Dramatische Lage: Besuch eines Flüchtlingslagers im Nord-Irak

Von: Stefan Herrmann
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Dramatische Lage: Das syrische Flüchtlingslager Domiz im Nord-Irak ist für knapp 20 000 Menschen ausgelegt. Aktuell haben dort etwa 50 000 Menschen Zuflucht vor dem Krieg gesucht. Foto: Stefan Herrmann

Erbil/Domiz Camp. Voller Inbrunst singt und musiziert Ibrahim mit seinen Klassenkameraden. So einen Zuhörer hat er schließlich selten zu Besuch. „Ich bin froh, hier in der Schule zu sein“, sagt der Zehnjährige nach der kurzen Aufführung für Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP). Seit einem Jahr lebt der junge Syrer im Domiz Camp, dem größten Flüchtlingslager im Nord-Irak.

Geflohen ist er mit seiner Familie vor dem Krieg, vor Gewalt, Terror und Leid. Nun besucht er mit Gleichaltrigen eine Unicef-Schule, lernt unter anderem Saz – ein traditionelles Zupfinstrument – zu spielen. Er stellt sich geschickt an. Der Applaus nach dem Ständchen ist lang und herzlich. Ibrahim und seine Freunde strahlen. Als Dank gibt es vom deutschen Minister ein Netz voller Fußbälle für die Schüler. Die Freude ist riesig.

Das Thermometer zeigt 47 Grad

Wenige hundert Meter entfernt sitzt Nuri Baban, 45, am Rand der staubigen, unbefestigten Straße. Er hat sich unter einen selbst gebauten Stand verkrochen, der ein wenig Schutz vor der unbarmherzig brennenden Sonne verspricht. 47 Grad zeigt das Thermometer an. „In den Zelten hier im Flüchtlingslager klettern die Temperaturen auf 50 bis 60 Grad. Es ist beinahe unerträglich“, sagt Unicef-Mitarbeiterin Ina Blümel. Baban trotzt der Hitze, repariert Schuhe so wie er es auch in seiner Heimat Syrien getan hat. „So kann ich wenigstens ein bisschen dazu verdienen“, hofft er. Viel sei es aber nicht, gibt er zu. Mit seiner Frau und den acht Kindern teilt er sich ein Zelt. Ohne die Unterstützung von Hilfsorganisationen wie dem Kinderhilfswerk Unicef und dem Welternährungsprogramm (WFP) könnte Nuri seine Familie nicht über die Runden bringen.

Millionen Menschen flüchten vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Das Land versinkt in Gewalt. Mindestens 93.000 Menschen wurden zwischen März 2011 und April 2013 in Syrien getötet, darunter 6500 Kinder. 6,8 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Jedes der Nachbarländer Jordanien, Libanon, Türkei und Irak musste innerhalb kürzester Zeit Hunderttausende Menschen aufnehmen. Das stellt alle Beteiligten vor ernorme Belastungen. Der Syrien-Konflikt droht die gesamte Region zu destabilisieren.

Die meisten Flüchtlinge im Domiz Camp sind Kurden. In der autonomen Kurdenrepublik im Nord-Irak treffen sie auf eine hilfsbereite Provinzregierung. Als irakische Kurden Anfang der 90er Jahre vor der Unterdrückung Saddam Husseins in die kurdische Region des Iran geflohen sind, hat man dort ebenfalls große Unterstützung erfahren. „Das haben wir nicht vergessen“, heißt es bei der Regierung, aber auch bei den Menschen auf der Straße. „Wir sind ein Volk, wir helfen einander.“ So dürfen sich die syrischen Flüchtlinge im Land frei bewegen und Arbeit außerhalb des Camps suchen.

Trotzdem stoßen die Helfer vor Ort mit jedem Tag mehr an ihre Grenzen. Mit Blick auf die explodierenden Flüchtlingszahlen sprechen die Vereinten Nationen von der „derzeit größten humanitären Katastrophe“. Allein im Domiz Camp, schätzt Unicef, leben derzeit über 50.000 Menschen. Offiziell bietet das Lager gerade einmal 20.000 Flüchtlingen Platz. „Die Lage ist dramatisch“, sagt Ute Meir, stellvertretende Landesdirektorin des WFP im Irak.

