimmte Schlagwörter fallen: Zum Beispiel sagt er die Wörter „illegaler Immigrant“, „Vergewaltigung“, „Mord“ und „Drogen“. Es spielt keine Rolle, ob er ein stringentes Argument liefert.

Der Punkt ist, dass er diese Worte los wird. Und wenn sie draußen sind, schnappen die Menschen sie auf und spüren die Emotion hinter diesen Worten. Und sie erkennen: Er ist wie ich. Er hat Angst vor Fremden, er ist wütend, und er erkennt, dass wir zu Opfern gemacht werden, und bewahrt uns davor. Er ist höchst manipulativ. Alle Politiker manipulieren zu einem gewissen Grad, aber normalerweise haben sie eine wirkliche Botschaft und es geht um etwas Reales. An Trump gibt es nichts, das echt ist.

Nachdem Trump am 16. Juni 2015 seine Kandidatur für die Nominierung bekannt gegeben hatte, wurde er mit Häme und Spott überzogen. Haben Politik und Medien ihn zu lange unterschätzt?

D’Antonio: Ja, er wurde lange Zeit als bloße Belustigung betrachtet. Wir haben hier in den USA viele dieser 24-Stunden-Nachrichtensender, und sie brauchen ständig Bilder und Nachrichten. Trump war für sie eine konstante Quelle. Viele Leute hielten das für lustig. Bei intelligenten Menschen gilt Trump als Lügner und Demagoge. Aber ich treffe auch beinahe täglich Leute, die Trump für eine Führungsperson halten. Die Vorstellung, dass er Präsident werden könnte, gefällt ihnen.

Trump hat auch schon 1987, 1999 und 2011 öffentlich mit dem Präsidentenamt geliebäugelt – aber es blieb bloß bei den Ankündigungen. Warum scheint ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt für ihn gekommen zu sein?

D’Antonio: Zum Teil liegt es natürlich an seinem Alter. Er ist jetzt 70 und weiß, dass er vielleicht in vier Jahren nicht noch einmal die Chance haben wird. Hätte er 2012 kandidiert, wäre er gegen einen beliebten Präsidenten angetreten, der gerade seine erste Amtszeit hinter sich gebracht hat. Das wären keine guten Voraussetzungen gewesen. Trump weiß, wann er seine Karte spielen muss. Zudem hat auch seine Wut auf Präsident Barack Obama eine Rolle gespielt. Trump war 2011 bei einem Korrespondentendinner im Weißen Haus, wo Obama viele Witze auf Trumps Kosten gemacht hat.

Das hat ihn zusätzlich motiviert, Präsident zu werden. Ich glaube, er hat die Vision, dass Obama ihm die Tür zum Oval Office öffnet und er dann dort steht als der Mann, der denjenigen besiegt hat, der sich über ihn lustig machte. Trump nimmt alles persönlich, er ist so dünnhäutig. Er fühlt sich von allen angegriffen. Er sagt, wenn du mich schlägst, schlage ich dich zehn Mal härter; als ob das ein vernünftiger Ansatz wäre. Er ist ein sehr gestörter Mensch.

Warum will Trump unbedingt US-Präsident werden?

Michael D’Antonio: Das ist das Einzige, was er in seinen Augen noch nicht erreicht hat. Er kann nicht Papst werden, und er kann nicht Präsident eines anderen Landes werden, also will er Präsident der USA werden. Es geht ihm nur darum, Aufmerksamkeit, Berühmtheit und Macht zu erlangen. Trump ist erregt von der Idee, dass er jetzt – mit Erreichung der Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat – eine historische Figur geworden ist und sein Name noch in Jahrzehnten bekannt sein wird.

Welche Fähigkeiten qualifizieren Trump zum US-Präsidenten?

D’Antonio: Sein Wille zum Erfolg ist so groß, dass er alles tun wird, um Misserfolge zu vermeiden. Falls er Präsident werden sollte, ist das meine einzige Hoffnung: Dass er eine desaströse Präsidentschaft und damit einen Misserfolg vermeiden will und deshalb seinen impulsiven, aggressiven Charakter ablegt und präsidial wird.

Denken Sie, dass er die Wahl gewinnen wird?

D’Antonio: Nein. Es gibt genug kluge Menschen im Land, die verstehen, was da abläuft. Ich will mir nicht vorstellen, was er im Falle eines Wahlsiegs aus den USA machen würde. Er scheint die Freiheit der Presse beschneiden zu wollen, scheint keine Ahnung von der Verfassung zu haben. Ein Präsident Trump wäre ein großes Risiko für die USA.

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