Berlin - Die Mauer und wie sie Historie in Abschnitte teilt

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Die Mauer und wie sie Historie in Abschnitte teilt

Von: Jutta Schütz und Julia Kilian
Letzte Aktualisierung:
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Mauer und Menschen: Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff vermittelt in Berlin Geschichte,... Foto: Gregor Fischer/dpa
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...wie etwa Fakten zum Bau der Mauer (das Foto entstand 1961), von der erst kürzlich in einem Wald ein 80 Meter langes Teilstück wiederentdeckt worden ist. Foto: Bildarchiv/dpa
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Zur Geschichte gehören auch die Verhörzellen in Hohenschönhausen, in einer hat der ehemalige DDR-Häftling Hans-Joachim Lietsche Platz genommen. Foto: dpa

Berlin. Am Checkpoint Charlie in Berlin wird die Geschichte immer teurer. Für ein Foto mit einem falschen US-Soldaten und Flagge will ein Darsteller mittlerweile drei Euro pro Person. Den früheren Grenzkontrollpunkt an der Friedrichstraße passierten einst Diplomaten, heute stehen dort Laiendarsteller vor einem nachgebauten Haus. Drumherum: Touristen und was von der Mauer übrig blieb.

Am Montag ist die Mauer nun genauso lange weg, wie sie da war. Zwei gleich lange Abschnitte deutscher Geschichte: 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Am 13. August 1961 erst mit Stacheldraht und später mit immer mehr Beton hochgezogen, am 9. November 1989 friedlich überwunden. Viele Menschen können sich noch genau an die Zeit der Teilung erinnern. Sie gehörte zu ihrem Leben.

Doch es werden immer mehr, für die die Mauer ebenso in Geschichtsbüchern konserviert ist wie der Nationalsozialismus oder die Weimarer Republik. Eine Bestandsaufnahme.

Der Mann im Stasi-Gefängnis

Hans-Joachim Lietsche, 57, wartet auf seine Besuchergruppe. Er will Schülern erklären, wie die DDR-Staatssicherheit Menschen wie ihn einsperrte. Weil sie nicht auf Linie waren. „30 Jahre hab’ ich meine Haft verdrängt“, sagt der gelernte Bau- und Kunstglaser. Wo Lietsche jetzt steht, war früher die Untersuchungshaftanstalt der Stasi. Heute ist die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen der einzige Ort, an dem der Frührentner über damals reden kann. Dass er nicht mehr als Fassadenmonteur arbeitet, habe auch mit der Vergangenheit zu tun.

Für ihn sei die DDR-Zeit so verdammt präsent – „weil ich erst so spät angefangen habe, mich damit zu beschäftigen.“ Nach dem Essen in einem Dunkelrestaurant vor vier Jahren seien die Erinnerungsfetzen hochgekommen. An die Zelle ohne Fenster, die Isolation und Angst. Paragraf 220, Herabwürdigung staatlicher Organe, sei sein Vergehen gewesen, neun Monate Haft. „Ich hab eine Staatsanwältin als blöde Kuh bezeichnet.“ Lietsche sagt, er habe Flugblätter für die Meinungsfreiheit verteilt und nicht weggewollt aus der DDR.

„Der Mauerfall war einer meiner glücklichsten Tage“, sagt Lietsche. Seine Augen werden feucht.

Der Irgendwie-Geschichtslehrer

Von dem Betonwall, der einst das Leben der Berliner trennte, stehen heute noch Reste. Gerade erst wurde ein altes Stück Mauer am Stadtrand entdeckt. Und zwischen dem Potsdamer Platz und dem Checkpoint Charlie im Zentrum strömen jeden Tag Schülergruppen an den Mauerresten entlang, bevor sie in den Pausen shoppen gehen oder sich heimlich in eine Kneipe schleichen.

Für die junge Generation ist Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff nach eigenen Worten fast ein Geschichtslehrer. „Wenn ich junge Menschen durch Berlin führe, stellen die ganz andere Fragen. Daran erkennt man, dass die Mauer für die Geschichte ist.“ Die erste Frage: Wie lange hat es gedauert, die Grenze zu bauen?

Die Antwort sei nicht so einfach, denn die Abschottung habe schon vor August 1961 begonnen, erzählt er dann. Und der Bau der Mauer und ihre Nachbesserung hätten im Grunde bis zu ihrem Fall gedauert. Die DDR-Führung hatte die Grenze immer mehr perfektioniert, um Fluchten zu verhindern. Die zweite Frage laute oft, wer die Mauer gebaut habe.

SED-Chef Walter Ulbricht ging als „Mauerbauer“ in die Geschichte ein. Noch kurz vorher hatte er die Weltöffentlichkeit getäuscht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Der Stadtführer sagt das alles nicht mit Häme, im Gegenteil. Der gebürtige West-Berliner ist seit 1991 im Geschäft. Als die Mauer fiel, lebte er gerade in London und schaute im Fernsehen BBC. Einen Tag später flog er nach Deutschland – „nach Hamburg”, wie er sagt. „Nach Berlin ging ja nix mehr.“ Ihm kommt die Zeit seit dem Mauerfall länger vor als die Zeit der Teilung. Die Zeitwahrnehmung junger Menschen sei aber eine ganz andere. „Für die ist das die Zeit ihrer Eltern.“

