„Dschungel von Calais“: Zwei Aachener berichten von ihren Eindrücken

Von: Christina Handschuhmacher
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Zwei Welten: Blick auf den „Dschungel von Calais“ vor der Räumung (Bild) und eine Woche danach. Foto: Thomas Müller
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Zwei Welten: Blick auf den „Dschungel von Calais“ vor der Räumung und eine Woche danach (Bild). Foto: Thomas Müller

Aachen/Calais. Nichts ist mehr übrig von dem Lager, in dem vor gut drei Wochen noch mehr als 8000 Menschen gelebt haben. Die behelfsmäßigen Hütten, die bunten Iglu-Zelte und die improvisierten Geschäfte wurden dem Erdboden gleich gemacht.

Die Flüchtlinge, von denen viele auf die Weiterreise nach Großbritannien hofften, auf Aufnahmelager in ganz Frankreich verteilt. An das als „Dschungel von Calais“ bekannte Camp erinnert nichts mehr. „Es ist, als hätte man versucht, selbst die Schatten der Hütten zu beseitigen“, beschreibt Thomas Müller seinen Eindruck.

Der Historiker vom Kulturbetrieb der Stadt Aachen und der Flüchtlingsberater Uwe Schlüper vom Café Zuflucht haben seit April mehrfach das Flüchtlingscamp in der nordfranzösischen Hafenstadt besucht – zuletzt am vergangenen Wochenende.

Ihre ganz persönlichen Eindrücke unterscheiden sich teils fundamental von der Außendarstellung der Situation durch die französische Regierung. „Der französische Staat war in Calais sehr repressiv“, sagt Schlüper. Tränengasangriffe und der Beschuss mit Gummigeschossen seien keine Seltenheit gewesen. „Der ‚Dschungel‘ war ein Ort der Menschenrechtsverletzungen“, sagt Müller. Der Staat habe die Flüchtlinge – die meisten stammen aus dem Sudan, Afghanistan, Pakistan, Eritrea und Syrien – sich selbst überlassen. So, als gehöre dieses Lager, dieses Stück Erde nicht mehr zu Frankreich.

Als sie das erste Mal dort gewesen seien, habe sie ein Gefühl der Scham begleitet, schildert Schlüper. Ein Lager, in dem sich hundert Flüchtlinge ein Toilettenhäuschen teilen müssen und in dem Menschen Euro-Paletten unter ihre Zelte legen, damit diese nicht im Schlamm versinken. Ein Lager mit derart schlechten humanitären Bedingungen – und das mitten im wohlhabenden Mitteleuropa, nur drei, vier Autostunden von Aachen entfernt.

Am 24. Oktober begannen die Behörden mit der Räumung des Camps am Ärmelkanal, am 3. November verließen die letzten Flüchtlinge das Lager. Die beiden Aachener sehen die Räumung zwiespältig. „Es fällt mir schwer, die Räumung nur als humanitären Akt zu sehen, auch wenn die Menschen jetzt unter besseren Umständen leben“, sagt Müller. Schlüper hält den „Dschungel von Calais“ für ein Symbol. Das sei zwar nun beseitigt, aber die Ursachen für die Flucht bestünden weiter.

Es war nicht die erste Räumung, und der jetzige „Dschungel“ war nicht das erste Lager in Calais. Illegale Camps sind im ganzen Norden Frankreichs und selbst in der Hauptstadt Paris ein Problem. Schlüper und Müller gehen nicht davon aus, dass in Calais schon bald ein neues Lager entsteht. Zu massiv wird die Stadt derzeit von der Polizei überwacht. Die Flüchtlinge, die nun in den Aufnahmelagern sind, haben dort vier Wochen Zeit, einen Asylantrag zu stellen. Wollen sie kein Asyl in Frankreich, sondern weiter nach England reisen, werden sie sich wieder auf den Weg machen – wahrscheinlich in Richtung Calais.

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