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Ein Leben für die Versöhnung

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Dieser Mann bleibt einem immer und nachhaltig und in einer ganz außerordentlichen Art in Erinnerung. 2010, als der damalige polnische Regierungschef Donald Tusk, heute Präsident des Europäischen Rates, den Aachener Karlspreis bekam, diskutierte er mit Schülerinnen und Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, einen Tag später trafen wir uns zu einem mehrstündigen Gespräch, und die Unterzeile auf der Sonderseite lautete: „Das Interview mit dem ehemaligen Außenminister ist ein historisches Seminar.“

Wladyslaw Bartoszewski ist am Freitag im Alter von 93 Jahren gestorben. Diese Persönlichkeit des 20. und 21. Jahrhunderts hinterlässt tiefe, beeindruckende Spuren. Bartoszewski hat Großes für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen geleistet. Der einstige Auschwitz-Häftling formulierte das so: „Schon im Kriege hatten wir in unseren Widerstandsgruppen darüber diskutiert: Es kann keine allgemeine Rache geben. Die Deutschen haben schwere Untaten auf sich geladen. Sie werden auch schwer dafür büßen müssen. Gerechtigkeit, ja. Wahrheit über die Vorgänge, ja. Rache, nein!“

Der polnische Patriot, Publizist, und Politiker handelte unbeirrt und unverdrossen als Versöhner seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs – zuweilen auch gegen heftige Kritik seiner Landsleute. Der polnische Philosoph und Schriftsteller Stanislaw Lem schrieb über Bartoszewski: „Kein Preis und kein Lob können einem solchen Menschen gerecht werden.“ Für Heinrich Böll war er „ein leidenschaftlicher Humanist“.

Als 18-Jähriger für ein halbes Jahr in Auschwitz-Birkenau: Der junge politische Häftling trug die KZ-Nummer 4427. Die Schülerinnen und Schüler im Geschwister-Scholl-Gymnasium fragten ihn 2010 danach. Manchmal, so antwortete er den jungen Menschen, denke er an jenen Tag im Winter 1940, als er vor Kälte und Hunger und Angst zitternd auf dem Appellplatz von Auschwitz stand. „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich im Verlauf eines einzigen Lebens diesen Wandel der überwiegenden Mehrheit der Deutschen zu einer demokratischen Gesellschaft erleben würde, die sich von humanitären Regeln leiten lässt, und dass ich in einem rechtsmäßigen europäischen Staat der parlamentarischen Demokratie leben und arbeiten würde, ich hätte diesen Menschen als optimistischen Träumer und Utopisten angesehen.“

Bartoszewski beteiligte sich am Warschauer Aufstand. Er organisierte falsche Ausweispapiere zur Rettung von Juden. Nach dem Krieg legte er sich mit den Kommunisten und Stalinisten an, wurde mehrfach interniert, auch wieder Anfang der 80er Jahre, als in seinem Land das Kriegsrecht ausgerufen wurde.

Zivilcourage, schreibt er in seinem Buch „Es lohnt sich, anständig zu sein“, sei für eine wichtige Tugend. „Sie bedeutet, dass man sich dem Strom entgegenstellen muss. Und es sind immer nur wenige, die die Kraft dazu haben.“

Das ist sein Vermächtnis, und das war auch der Tenor in diesem bemerkenswerten Gespräch mit den jungen Leuten. Er forderte von ihnen aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Fragen und den Mut, „manchmal auch weniger populäre Meinungen zu vertreten“. Anstand bedeute loyal, aber nicht unkritisch zum demokratischen Staat zu stehen. „Der Erfolg und die Integrität einer Demokratie hängen von jedem Einzelnen ab.“

Nicht nur Polen trauert

Und mit seiner schnellen Aussprache, seiner individuellen Betonung, seiner Gestik und seiner alles überstrahlenden Courage rief er in die Schulaula: „Vergessen Sie niemals: Totalitäre Regime haben sich den Weg zur Machtergreifung auf dem Rücken sogenannter braver Bürger gebahnt. Die Quelle vieler Übel ist die Sünde der Gleichgültigkeit. Sie widerspricht dem Anstand.“

Historische Brillanz, politische Perspektive und beeindruckende Authentizität haben diese große Persönlichkeit geprägt und ausgezeichnet. Nicht nur Polen hat allen Grund zu trauern.

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