Der Aufkleber auf dem Auto

„Das Zeiterleben ist individuell sehr unterschiedlich“, sagt der Psychologe Klaus Seifried. Er hat 26 Jahre als Schulpsychologe gearbeitet und gehört dem Vorstand des Berufsverbands Deutscher Psychologen an. „Junge Leute können sich das Leben vor 30 oder 40 Jahren kaum vorstellen.“ Wenn er Besuch habe und mit jungen Menschen zur Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße gehe, sei das für sie ähnlich fern wie der Zweite Weltkrieg oder der Holocaust. Das sei dann so, als wenn seine Eltern von der Zeit vor oder während des Krieges erzählt hätten. „Die sinnliche Erfahrung fehlt.“

Seifried zog es 1972 nach West-Berlin. Noch heute gibt es Orte, die ihn in die damalige Zeit zurückversetzen. Neulich habe er am früheren Grenzübergang zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt Helmstedt/Marienborn gehalten. „Ich bin da reingefahren und sofort waren wieder alle Bilder da. Wie man den Ausweis abgeben musste. Wie man gefragt wurde, ob man Waffen an Bord hat. Wie der Aufkleber ‚Frieden schaffen ohne Waffen‘ vom Auto entfernt werden musste.“

Bei der Zeitwahrnehmung könne eine Rolle spielen, dass der Kalte Krieg schon nach 1945 begonnen habe und viel länger gedauert habe als die Mauer. Der Kalte Krieg habe sich ja nicht nur in Deutschland abgespielt, sondern auch in Afrika, Kuba oder Vietnam. „Das waren ja 44 Jahre Ost-West-Konfrontation. Die Mauer war nur ein Teilabschnitt davon.“

Die Geschwindigkeit von heute

Wenn einem die Zeit mit der Mauer länger vorkommt als der Abschnitt seit dem Mauerfall, kann das laut Seifried auch am subjektiven Empfinden und dem heutigen Tempo liegen. Internet, Smartphones, Globalisierung, Mobilität – all das hat den Alltag beschleunigt. „Wenn wir uns erinnern, nehmen wir die Zeit dann als kürzer wahr, wenn viel passiert“, sagt Seifried.

Wichtig sei auch, was man nach dem Mauerfall durchgemacht habe. „Es ist ganz entscheidend, wie man die Zeit danach erlebt hat, ob positiv als Befreiung oder negativ als Verlust.“ Für Menschen, die es nach der Wiedervereinigung schwer hatten, könne sich die heutige Zeit dahinziehen. Auch Stadtführer Müller-Tenckhoff erinnert daran, dass es natürlich die Menschen gab, die sich freuten. Aber eben auch diejenigen, denen die Wende Angst machte.

Manche Menschen in Ostdeutschland fühlen sich noch heute benachteiligt. Obwohl der Lebensstandard seit 1989 gestiegen, die Arbeitslosigkeit wieder gesunken ist und Kommunen herausgeputzt wurden. Sie verweisen auf niedrigere Renten, sterbende Dörfer, abgewanderte Fachkräfte. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst wurde die AfD im Osten zweitstärkste politische Kraft.

Verzerrte Erinnerung

Und nun? Die Teilung wird langsam zur Geschichte. „Menschen neigen dazu, dass sie positive Dinge erinnern und negative vergessen oder relativieren. Bestimmte Dinge werden verklärt – sowohl in Ost als auch West“, sagt Psychologe Seifried.

„Ich glaube, dass Bürger, die die DDR aufgebaut haben, eher die positiven Dinge erinnern und deswegen auch ein Stück enttäuscht sind von der sozialen Härte unseres Systems. Dass sie sich auch an die Fürsorge des Staates erinnern.“ Kollegen aus dem Osten hätten beispielsweise noch während des Studiums Kinder bekommen, weil es Wohnungen, Stipendien und Betreuung gab. „Die Beschränkung und die Bespitzelungen werden nicht mehr so erinnert.“

Von Pionierlagern erzählten Kollegen aus dem Osten noch heute mit leuchtenden Augen. „Wenn wir im Westen daran denken, denken wir an ideologische Ausrichtung“, sagt Seifried. „Es gibt immer mehrere, subjektive Wahrheiten. Je nachdem, aus welcher Perspektive ich auf eine Sache schaue.“

Nostalgie, Verklärung, Mythen

Am Checkpoint Charlie stehen Händler, die russische Pelzmützen verkaufen. Touristin Susanne Ehard aus Bayern weiß genau, wann die Mauer fiel: „Hab ich am Bildschirm miterlebt.“ Sie habe auch ostdeutsche Kollegen in ihrer Firma, eine Kluft gebe es aber bis heute. „Man hat ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl.“

Immer wieder gibt es Kritik, dass das geschichtsträchtige Areal zum Teil wie Disneyland anmutet. Ein seit Jahren geplantes Museum des Kalten Krieges kommt nicht voran. Wenn es ums Erinnern geht, sieht die Bundesstiftung Aufarbeitung in Deutschland noch eine andere Baustelle.

Bis heute gebe es bundesweit keinen Lehrstuhl für DDR-Geschichte, kritisiert Geschäftsführerin Anna Kaminsky. Forschung und Lehre zur DDR gingen seit Jahren zurück, in Westdeutschland finde das kaum noch statt. „Das hat nicht nur Folgen für die Ausbildung der Geschichtslehrer, sondern auch für die gesamtdeutsche Erinnerungskultur.“

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