An der Gutschein-Ausgabe des Welternährungsprogramms herrscht unterdessen hektische Betriebsamkeit. Hunderte Camp-Bewohner wollen ihre WFP-Voucher einlösen, warten dafür bis zu zwei Stunden in der Mittagshitze. Intisar Yassin ist eine von ihnen. Vor einem Jahr ist die 33-Jährige aus Aleppo ins Lager gekommen. Dort hat sie ihren Bruder bei einer Bombenexplosion verloren. „Es gab daheim kein Essen mehr für uns, keinen Strom, kein Benzin. Ein Leben war nicht mehr möglich“, sagt die Mutter von fünf Kindern. Die aussichtslose Lage und die allgegenwärtige Angst haben sie in die Flucht getrieben.

So ist es fast allen der 160.000 registrierten syrischen Flüchtlingen ergangen, die die Grenze zum Nord-Irak überquert haben. Viele sind bei Verwandten oder Freunden untergekommen, die anderen leben nun im UN-Flüchtlingslager nahe des Städtchens Dohuk. Es handelt sich oftmals um Menschen aus der syrischen Mittelschicht. Daheim hatten sie eine Wohnung, fließendes Wasser, einen Job. Facharbeiter, Ärzte, Ingenieure – sie alle sehen sich nun mit der Situation konfrontiert, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, um zu überleben. „Das ist vor allem ein psychisches Problem für viele der Ankommenden“, berichtet Ina Blümel von Unicef.

Das Geld geht aus

Die Hilfsorganisationen schlagen Alarm. Nur noch bis Ende August reicht das Geld, um die Menschen im Domiz Camp mit Lebensmitteln zu versorgen, berichtet WFP. Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel hört genau zu, als er sich vor Ort ein Bild der Lage macht. „Es ist die Aufgabe der Internationalen Staatengemeinschaft – und nicht nur die der Nachbarländer – sich um diese Menschen zu kümmern“, diktiert er in die Mikrofone der Journalisten. „Das Domiz Lager ist weit über seine Kapazitätsgrenzen hinaus ausgelastet. Es ist daher notwendig und richtig, dass die kurdische Regionalregierung gemeinsam mit den internationalen Organisationen an der Planung und dem Bau eines weiteren Flüchtlingslagers arbeitet“, sagt der Politiker, bevor er zusammen mit seinem Tross in die mit laufendem Motor wartenden Jeeps steigt.

Gerade einmal vier Stunden dauert der Besuch im Flüchtlingslager. Auf der Rückfahrt im Polizeikonvoi durch das karge, felsige Irak, vorbei an grasenden Schafherden, versprengten kleinen Wohnsiedlungen, in denen Händler ihre Waren am Straßenrand feilbieten und großen Städten im Bau-Boom drängen sich Fragen auf: Wie kann die Krise in Syrien und die Not der Menschen bewältigt werden? Warum wird die Flüchtlingstragödie von der Weltöffentlichkeit bisher kaum zur Kenntnis genommen? „Einfache Antworten gibt es nicht“, heißt es aus Delegationskreisen.

Die kurdische Regierung hat den Grenzübergang zwischen Syrien und dem Nord-Irak vor Wochen geschlossen. Trotzdem, berichten Unicef-Mitarbeiter, seien in den vergangenen 14 Tagen weitere 1000 Menschen im Camp angekommen. Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass sich bis zum Jahresende die Flüchtlingszahlen allein im Irak von derzeit 160.000 auf 300.000 verdoppeln. „Wir haben hier ein ganz akutes Problem“, sagt Unicef-Mitarbeiterin Blümel, einen weiteren 18-Stunden-Arbeitstag vor der Brust.

Während sich Intisar Yassin auf den Weg zum Supermarkt macht, hält einige hundert Kilometer entfernt Syriens Machthaber Baschar al-Assad in Damaskus eine Fernsehansprache. Darin verkündet er, dass er den Aufstand „mit eiserner Faust“ niederschlagen wolle. Eine Entscheidung, so der Diktator, könne es „nur auf dem Schlachtfeld“ geben. Die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende in Syrien sinkt in der Region der Heimatlosen weiter.

Und so kauft Yassin erst einmal Mehl, Eier, Reis und Fleisch für ihre Kinder ein, Baban flickt weiter Schuhe am Straßenrand. Und Ibrahim? Er und seine Freunde kicken eine Runde mit den neuen Fußbällen. Es sind die Momente, in denen sie vergessen, was sie Schlimmes erlebt haben während der Kriegswirren. Momente, in denen sie einfach nur Kinder sein können.

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