Ein „Cappuccino-Modell“ gegen drohende Altersarmut

Von: Joachim Zinsen
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Den meisten Rentnern geht es heute finanziell gut. Vielen Künftigen droht aber Altersarmut. Foto: Silas Stein/dpa

Aachen. Auch wenn es der Bundeskanzlerin nicht in ihr Konzept passt, drängt die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) darauf, das Thema Rente zu einem Schwerpunkt des Bundestagswahlkampfs zu machen. Unter dem Motto „Sie planen Deine Altersarmut“ startete sie gestern im Bistum Aachen eine Kampagne für eine armutsfeste Altersvorsorge. Im Mittelpunkt steht dabei ein eigenes Rentenkonzept – das „Cappuccino-Modell“.

Dass beim derzeitigen Rentensystem vieles im Argen liegt, macht Andris Gulbins an einem Beispiel deutlich. „Jemand, der nur den Mindestlohn verdient, muss mindestens 59 Jahre arbeiten, um nicht als Ruheständler auf die Grundsicherung angewiesen zu sein“, sagt der Leiter des KAB-Bildungswerks in der Diözese Aachen. Millionen künftiger Rentner drohe Altersarmut. Betroffen seien vor allem Langzeitarbeitslose, Versicherte mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, Alleinerziehende und Frauen mit langer Familientätigkeit. Deutschland steuere sehendes Auges in eine sozialpolitische Katastrophe, sollte sich in der Rentenpolitik nicht schnell etwas ändern.

Für den geforderten Kurswechsel schweben der KAB Leitlinien vor. Zunächst will sie die gesetzliche, umlagefinanzierte, solidarische Rente deutlich gestärkt sehen. „Das Rentenniveau muss wieder auf 51 Prozent steigen“, sagt Gulbins. Gleichzeitig sollen künftig auch alle Freiberufler und Beamte in die staatlichen Rentenkassen einzahlen. Doch dabei belässt es die KAB nicht. Sie hat einen kompletten Reformvorschlag erarbeitet – ihr „Cappuccino-Modell“. Wie das italienische Heißgetränk besteht es aus drei Schichten.

Stufe eins – quasi der Espresso – ist eine neue Sockelrente, die allen in Deutschland steuerpflichtigen Bürgern zusteht. Ihre Höhe liegt bei 515 Euro. Finanziert wird diese Mindestsicherung durch einen Beitrag auf die Summe aller positiven Einkünfte und aus Steuermitteln.

Stufe zwei – also der Milchkaffee – ist die Erwerbstätigenversicherung, in die künftig auch Freiberufler und Beamte einzahlen sollen. Sie ähnelt der bisherigen gesetzlichen Rentenversicherung. Denn was später jedem einzelnen Ruheständler zusteht, hängt nach wie vor von der Höhe seiner langjährigen Einzahlungen ab. Damit die Versicherten aber bessergestellt sind als bisher, soll die Rentenanpassungsformel korrigiert werden. Die KAB will, dass sie sich wieder direkt an der Bruttolohnentwicklung orientiert. Finanziert wird diese Versicherung paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Hinzu kommt ein Zuschuss aus dem Steuertopf.

Als Milchschaum oben darauf und damit als dritte Stufe ihres Modells schlägt die KAB vor, eine für alle Unternehmen verpflichtende Betriebsrente einzuführen. Deren Einlagen sollen auch gegen Insolvenzen gesichert werden. Der Abschluss einer privaten, kapitalgedeckten Altersvorsorge liegt nach dem Willen der KAB hingegen einzig und allein in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen.

Einen Nerv getroffen

„Dieses Modell ist von Wirtschaftswissenschaftlern durchgerechnet worden“, betont Ralf Bergendahl. „Es lässt sich seriös finanzieren.“ Und er appelliert nochmals an die Politik: „Packt das Thema Rente und drohende Altersarmut endlich an. Es darf nicht auf die lange Bank geschoben werden.“

Damit scheint der KAB-Diözesansekretär vielen aus der Seele zu sprechen. Sein Mitstreiter Gulbins, der gestern einen Infostand in der Aachener Innenstadt betreute, sagt jedenfalls: „Ich habe schon oft Informationsveranstaltungen abgehalten, aber selten sind so viele besorgte Menschen auf mich zugekommen wie jetzt beim Thema Rente.“

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